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Herbert Grönemeyer Der liebste Nuschel-Barde ist zurück


Knapp zwei Jahre musste Deutschland auf die Rückkehr von Herbert Grönemeyer warten. Der startete zur Stadiontour durch 15 Städte und feierte die Fortsetzung des deutschen Sommermärchens.
Von Sebastian Wieschowski

Für Ingo Schuster begann die Tour von Herbert Grönemeyer bereits einen Tag vor dem ersten Konzert in Leipzig. "Hörbi", wie der 47-jährige Busfahrer aus Leipzig sein singendes Idol freundschaftlich nennt, hatte bereits am Vorabend seine Show geprobt und dabei kräftigt die Umgebung beschallt. Schuster setzte sich mit einem Bier am Mittwochabend vor das Leipziger Zentralstadion - und zählte zu den ersten Fans, die ihren Herbert live hören konnten.

Mehr als zwei Jahre musste Deutschland auf die Rückkehr seines inbrünstigen Nuschel-Barden warten, der abseits von Grand-Prix und Casting-Shows an seinem neuen Album gebastelt hatte. Mehr als eine Woche hatte sich Grönemeyer in Leipzig nach dem musikalischen Comeback-Training im letzten Jahr während der Fußballweltmeisterschaft auf den großen Tag am vergangenen Donnerstag vorbereitet, auf die Rückkehr in die Fußballstadien Deutschlands. Neben den großen Arenen stattet Grönemeyer am 18. Juni anlässlich des 75. Vereinsjubiläums des FC Vaduz dem Fürstentum Liechtenstein einen Besuch ab und spielt sein erstes Konzert im Zwergstaat. Auch die Österreicher bekommen in Graz und Wien, die Südtiroler in Bozen ihre Portion Mensch, Morgenrot und Männer. Bis zu vier Auftritte pro Woche, insgesamt 19 Konzerte in 15 Städten und 4 Ländern - ein Marathonprogramm.

Der verschämte Poet

Im Gepäck hat er frischen Stoff für grölwütige Konzertbesucher, die sehnsüchtig auf die Rückkehr des Mannes warten, der seit 1984 zuverlässig ein Album nach dem anderen an der Spitze der Charts platziert. Grönemeyer ist eine Rampensau - trotzdem scheinen ihm ersten Schritte im Rampenlicht sichtlich schwer zu fallen. Geradezu schüchtern stolpert er auf seine Fans zu, etwas ungläubig blinzelt und winkt er in die Menge. Die empfängt ihren Helden mit gewohnter Dezibel-Gewalt. Die Tour soll zu einem Volksfest werden - mit "ehrlicher" Bratwurst und einem "gepflegten" Pils vor dem Stadion und einer dreistündigen Achterbahnfahrt der Gefühle drinnen.

Doch schon mit dem ersten Klang am Klavier beweist Grönemeyer, dass er die Klaviatur der großen Gefühle noch immer beherrscht, egal ob als Prolet, Poet oder Prophet. Der Prolet Grönemeyer schwingt orgiastisch die Hüften, grinst dreckig-lasziv ins Publikum, kreischt seine Hymne an die Männer ins Mikrofon und fordert das Publikum zur kontrollierten Ekstase auf: "Mach den Kopf aus und komm tanzen". Der Befehl des 51-jährigen Gröl-Gurus wird befolgt, im Innenraum wippen zehntausende Arme hypnotisch-synchron mit. Wer nicht laut genug an der Zeremonie teilnimmt, bekommt vom Meister die obligatorische Gesangsstunde gratis dazu - genau so wie die verbale Gute-Laune-Garantie:"Wir sind hier nicht zur Gruppentherapie. Euch geht's gut, verstanden?", brüllt Hörbi ins Mikrofon und bekommt zehntausende schallende Lacher und Kreischer zurück. Seine Jünger haben verstanden.

