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Holofernes über "Wir sind Helden" und Kinder: Kreativ aus Erschöpfung

Heute erscheint das neue Album „Bring mich nach Hause“ von „Wir sind Helden“. Ob Judith Holofernes und Pola Roy Beruf und Privatleben weiterhin vereinen können verraten sie im Neon-Interview.

Judith, am Anfang eurer Karriere hast du gesagt, du willst nie vergessen, dass du eigentlich nur glücklich sein willst. Hat das geklappt?
Judith Holofernes: Nur teilweise, ehrlich gesagt. Ich musste in den letzten sieben Jahren in einige Abgründe schauen. Ich will die Erfahrungen mit der Band nicht missen. Und ich würde meine zwei tollen Kinder immer wieder bekommen. Wir hatten viel Glück, aber wir haben unterschätzt, wie schwer alles zu vereinbaren ist. Viele der neuen Lieder sind aus körperlicher und seelischer Erschöpfung entstanden.

War die Elternpause so anstrengend?


Holofernes:

Es ist eher ein bisschen klassischer Weltschmerz dabei. Ich habe gemerkt, dass ich nur für Teile des Erfolgs gemacht bin. Das ganze Bohei um uns herum zumindest hat mich nicht glücklich gemacht. Das wäre ohne die Kinder nicht anders.

Pola Roy:

Aber beides zusammen war krass: Als unser Älterer, Friedrich, vor drei Jahren als Baby mit auf Tour kam, spielten wir vor 40.000 Leuten bei Rock am Ring und saßen danach mit ihm stillend im stickigen Tourbus.

Holofernes:

Das war das Grundgefühl dieser Zeit: Es ist zu hart!

Jetzt geht ihr sogar mit zwei Kindern auf Tour. Ist es die letzte, wenn es wieder zu hart ist?
Roy: Das kann schon sein. Andererseits haben wir jetzt selbst bestimmt, wie viel wir touren und wie wir das alles machen wollen.
Holofernes: Es ist ein Experiment: Können wir das noch? Der Fehler beim letzten Mal war, dass wir nur darauf geachtet haben, dass es für Friedrich funktioniert. Und für die Band. Diesmal wissen wir: Es muss auch für uns funktionieren.

"Bring mich nach Hause" heißt das neue Album. Man hat das Gefühl, dass ihr euch ins private Glück geflüchtet habt, hier in Kreuzberg …


Holofernes:

Nun, um glücklich zu sein, braucht man auch mal Privatheit, eine Viertelstunde am Tag wenigstens, um zu meditieren oder Sport zu machen. Und durch die Kinder bin ich schüchterner geworden, ziehe mich mehr zurück. Als Frontmensch bin ich zwiegespalten. Ich amüsiere die Massen gerne, aber lieber freiwillig. So eine Tour kann erbarmungslos sein, es gibt keinen Ausweg. Ich fühle mich den Leuten verpflichtet und denke, ich muss alles geben, weil die sich das Ticket bestimmt alle zum Geburtstag geschenkt haben.

Ihr galtet mal als Klassensprecher einer jungen, konsumkritischen Generation. Attac war in aller Munde, Rot-Grün regierte, ihr sangt: "Meine Stimme gegen ein Mobiltelefon". Das klingt heute bereits prähistorisch.


Holofernes:

Heute müsste es heißen: "Meine Stimme gegen ein iPad!"

Oder gegen ein Facebook-Profil. Ihr habt doch bestimmt keins?


Roy:

Aber der Rest der Band schon. Ich bin dafür bloß zu muffelig.

Holofernes:

Und ich ahne, dass mir das Spaß machen könnte als alte Tagebuchschreiberin, aber dann denke ich: Noch mehr Kommunikation! Mich stresst mein Handy heute noch.

Roy:

Ich liebe Technik. Aber ich wundere mich, wie viel die Leute immer senden und empfangen wollen, ich will online meine Ruhe und nach Mischpulten suchen. Vielleicht mag ich andere Menschen nicht so sehr.

Noch mal: Wo ist der Protest von damals geblieben? Kann es sein, dass ihr das Schicksal mit den Grünen teilt? Mittlerweile wollen alle die Welt retten, aber besser wird sie nicht.


Roy:

Erst mal muss man sagen, dass wir nie eine Protestband sein wollten. Aber wir sind politisch denkende Menschen. Und es stimmt: Jetzt verkauft Starbucks Fairtrade-Kaffee, und einerseits hat sich damit etwas verändert, andererseits beruhigt nur ein Großkonzern das Gewissen seiner Kunden. Trotzdem: Wenn es nicht mehr cool und besonders ist, für eine gerechtere Welt zu sein, sondern mainstreamig, dann bin ich gerne uncool.

