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Hilfsprojekt: Gemeinsam für Afrika

Herbert Grönemeyer und der stern unterstützen die große Hilfsaktion zugunsten von Afrika. Der Sänger besuchte in der vergangenen Woche elf Hilfsprojekte in Zentralafrika und machte sich selbst ein Bild von der Lage.

Von Cornelia Fuchs und Bruno Stevens (Fotos)

Vor der Armut gibt es kein Entkommen. Herbert Grönemeyer steht inmitten einer Menschenmenge in einem Flüchtlingslager bei Goma in der Demokratischen Republik Kongo. Kinder mit verschorften Köpfen drängen zu ihm hin, Männer mit zerrissenen Jacken und Frauen, Babys mit Hungerbäuchen auf dem Arm, wollen den fremden Weißen sehen, der gerade angekommen ist.

Knapp zwei Jahre ist es her, seit der Ausbruch des Vulkans Nyiragongo große Teile der Stadt mit einem grau-schwarzen Mantel bedeckt und 20.000 Familien ihre Hütten genommen hat. Und Tausende, die vor dem Bürgerkrieg in Ruanda geflohen waren und sich nach Goma gerettet hatten, starben hier binnen Tagen an Cholera. Neun Jahre sind seither vergangen. Goma wurde für die Fernsehzuschauer Europas der Inbegriff des Katastrophenkontinents Afrika. Das Herz der Finsternis kann nicht weit entfernt sein von diesem apokalyptischen Ort. Noch immer leben die meisten Menschen unter Plastikplanen, die kaum Schutz bieten, weil der Wind den Regen unter die Folie drückt.

Herbert Grönemeyer versucht, mit den Kindern, die sich an ihn herandrängen, wenigstens in Augenkontakt zu treten. "Zunächst hatten sie eine gewisse Scheu", wird Grönemeyer später über diese Begegnung sagen. "Doch wenn man sie länger anschaut, fangen sie an zu lächeln." Grönemeyer wippt zum Rhythmus der Trommler, die für ihn spielen, mit den Füßen, fängt an zu tanzen. Die Frauen des Empfangskomitees singen und klatschen immer schneller. Sie wollen ihre Sorgen loswerden: Noch immer fehlen Tausende von Holzhütten für die Menschen, die durch den Vulkanausbruch obdachlos geworden sind. Noch immer müssen die Frauen stundenlang für Wasser an den wenigen Zapfstellen anstehen, die bisher entstanden sind.

Grönemeyer sieht die Kinder in zerrissenen Hemden mit nackten Füßen über die harte Lava laufen. "Die Armut ist unvorstellbar", sagt er und weiß, dass diese Worte einen Menschen aus Europa ebenso wenig erreichen können, wie sie ihn erreicht haben, bevor er auf diese Reise ging. "Hier geht es um das nackte Überleben. Das hat mit Armut, wie wir sie kennen, nichts zu tun."

Doch in Europa sind Afrika und seine Not in Vergessenheit geraten, aus den Schlagzeilen verdrängt von Terrorangst und Krieg. Deshalb haben sich 26 deutsche Hilfsorganisationen zur Aktion "Gemeinsam für Afrika" zusammengeschlossen. Das größte Bündnis, das je in Deutschland um Spenden warb, hat ein gemeinsames Konto eingerichtet, um die Armut zu bekämpfen und ihre Folgen zu lindern. Sie mussten ihre Finanzen untereinander offen legen - ihr Anteil an den Einnahmen richtet sich nach der Höhe ihrer Ausgaben in Afrika in den vergangenen zwei Jahren. Zur Teilnahme eingeladen waren alle Organisationen, die in mehr als einem afrikanischen Land tätig sind. Der stern unterstützt den Spendenaufruf.

Herbert Grönemeyer wollte sich ein Bild machen von den Projekten vor Ort, bevor er sich für die Aktion engagierte. Der Sänger ist noch nie zuvor in Zentralafrika gewesen. Als er sich entschloss, in den Kongo zu fahren, hat er die vielen Warnungen von Freunden und Kollegen in den Wind geschlagen. "Du fährst in den Kongo, spinnst du?", haben sie ihn zunächst verunsichert. Denn auch seine Vorstellung vom Schwarzen Kontinent war genährt von den Nachrichtenbildern, die Afrika meist nur als Massengrab vom Hunger ausgemergelter Menschen und als Schlachtfeld korrupter Warlords zeigen. Vielleicht waren es die leisen Zweifel an den vorgefertigten Bildern im Kopf, die ihn die Reise haben antreten lassen.

Zwischen den Wellblechhütten, die Caritas-Mitarbeiter seit einem guten Jahr in dem Flüchtlingslager bei Goma errichten, haben die Menschen erste Geschäfte aufgebaut, Holzgerüste mit Plastikplanen sind es nur. Aber sie haben ihnen stolze Namen gegeben wie "Ich-bin-zwar-nicht-der-Größte-aber-der-Beste". Dieser Wille, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen, dieser Trotz im Unglück fasziniert Grönemeyer: "So eine Mischung aus Melancholie und Lebensfreude - in schwierigsten Situationen zu lachen und das Leben zu greifen, das finde ich verblüffend."

