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Im Ruhestand und trotzdem allgegenwärtig: Pianist Alfred Brendel wird 80

Der Pianist Alfred Brendel, der nun seinen 80. Geburtstag feiert, hat sich vor rund zwei Jahren von den Konzertpodien zurückgezogen - und ist weiterhin ein viel beschäftigter Mann: mit Vortragsreisen, Meisterklassen und einer Gedichtesammlung.

Seit seiner Abschiedstournee vor zwei Jahren hat der weltbekannte Pianist Alfred Brendel die Konzertbühne kaum vermisst. Brendel, der am 5. Januar seinen 80. Geburtstag feiert, hat immer noch ein volles Programm: Vorträge über Musik führen ihn von London nach München, Wien und Paris, und Poesie und Literatur sind für ihn zur "zweiten beruflichen Beschäftigung" geworden.

Die Veröffentlichung seiner Gedichtesammlung - auf Englisch und Deutsch - markiert den Ehrentag ebenso wie die Herausgabe eines "Geburtstagstributs" eigener Archivaufnahmen - darunter Klavierkonzerte von Mozart und Brahms.

Brendel, so schrieb der "Daily Telegraph", sei "weit davon entfernt, den Hut an den Nagel zu hängen." Er sei ein "alter Meister auf der Suche nach neuen Horizonten." Der Pianist, bekannt für seinen spitzfindigen Humor - gepaart mit Bescheidenheit - sagte der Zeitung: "Als ich mich von der Konzertbühne zurückzog, habe ich gedacht, alle würden mich vergessen. Es ist sehr schön zu erleben, dass das Gegenteil der Fall ist."

Die skurril-grotesken Gedichte des Musikers in seinem ersten Band "Ein Finger zuviel" drehen sich unter anderem um den imaginären dritten Zeigefinger, den der Pianist beim Spiel nutzt, um schwierige Passagen anzukündigen oder den Huster im Saal zu tadeln. In einem der Gedichte wird erzählt, wie der Verpackungskünstler Christo die "Drei Tenöre" um den Balkon des Mailänder Opernhauses La Scala wickelt.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" lobt die humoristische Prosa als "echte Komik-Literatur, die den Autor möglicherweise 'unsterblich' macht." Der "Daily Telegraph" wertet die "subversiv humorvollen" Gedichte als ein Ventil, mit dem Brendel den Druck der "eisernen Kontrolle" ablässt, die sein ganzes musikalisches Schaffen begleitet hat - und noch begleitet.

Die neue Möglichkeit, Vorträge über Musik zu halten, hilft Brendel nach seinen eigenen Worten dabei, seine Musikalität weiter zu entwickeln. "Ich merke, wenn ich lehre, wie sich die Klarheit und Geschwindigkeit meiner musikalischen Vision verbessert", sagte er dem "Daily Telegraph". "Obwohl ich aufgehört habe zu spielen, entwickelt sich meine Musikalität fort."

"Ich führe eine Art Doppelleben", sagt Brendel über sich. Wenn ihm der Stoff für sein "literarisches Leben" ausgehe, wende er sich dem Musikalischen zu. Aber die Musik war - und ist - für Brendel nicht alles. Lachen, so sagt der Autodidakt mit den schelmisch blitzenden Augen einmal, ist seine Lieblingsbeschäftigung. Für seine künstlerische Arbeit gelte das Motto, dass der Künstler in seiner Interpretation der Musik zu folgen und nicht zu bestimmen habe, "was der Komponist hätte komponieren sollen".

Der 1931 im nordmährischen Wiesenberg (in der heutigen Tschechischen Republik) geborene Brendel zählt Deutsche, Österreicher, Italiener und Slawen zu seinen Vorfahren. Die Musik von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert gefalle ihm "von der Qualität her" am besten, sagte er einmal. Er habe immer versucht, für sein Repertoire "die beste Musik zu finden, die es gab. Und das meiste davon kommt aus Mitteleuropa, daran geht kein Weg vorbei."

Brendel, dessen Eltern keine Musiker waren, sieht sich nicht als Wunderkind. Einem Grammophon, so sagt er, sei er erstmals im Alter von drei Jahren begegnet, als er im Hotel seines Vaters Schallplatten für die Hotelgäste auflegte. Mit sechs Jahren begann er, Klavier zu spielen. Im Alter von 17 Jahren gab Brendel in Graz sein erstes öffentliches Konzert. Seine internationale Karriere begann 1949.

Brendel, der seit 1971 in London lebt und ein Landhaus in Dorset in Westengland besitzt, zog es in jüngsten Jahren vermehrt zu Reisen nach Deutschland und Österreich. Aber die Vermutung, er könne sich auf der Suche nach seinen Wurzeln von seiner englischen Wahlheimat abwenden, weist er zurück. "Ich bin nicht jemand, der Wurzeln sucht oder braucht. Ich möchte so kosmopolitisch wie möglich sein. Ich ziehe es vor, zahlender Gast zu sein. Das ist eine Lektion, die ich im Krieg gelernt habe, wehre dem Nationalismus."

Anna Tomforde, DPA / DPA