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Lenas Grand-Prix-Song Ein Fernsehabend im Wartesaal


Schon vor der Show galt der Song als haushoher Favorit, und eigentlich haben alle nur darauf gewartet: Lena wird mit "Taken By A Stranger" Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten. Ein Song, der einschlagen soll wie eine "Wasserbombe".
Von Jens Maier, Köln

Antwortet eigentlich auch mal jemand was anderes?", sagt der Reporter eines kleinen Lokalsenders entnervt zu seinem Kollegen. Gute zwei Stunden vor Beginn der Show befragt er wartende Zuschauer vor den Fernsehstudios in Köln-Mülheim. "Welcher Song gewinnt heute Abend?", lautet die immer gleiche Frage. Und egal ob die aus Hannover angereisten Lena-Fans, die Hausfrau aus Köln-Nippes oder die schwulen Grand-Prix-Anhänger aus Leverkusen - die Antwort ist unisono dieselbe.

Sechs Songs hatten die Fernsehzuschauer ins Finale von "Unser Song für Deutschland" gewählt. Am Freitagabend mussten sie erneut ran. Es ginge um nichts weniger, als das Lied für die "Mission Titelverteidigung" zu finden, lautete das vollmundige Versprechen von Stefan Raab. Doch stattdessen geriet die zweieinhalbstündige Live-Show ähnlich spannend, wie es die Bürgerschaftswahlen am Sonntag in Hamburg werden dürften: ein haushoher Favorit gegen mehrere lahme Enten.

Aufwärmen mit Zoten

Es ist 20.01 Uhr. Über die heimischen Bildschirme flimmert die Tagesschau. Im Studio betritt Stefan Raab die Bühne. Der "Jury-Präsident", wie er sich später ankündigen lässt, treibt zur Einstimmung seine üblichen Späße. Er reißt ein paar zotige Witze, zum Beispiel über zwei Gäste aus dem Hunsrück, stimmt den Siegersong des vergangenen Jahres "Satellite" an und singt für ein Bandmitglied der "Heavytones" eine Parodie auf Howard Carpendales "Alice", bei der er stattdessen den Vornamen "Walter" benutzt. Das Publikum stimmt innbrünstig mit ein: "Walter, Who The Fuck Is Walter."

Ganz Profi, lässt sich Raab nicht aus der Ruhe bringen. Lampenfieber vor einer Live-Show scheint er nach so vielen Jahren Fernsehroutine nicht mehr zu kennen. Locker-flockig zieht er sein Ding durch. Doch die Kritik der vergangenen Tage scheint an dem Metzgersohn nicht spurlos vorübergegangen zu sein. "Freut mich, dass Sie damit schon zufrieden wären", sagt er zum klatschenden Publikum, nachdem er ein paar Töne von "Take Me Tonight" des DSDS-Gewinners Alexander Klaws angestimmt hat. Ein Seitenhieb sollte das sein. Auf die in seinen Augen zweitklassigen Casting-Shows a là DSDS und Co. und einer auf all diejenigen, die ihn heftig angegangen waren.

Der Vorentscheid sei langweilig und wäre zu einem einzigen Lena-Lala-Brei verkommen, lauten die Vorwürfe gegen sein Showkonzept. Die Fernsehzuschauer waren in Scharen davongelaufen - weniger als zwei Millionen wollten das zweite Halbfinale sehen. Später wird sich herausstellen: Mit 3,25 Mio Gesamtzuschauern würde auch das Finale unter ARD-Schnitt und weit hinter der "Satellite"-Wahl bleiben. Trotzdem, Raab will diese Kritik nicht gelten lassen. Bei anderen Casting-Shows würde gemeckert werden, dass eine "Casting-Leiche nach der anderen" produziert werde, holt er in der "Süddeutschen Zeitung" zum Gegenschlag aus. Er hingegen habe mit Lena eine Super-Sängerin gefunden, und wolle ihr jetzt die Chance geben, sich als Künstlerin zu etablieren.

Lena nutzt ihre Chance

Dass sie diese Chance nutzt, stellt Lena auch an diesem Freitagabend eindrucksvoll unter Beweis. Der Zauber von Oslo - er blitzt auf, sobald sie die Bühne betritt. Stimmlich gereift, präsentiert sie alle sechs Songs in Lena-Höchstform - ob "What Happened To Me", "Maybe", "A Million And One" oder "Mama Told Me". Ihre Klasse stellt Lena vor allem unter Beweis, wenn etwas nicht klappt. Bei der Ballade "Push Forward" singt sie aus Versehen die zweite Strophe zuerst. Ein Patzer, der andere Künstler ins Wanken gebracht hätte, doch Lena meistert die Situation so souverän, dass fast niemand es bemerkt. "Da müssen Sie sich verhört haben", wird sie anschließend auf der Pressekonferenz flunkern.

Vorher, um 21.25 Uhr, ist es soweit. Es dröhnen die hämmernden Electropop- und Synthesizer-Beats durch den Saal, auf die alle seit knapp eineinhalb Stunden warten. Lena betritt in einem schwarzen Mini-Kleid die Bühne. Zum Rhythmus der Musik hüpfen hinter ihr Tänzerinnen in silbernen Ganzkörper-Anzügen auf die Bühne. Erst ihre Stimme, dann ein lautes Schlagzeugsolo, dazu mysteriöse Glockenklänge - ab und an Trommeln: Lena hat die Zuschauer jetzt voll in ihrem Bann. Der Song den sie singt ist mitreißend und aufputschend wie eine Autobahnfahrt bei geöffnetem Fenster. Und alle wissen längst, was sie da gerade hören: den Sieger des Abends - "Taken By A Stranger".

"Mein Favorit kommt noch"

Dass der Titel des Songwriter-Trios Gus Seyffert, Nicole Morier und Monica Birkenes gewinnen wird, hat niemanden wirklich überrascht. In Online-Foren und -Abstimmungen galt er als haushoher Favorit. "Der Song ist, wie wenn man eine Wasserbombe in eine Oma-Bridge-Runde rein wirft", begeisterte sich auch Stefan Raab. "Mein Favorit kommt noch", hatte er zuvor bei allen anderen Songs stets betont. Und schon beim ersten Mal war klar, welchen er wohl meinen könnte. Es war ein Fernsehabend im Wartesaal. Die Zuschauer wurden das Gefühl nicht los, ständig nur auf den Song zu warten, der unvermeidlich noch kommen musste.

Während drinnen gerade das Stechen zwischen "Push Forward" und "Taken By A Stranger" läuft, packt im Foyer der Reporter des Lokalsenders seine Kamera ein. "Wirklich alle die ich angesprochen habe, haben auf 'Taken By A Stranger' getippt", sagt er. "Ich frage mich, warum man aus dem Ganzen hier so einen Aufwasch gemacht hat, der Sieger stand doch von der ersten Minute an fest." Und er sollte Recht behalten.

"Jetzt ist die Voraussetzung gelegt, dass wir nicht Letzter werden", sagt Lena stolz nach der Bekanntgabe des Ergebnisses. "Ich hab' ja immer gesagt, ein Song muss Hü oder Hott sein. Dieser Song ist Hü." Die Zuschauer finden das auch. Mit 79 zu 21 Prozent setzt sich "Taken By A Stranger" schließlich gegen "Push Forward" durch. Lena wird also mit dem Song über den geheimnisvollen Fremden Deutschland beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf vertreten. Aber das schien ja ohnehin von Anfang an klar zu sein. Das Publikum wusste es, die Jury und Stefan Raab auch. Warum er trotzdem eine zweieinhalbstündige Show daraus gemacht hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben.


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