Romantik von Feuerzeug und Wunderkerze

Der Poet Grönemeyer lässt das Stadionlicht dimmen, einen violetten Schleier über das Publikum legen und die Scheinwerfer auf sich richten, um für einen Augenblick allein zu sein mit seinen Gefühlen und dem Mikrofon. Er schließt die Augen und kneift die Lider so sehr zusammen, als wolle er sich gerade an einen anderen Ort denken. Fast drehbuchmäßig geplant strömt kalte Luft in das weite Rund des Leipziger Zentralstadions. In der Zuschauermenge kommt Gänsehaut-Feeling auf, man zückt Wunderkerze oder Feuerzeug, blickt nachdenklich, wehmütig - oder lässt seinen Tränen freien Lauf. Während Herbert Grönemeyer vorne nuschelt, kuscheln sich seine Fans tief bewegt aneinander. In der Schicksalsbewältigung sind Superstar und Superfan innigst verbunden.

Der Prophet Grönemeyer intoniert sozialkritische Schmachtfetzen wie "Stück vom Himmel" derart eindringlich, dass so mancher Zuschauer Bier und Bratwurst beiseite stellt, betroffen in den Himmel schaut und für einen Moment innehält. Schließlich ist "Gröni" im Dienste der guten Sache unterwegs und macht als Deutschlands bekanntester Bänkelsänger der Gegenwart mit schwerfälligen Klängen auf die Schattenseiten der Welt aufmerksam. Mit "Flüsternde Zeit" gibt satirisch-kritisch den enttäuschten Staatsbürgern eine Stimme. "Regierungen kommen und gehen, das Volk muss den Karren ziehen, ihr habt uns nicht verdient" - das sind Weisheiten, die der geschundene Staatsbürger und Steuerzahler gern hört.

Spezialisten diskutieren - immer

Wer schon öfter auf Grönemeyer-Konzerten war, nervt währenddessen seinen Nachbarn mit Insiderwissen. Welches Lied wird Grönemeyer zum Abschied spielen? "Heimat" oder "Der Mond ist aufgegangen" oder doch das neue Lied "Zur Nacht"? Kommt der aufblasbare "Mensch"-Eisbär auch bei dieser Tour zum Einsatz? Singt "der Hörbi", über den man hier wie über einen vertrauen Freund spricht, noch einmal seine Weltmeisterschafts-Hymne? Eines bleibt bei jeder Grönemeyer-Tour gleich: dreimal verabschiedet er sich, dreimal verlässt ein Schub irritierter Zuschauer die Halle, dreimal kommt Grönemeyer kurz darauf zurück auf die Bühne und singt weiter. Schließlich ist Herbert Grönemeyer ein guter Gastgeber, der seine Gäste nicht mit knurrendem Magen nach dem Hauptgang nach Hause schickt.

Ein musikalisches Dessert muss her, es ist Zeit dass sich was dreht. Ohne trommelnden Bongo-Chor, dafür aber mit reichlich WM-Spirit gibt "Hörbi" seinen Zuschauern, was sie wollen - ein paar Minuten des längst vergangenen Sommermärchens mit der offiziellen WM-Hymne. Während der Meister der Inbrunst versucht, mit dem linken Teil des Stadions den Laut "Olé olé olé" und mit der rechten Seite die Wörtchen "Was dreht" zum weltmeisterlichen Kanon-Gesang einzustudieren, kreischen rund 48.000 Gröni-Gröler querfeldein, als wollten sie den Fußballgott bereits für die bevorstehende Europameisterschaft gnädig stimmen. Zum Abschied gibt es noch das obligatorische Gutenacht-Lied - sanft säuselt Grönemeyer "dies ist das Lied zur guten Nacht, zieh den Stecker raus" und lässt dabei die Finger gefühlvoll über das Klavier tanzen. Dann geht das "Rausschmeißerlicht", wie man die grelle Beleuchtung zum Ende einer jeden Disconacht nennt, an und der Gröni-Chor macht dort weiter, wo er nur wenige Minuten vorbei aufgehört hat - beim weltmeisterschafts-nostaglischen "Olé olé olé".


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