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Harry Belafonte: King of Calypso

"Day-o, day-o, daylight come and he wan' go home". Mit leicht heiserem, innigem Timbre schickt Harry Belafonte 1957 den "Bananaboat Song" um die Welt, der die Herzen im Sturm erobert.

»Day-o, day-o, daylight come and he wan' go home«. Mit leicht heiserem, aber innigem Timbre schickt Harry Belafonte 1957 den »Bananaboat Song« um die Welt, der die Herzen der Nachkriegsgeneration im Sturm erobert. Traditionelle Balladen und Volkslieder aus der Karibik sind die Spezialität des schwarzen Sängers und Schauspielers, den die Musikpresse schon bald als »King Of Calypso« etikettiert.

Traumrolle Hamlet

Dabei hat der Sohn eines Schiffkochs aus Martinique und einer Arbeiterin aus Jamaika bis dahin nur kurze Zeit im Ursprungsland seines musikalischen Schaffens verbacht. 1927 in Harlem geboren, lebt Belafonte als Teenie ganze fünf Jahre in Jamaika, bevor er wieder nach New York zurückkehrt, um dort seinen Dienst bei der US Navy zu leisten. Der Zufall meint es gut mit ihm: Er bekommt Freikarten für das American Negro Theatre (A.N.T.), das in ihm ein neues Feuer entfacht - Harry will Schauspieler werden und schreibt sich an der School of Social Research ein. Sein Traum: einmal als Schwarzer den Hamlet zu spielen.

Erste Schritte im Jazz

Unter seinen Mitschülern im Dramatic Workshop finden sich große Namen wie Marlon Brando, Walter Matthau, Rod Steiger und Tony Curtis. Doch Belafonte verbringt seine Zeit nicht nur mit Schauspielübungen: Nacht für Nacht ist er ein paar Blocks weiter im Club »Royal Roost« anzutreffen, wo er den neuen Sound von Dizzie Gillespie, Lester Young und Thelonius Monk begierig aufsaugt. Das bleibt nicht folgenlos: Als sein Sold aus der G.I.-Zeit aufgebraucht ist, braucht Belafonte einen Job. Man bietet ihm an, im Royal Roost als Sänger auszuhelfen - und er sagt zu. Seine Bandmitglieder können sich sehen lassen: Charlie Parker, Miles Davis und Max Roach stehen mit ihm auf der Bühne.

Trendsetter und Rekordbrecher

Gesangskarriere oder Schauspielerei? Diese Frage stellt Belafonte sich erst gar nicht, hartnäckig verfolgt er beide Zweige. Nach seinem ersten große Film-Erfolg mit »Bright Road« (1953) stellen ihn Kritiker auf eine Stufe mit seinem guten Freund Sidney Poitier. Mit seiner LP »Calypso« löst er eine neue Trendwelle der Karibik-Schwärmerei aus und bricht obendrein einen Rekord: Zum ersten Mal werden von einem Pop-Album über eine Million Exemplare verkauft. Die Karten für seine Konzerttourneen sind seitdem weltweit sofort vergriffen.

Blick für die sozialen Härten des Lebens

»Die Rolle der Kunst ist es, das Leben nicht nur so zu zeigen wie es ist, sondern wie es sein sollte«, sagt Belafonte. Mag manch einer seine Songs als Folk-Kitsch bezeichnen - hört man genauer hin, merkt man, dass hier nicht nur von karibischen Sonnenaufgängen die Rede ist. Die Sehnsucht der Afro-Amerikaner nach den verlorenen Wurzeln schwingt auch in den fröhlichen Songs mit. Von harter körperlicher Arbeit und von Heimweh ist da die Rede: Belafonte verliert nie den Blick für die sozialen Härten des Lebens.

Der singende Bürgerrechtler

»Meine sozialen und politischen Interessen sind Teil meiner Karriere. Ich kann sie nicht trennen.« Eine Ansicht, die der streitlustige Belafonte in die Tat umsetzt. Er mischt sich ein: Unter Kennedy fungiert er als Berater des US-Friedens-Corps, mit Martin Luther King ist er eng befreundet. Er erhält den Nelson Mandela Courage Award und engagiert sich mit »We are the world« beim Projekt »USA for Africa«. 1987 wird er zum UNICEF-Botschafter ernannt, und gegen den Krieg in Vietnam erhebt er seine Stimme ebenso wie gegen die faschistische Diktatur in Chile. Selbst in der alten Bundesrepublik marschiert der »singende Bürgerrechtler« auf, um gegen die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen zu protestieren.

Immer noch kein bisschen leise

Dieser Tage feierte der Mann, der es inzwischen auf über mehr als 40 Kinofilme und 100 Millionen verkaufte Platten bringt, seinen 76. Geburtstag. Leid ist der Tausendsassa sein Business jedoch bei weitem nicht. Schließlich gibt es noch soviel zu besingen, zu spielen und anzuprangern: »Daylight come and he wan' go home«...

Antje Scholz