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TV-Kritik zu "Menschen bei Maischberger" Einfach mal schweigen


Bei Maischberger erzählen Joachim Fuchsberger und Harry Belafonte nette Anekdoten von früher. Und, oh Wunder: Am Ende einer Geschichtsstunde gibt es dann doch noch den Gänsehaut-Moment. Wenn nur die Moderatorin nicht wäre.
Von Jan Zier

Day-o, day-ay-ay-o. Der durchschnittliche ARD-Zuschauer, fast 60, kennt ihn, kennt sie noch von damals, lange ist das her, und das Fernsehen war noch schwarz-weiß. Harry Belafonte also und sein alter Freund Joachim Fuchsberger, gerade beide rüstige 85 geworden, kommen zu Sandra Maischberger - und erzählen: Geschichten vom Krieg.

Wobei damals, im Zweiten Weltkrieg, als sie beide noch nicht Entertainer, pardon: Legenden, aber schon Soldaten waren, Blacky & Harry, da kannten sie sich doch noch nicht. Jetzt erzählen die beiden agilen Grandseigneure Anekdoten von früher und Lebensweisheiten von heute, und die Maischberger wirft mit großen Augen die passenden Stichwörter ein. Aber immerhin: Sie haben wirklich noch was zu erzählen. Und sie kennen sich schon seit merh als 30 Jahren.

"Wenn du hier pisst, dann erschieß ich dich", hatte der Polizist damals zu Harry - schon ein berühmter Sänger - Belafonte gesagt. Und, ja, das Gesetz in den USA erlaubte es den Schwarzen seinerzeit nicht, ebenda zu pinkeln, wo es die Weißen taten. Es sind Geschichten wie diese, von denen dieser Abend lebt, erzählt von einem Zeitzeugen selbst. Storys wie die vom Klu-Klux-Klan, der Jagd auf Belafonte machte, als der zusammen mit dem schwarzen Schauspieler Sidney Poitier nach Mississippi fuhr, um mit 70.000 Dollar die Kampagne zur Wahlregistrierung von Schwarzen in den Südstaaten zu unterstützen. Ob sein Leben je in Gefahr war, fragt Maischberger noch. "Oh ja", sagt er, und das es nicht wichtig sei, wann, wie man stürbe, sondern was man vorher getan hätte. Das klingt pathetisch. Und doch nimmt man es ihm ab. Aber er war ja auch enger Weggefährte des 1968 ermordeten Martin Luther King. Sieben Jahre zuvor hatte Belafonte sich schon für John F. Kennedy als Präsident stark gemacht, den reichen Playboy, wie er sagt, dem zu vertrauen er kurz zuvor noch "keinen Grund" gehabt hatte.

Kaum Gerede über den "King of Calypso"

Alles wird irgendwie gestreift. Belafontes Jugend im New Yorker Ghetto Harlem ("Das hat mich hart gemacht"), der Vater, ein Matrose, der "grausam" war und Alkoholiker, Spielsucht, die Frauen, Gott und die Welt, die katholischen Pfarrer, die ihn in Gottes Namen "erniedrigt" haben, Barack Obama, auf den er irgendwie "stolz" und von dem er doch "enttäuscht" ist und zu dem sich der Fuchsberger gar nicht erst äußern will, weil er seine Meinung dazu für unmaßgeblich hält.

Der erzählt dafür, dass er Agnostiker ist und dass die FDP ihn mal ködern wollte mit dem Argument, sie würden doch hinter ihm stehen, egal welchen Scheiß er macht. Und dass ihm Belafonte, damals, als seine Weichteile mal schwer verletzt waren, sagte: "Now we are real brothers. You've got the same black balls that I have". Dass Fuchsberger bei der Hitlerjugend war, wird dann auch noch eben erwähnt, versehen mit dem Nachsatz, dass die Nazis ihn nie erfolgreich indoktriniert hätten. Dazwischen darf Gerd Ruge, nur unwesentlich jünger als die anderen beiden Herren, auch noch ein paar Sätze sagen und im Hintergrund, 1968 war das, von den Rassenunruhen in den "Negervierteln" reden. Er wirkt an diesem Abend merkwürdig deplaziert.

Vom Musiker Belafonte, der sonst fast zwangsläufig als "King of Calypso" vorgestellt wird, ist an diesem Abend im Grunde gar nicht die Rede, erstaunlicherweise. Bis, ganz am Ende, eine Live-Fassung von "Try to remember" von 1980 eingespielt wird. Ergriffen, ehrlich ergriffen blicken Fuchsberger und Belafonte in die Kamera. Nahaufnahme. Dann hebt er nochmal an - seine Stimme ist mittlerweile rau geworden - und singt seinen legendären "Banana Boat Song". Day-o, day-ay-ay-o. Ein Gänsehaut-Moment. Und wir hätten es auch begriffen, ohne dass uns Sandra Maischberger das noch eigens gesagt hätte. Manchmal wäre es eben doch besser, zu schweigen. Sogar im Fernsehen.


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