Holofernes:

Ich verzweifle immer noch an der politischen Lage. Ich spüre eine Depression, eine große Müdigkeit. Ein Song auf der neuen Platte heißt "Alles auf Anfang", darin geht es genau darum: sich nicht von dem Mist da draußen lähmen zu lassen, sondern seine eigenen Projekte anzupacken, irgendwie weiterzumachen. Aber ich kann zum Beispiel den "Spiegel" nicht mehr lesen, das ganze Elend geht mir zu nahe, vielleicht auch noch hormonell bedingt. Ich lese auch keine Zeitung mehr, diese gleichgültige Haltung, mit der dort über die Welt berichtet wird, macht mich fertig. Ich verdumme zunehmend.

Ist das eure Lösung gegen den Weltschmerz? Freiwillig zu verdummen?


Holofernes:

Nein, aber zynische Nachrichten, die nicht einen direkten Handlungsimpuls zur Folge haben, sind doch für den Arsch. Statt -jeden Tag Zeitung zu lesen, überlege ich mir lieber gleich, wem ich mein Geld spende. Und ich werde wütend, wenn man mir einen Stempel verpasst. Ich sollte plötzlich für die sogenannten Lohas sprechen. Da habe ich richtig Lust bekommen, Werbung für McDonald's zu machen. Mir sind bestimmte Sachen wichtig - ein nachhaltiges Leben, gesunde Ernährung, Frieden - aber ich bin nicht euer "Lo-Hasi"! Ich werde die Sachen, die mir wichtig sind, trotzdem weiter sagen, egal, welche Idioten mittlerweile der gleichen Meinung sind.

Was am Leben von Popstars hättet ihr euch ganz anders vorgestellt?
Holofernes: Die Unterkünfte. Ihr müsstet mal sehen, wie extrem das Gefälle ist. An einem Tag sind wir in einem Luxushotel in der Schweiz, am nächsten Tag zu achtzehnt im Bus, können nur auf Raststättenklos und uns in Zehnerduschen waschen. Diese Ausschläge sind schwer zu verkraften. Mir ist beides zu extrem. Ich brauche keinen Luxus, aber manch--mal schon eine richtige Dusche.
Roy: Die Musikbranche hat sich verändert. Es gibt mittlerweile viele Bands, die wir kennen, deren Musik im Radio läuft und die nebenbei noch Taxi fahren oder kellnern müssen, weil sie von der Musik nicht leben können.
Holofernes: Künstler, die auf Covern von Musikmagazinen sind. Die Dimensionen sind so geschrumpft! Alle diese Bands, die wir bewundern, fahren jetzt mit dem Sprinter durch Europa und richten sich zugrunde.

Habt ihr je damit gerechnet, von der Musik leben zu können?


Roy:

Das war nie mein Gedanke. Ich habe mich immer als armen Mucker gesehen, der sich so durchschlägt und spätnachts in seine dreckige Wohnung schlurft. Aber du hattest Popstarfantasien, oder, Judith?

Holofernes:

Mit neunzehn habe ich ein Lied geschrieben, das "Popstar" hieß. Jetzt, da ich so was Ähnliches bin, habe ich überlegt: Was habe ich damit gemeint, weil das hier kann es ja nicht gewesen sein. Und ich glaube, ich wollte in Schwarz-Weiß-Dokumentationen vorkommen. Ich habe nicht von riesigen Konzerten geträumt oder von Musikpreisen, sondern meinen eigenen Nachruf fantasiert. Man sollte darüber reden, mit welchen spannenden Künstlern ich zusammengearbeitet habe …

Roy:

… eigentlich wolltest du nur Popstar werden, um an Damon Albarn von Blur ranzukommen.

Holofernes:

Nein, ich wollte Patti Smith sein!

Roy:

Ich wollte Phil Collins sein.

Im neuen Lied "Die Ballade von Wolfgang und Brigitte" geht es um die schwierige Romanze zwischen zwei Kommunenbewohnern. Ihr erzählt von der Liebe der Elterngeneration. Sind die neuen Geschichten zu langweilig?


Roy:

"Die Ballade von Wolfgang und Brigitte" ist entstanden, weil Judith immer so spannende Geschichten aus der Zeit erzählt hat, in der sie mit ihrer Mutter in einer WG in Berlin gewohnt hat. Und ich habe das Umfeld ihrer Mutter kennen gelernt, da sind einzigartige Charaktere und Schicksale dabei, ich habe -Judith gesagt: Schreib doch darüber was!