Denn es gibt Hoffnung, ganz leise Hoffnung in Goma. Zurzeit wird hier nicht gekämpft. Die ersten Projekte zeigen Erfolge. Hilfe hilft eben doch. Ein einfaches Beispiel dafür ist die "Straße des Friedens", von der Welthungerhilfe gebaut, eine zweispurige Lehmpiste von Goma nach Masisi Richtung Westen. 20 Jahre war die Straße nicht passierbar. Abgeschnitten vom Rest des Landes, gab es keinen Schutz für die Einwohner, nicht vor den Rebellen und nicht vor den völlig überteuerten Preisen der wenigen Händler, die überhaupt durchkamen. Kaum mehr als 80 Menschen lebten in Masisi. Dann reichte die Straße endlich wieder bis ans Dorf heran. 20.000 Menschen sind seitdem in die Region zurückgekommen, bearbeiten ihre Felder, treiben Handel und wählen Wächter, die gegen eine geringe Bezahlung bei starken Regenfällen die großen Lastwagen anhalten, damit sie keine Furchen in die aufgeweichte Straße reißen.

Noch fehlen Tausende Kilometer Straßennetz im Kongo, kann man Kinshasa, die Hauptstadt, nur mit dem Flugzeug erreichen. Unendlich viel bleibt zu tun. Doch Afrika ist kaum mehr ein Thema in einer Welt, die sich im Kampf gegen den Terrorismus anderen Erdteilen zugewandt hat. Das ist ein weiterer Grund für Grönemeyer, sich gerade jetzt für Afrika zu engagieren: "Wenn wir uns aus der Hilfe in Afrika herausschleichen, dann war alles, was über Jahre angeschoben wurde, eine große Lüge. Es ist unglaublich fies, etwas anzufangen, den Menschen Hoffnung zu machen, und es dann nicht zu Ende zu bringen." Denn es gibt Hilfe, die das Leben der Afrikaner auf Dauer verbessern kann. Es ist der Satz eines Mädchens aus einem Projekt für Waisenkinder in Ruanda, der Herbert Grönemeyer verfolgt, noch Tage nach seinem Besuch in ihrer kleinen Lehmhütte. Lilianne lebt in der Provinz Gitarama, nahe der Hauptstadt Kigali. Sie ist eines von 420.000 Kindern in einem Land von acht Millionen Einwohnern, die ihre Eltern durch Völkermord oder durch Aids verloren haben.

Von einem Tag auf den anderen stand Lilianne allein da und musste als ältestes Kind der Familie für ihre drei Schwestern sorgen. "Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, aber ich versuche es", sagte die 17-Jährige zu Herbert Grönemeyer. Er hatte sie gefragt, ob sie allein zurechtkommt. Ganz ruhig hatte Lilianne geantwortet, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass sie für den Lebensunterhalt ihrer kleinen Familie schuftet, seit sie elf ist. Onesphole, die jüngere Schwester, müsste eigentlich auf eine weiterführende Schule. Aber die kostet Geld. 15.000 ruandische Franc für Schulgebühren, dazu kommt die Uniform. Das sind 25 Euro. Eine ungeheure Summe für Lilianne.

Sie bestellt ein kleines Feld und hütet ein Schwein und eine Kuh für Nachbarn. Als Lohn bekommt sie den Dung der Kuh, den sie als Brennmaterial oder Dünger verwendet. Trotzdem reicht die Ernte nicht einmal für die Schwestern selbst. Und für den Schulbesuch von Onesphole reicht es niemals.

Warum tun die Hilfsorganisationen nichts dagegen? Die Mitarbeiter von Care zucken nur mit den Schultern. Sie schaffen es gerade mal, diese Kinderhaushalte mit Essen zu versorgen und die Betreuer auszubilden, die sie unterstützen, sich im Alltag zurechtzufinden. Es gibt nicht genug Geld, um auch die Kosten für einen Schulbesuch der Kinder zu übernehmen. "Da kann man nur noch fassungslos danebensitzen", sagt Herbert Grönemeyer.

Er wird leidenschaftlich, wenn er von den Menschen spricht, die er getroffen hat bei den elf Projekten in der vergangenen Woche. Von der 87-jährigen Witwe, die am grauen Star operiert worden ist und nach vier Jahren wieder sehen kann. Sie begrüßt die Besucher im Hof ihres Lehmhauses mit einem Dankeslied. Einem Sprechgesang, der Gott preist, den Arzt der Christoffel-Blindenmission rühmt und die Spender lobt für das Glück, jetzt wieder sehen zu können. "Ich bin mit einer preußischen Nüchternheit angekommen und mit einer Portion Skepsis", sagt Grönemeyer. "Mich hat dann überrascht, was Hilfsorganisationen leisten und wie sich die Mitarbeiter selbst motivieren. Und ich habe großen Respekt vor den Menschen, die hier leben."