Das Lied ist unglaublich traurig. Wolfgang liebt Brigitte, sie ihn nicht. Brigitte krault Manfred beim WG-Frühstück am Bart. Wolfgang heult derweil im Bad. Brigitte verkauft später Batiksachen auf Ibiza, und er fliegt hinterher …


Holofernes:

Wir bekommen interessante Reaktionen. Manche Menschen weinen. Andere lachen. Um die Traurigkeit dieser wunderbaren Leute und ihrer alternativen Lebensentwürfe zu sehen, muss man selbst mal in so einer Kommune gelebt haben, denke ich.

Und wie geht eine Liebesgeschichte heute?
Holofernes: Das Gegenstück ist auf dem neuen Album der Song "Was uns beiden gehört". Das ist die Ballade der Kindergeneration. Oder der Enkelgeneration. Von unserer Babysitterin Isa hören wir immer, die Mittzwanziger heute seien so unglaublich unverbindlich, verspielt, immer total ironisch, so, als müssten sie nie anfangen, mal ernsthaft zu lieben.
Roy: Aber wir haben ja gar nicht mehr so viel Kontakt mit jungen Menschen.

Trefft ihr nur noch Eltern?


Roy:

Viele von ihnen. Ist natürlich praktisch, wenn man abends mit Leuten zusammensitzt, die auch aufs Babyfon achten und sich nicht ins Delirium trinken können.

Habt ihr keine Angst, dass Wir sind Helden bald so eine Art Kelly Family sind?


Roy:

Nein. Familie war bei uns schon immer wichtig. Die Freundinnen oder Eltern waren immer mal dabei, jetzt eben Kinder. Und unser Keyboarder Jean hat auch aufgerüstet, wir bevölkern die Band also nicht alleine.

Holofernes:

Aber wir müssen aufpassen, dass die Familienbedürfnisse nicht alles überdecken. Wenn man Kinder hat, läuft man Gefahr zu denken, es sei geiler, welche zu haben. Kinder sind kein Ritterschlag. Man hat welche oder keine. Und es ist nicht so, dass ich mit Kindern nun plötzlich die Welt umkrempeln will, damit sie später in einer besseren aufwachsen und leben. Ich wollte die Welt schon immer auch für anderer Eltern Kinder besser machen.

Roy:

Man ist kein besserer Mensch, wenn man Schlafmangel hat. Auch Menschen, die acht Stunden pro Nacht schlafen, haben eine Daseinsberechtigung. Aber ein Kind zu haben, ist schon ein großes Feuerbad.

Holofernes:

Und man fühlt sich anderen Eltern verbunden, weil man weiß: Die erleben den gleichen krassen Scheiß.

Roy:

Es ist wie im Krieg.

Was sagt Friedrich über euren Beruf?


Holofernes:

Im Kinderladen hat er gerade erzählt, seine Eltern seien "Dramatiker". So heißt ein Lied, und er war im Studio dabei.

Wie schafft ihr es, trotz der gemeinsamen Arbeit und der zwei Kinder nicht zu vergessen, dass ihr auch ein Paar seid?


Holofernes:

Wir vergessen es nicht, aber viel dafür machen können wir auch nicht … Klar, es fehlt die Zeit, ganz alleine zu sein. Zum Glück haben wir eine gemeinsame Leidenschaft für amerikanische Serien, die kostet uns wirklich den allerletzten Schlaf.

Was guckt ihr gerade?


Holofernes:

Wir mussten gerade zwei Serien abbrechen: "House" und "Lost".

Roy:

So zartbesaitet ist Judith!

Holofernes:

All die kranken Kinder!

Roy:

Es gibt ja noch "30 Rock" und "Weeds".

Holofernes:

Wir sind ernsthaft abhängig. Wir opfern Gesundheit für Amüsement, denn Amüsement ist gut für einen Rest Beziehungsleben, wenn man zusammenarbeitet.

Was fehlt jetzt noch zum Glücklichsein?


Holofernes:

Ein Ferienhaus mit Garten und Zaun, aber ohne Teich - damit man endlich mal fünf Minuten auf seinem Hintern sitzen bleiben kann. Und viele Leute, die das neue Album mögen. Aber bitte nicht zu großen Erfolg, das kennen wir ja jetzt schon …

Interview: Patrick Bauer