Der 51-jährige Donatien Nzigimana ist seit einem Sturz vom Gerüst vor vier Jahren querschnittgelähmt. Er saß zwei Jahre im Rollstuhl, gefangen in seinem Haus. Denn in Ruanda gibt es keine Möglichkeiten für Behinderte, dachte er. Sein Leben schien zu Ende, bis ihn Sozialarbeiter der Christoffel-Blindenmission in eine ihrer Werkstätten brachten, in der Prothesen und Krücken hergestellt werden. Donatien entwickelte dort innerhalb eines Jahres ein Dreirad mit Handpedalantrieb für Menschen, die nicht mehr laufen können. 60.000 bräuchten ein solches Dreirad in Ruanda.

Außer den eigenen Beinen gibt es im Land kein verlässliches Transportmittel für den Großteil der Bevölkerung. Überall am Straßenrand begegnet man Menschen zu Fuß mit schweren Lasten auf dem Kopf. Das prägt den Rhythmus des Landes: "Wer nicht mehr gehen kann, ist nicht mehr Bestandteil der Gesellschaft", sagt Donatien, der inzwischen vom Hilflosen zum Helfer geworden ist.

Zum Beispiel für den 15-jährigen Bayavuge, der wochenlang jeden Tag fünf Stunden zur Werkstatt robbte, bis er sein Dreirad abholen konnte. Jetzt braucht er für diesen Weg nur noch eine halbe Stunde - und kann endlich wieder in die Schule. Bayavuge kann seine Beine nicht mehr gebrauchen, weil er während des Völkermords 1994 angeschossen wurde. Ruanda ist ein traumatisiertes Land. 800.000 Menschen sind damals hingemetzelt worden, vielleicht waren es auch eine Million. Über den Horror wurde kein Buch geführt. Und so weiß niemand, wie viele zwar mit dem Leben davongekommen, aber für den Rest ihres Lebens gezeichnet sind wie Bayavuge.

Dabei geht es nicht nur um die körperlichen Schäden, sondern auch um die zerstörten Seelen. Lange war es vielen Überlebenden unmöglich, sich den Toten zu nähern. So blieben die Erschlagenen oft jahrelang liegen wie in der Kirche von Ntarama, ohne dass einer die Leichen geborgen und beerdigt hätte.

Noch heute ist der boden dort bedeckt von den Knochen der 5000 Toten, braun wie Äste im Staub. Rippenbögen, Rückenwirbel, Hüftgelenke. Daneben Schuhe mit Klettverschlüssen, Plastikteller, Matratzen und Schulbücher mit einem lachenden Kind auf dem Deckel, von Würmern angenagt. Vor der Kirche laufen Kinder entlang, sieben, acht Jahre alt vielleicht, sie tragen dasselbe Rechenbuch mit dem lachenden Kind in ihren durchsichtigen Tragetaschen.

Pacifique führt die Besucher durch die Kirche, zeigt, wo die Mörder durch die Fenster eingedrungen sind und die Menschen nach vorne trieben, zum Altar. Er selbst lag dort unter den Körpern, zwölf seiner Familienmitglieder starben hier. Drei Jahre lang hat dann niemand hier etwas angerührt.

"So furchtbar dieses Durcheinander in der Gedenkstätte ist, so eindringlich ist es", sagt Grönemeyer. Ganz langsam ist er über die Bänke der Kirche gestiegen, hinter Pacifique, dem Führer. Hat Blumen auf die Reihen der Schädel gelegt, die nebenan aufgebahrt liegen, und sich in das Besucherbuch eingetragen: "Dies ist ein Ort jenseits der Vorstellung." Das Trauma-Zentrum von World Vision versucht den Überlebenden zu zeigen, dass in dem Meer der Opfer-Geschichten jede einzelne zählt. Wer über den Schrecken reden möchte, der ihn noch heute immer wieder einholt, findet hier Therapeuten, kann sich Wut und Trauer von der Seele malen. So wie die junge Witwe, die Herbert Grönemeyer erzählt, dass sie immer wieder ihre Kinder verprügelte, weil sie den Verlust ihres Ehemannes nicht ertragen konnte. Erst durch die Gespräche wurde ihr klar, dass ihre Wut gegen alles und jeden aus der Verzweiflung wuchs, dass ihr Mann nie zurückkommen würde.

"Haben Sie denn wieder Freude im Leben finden können?", fragt Grönemeyer. Ja, durch ihre Kinder und ihren Beruf, sagt die Frau. Sie ist Lehrerin, und ihr macht es Freude, Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Diese Generation ist es, die wir nicht allein lassen dürfen. Darum geht es Herbert Grönemeyer bei seinem Einsatz für "Gemeinsam für Afrika". Nicht wieder wegschauen sollen die, die helfen könnten. Er will in Erinnerung rufen, wie viel Unterstützung Deutschland brauchte, um zu einer Demokratie zu werden. Und dass es jetzt an uns ist, anderen beizustehen: "Es geht hier nicht um Mitleid, es geht um unsere Verantwortung", sagt Grönemeyer. Es geht darum, Afrika eine Chance zu geben.