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Scheidender Briten-Premier Boris Johnson könnte weiter die Strippen ziehen – aber in anderer Funktion, als Sie vielleicht denken

Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien
Heuert Boris Johnson, der scheidende Premierminister von Großbritannien, bei der "Daily Mail" an?
© Stefan Rousseau/ / Picture Alliance
Boris Johnsons Tage als Premierminister von Großbritannien sind gezählt. Was kommt danach? Womöglich die Rückkehr in seine alte Profession – die großen Einfluss verspricht.

Nicht ohne Stolz präsentierte der "Daily Telegraph" das "große Boris Johnson Archiv", als dieser im Sommer 2019 in Begriff war, das Amt des Premierministers in Großbritannien zu übernehmen. 

Mit seiner regelmäßigen Kolumne für die britische Tageszeitung habe er die Leserinnen und Leser "verwöhnt", hieß es da, keine Meinung eines Politikers der Moderne sei bekannter als seine. Und was hat er in seiner fast drei Jahrzehnte währenden Tätigkeit für das Blatt nicht alles zu Papier gebracht: ein flammendes Plädoyer für die Rettung des Afrikanischen Elefanten zum Beispiel, oder einen nachdenklichen Text über den Rückzug des Otters

Klar, über Politik hat er auch geschrieben – wenn er sich nicht gerade zu Kriminalfällen oder dem Kulturbetrieb im Vereinigten Königreich zu Wort meldete. Oft wurden seine Einwürfe zum Quell von Kontroversen, bemerkte der "Telegraph" mit Genugtuung. Fortan versammelt im "Best of Boris", einer großen Rundschau seiner entbundenen Werke.     

Eher zwischen den Zeilen zu lesen: Dass der Journalist Boris Johnson zum Spitzenpolitiker Boris Johnson wurde, gar zum Premierminister von Großbritannien, das ist auch dem "Telegraph" zuzuschreiben.   

Und in gewisser Weise dürfte da auch etwas dran sein. Die wegen ihrer unerschütterlichen Unterstützung für die Konservative Partei auch "Torygraph" genannte Zeitung verkaufte seinerzeit rund 320.000 Exemplare, war damit die zweitgrößte Qualitätszeitung des Landes (hinter der "The Times"). Entsprechend viele Leserinnen und Leser der konservativen Wählerschaft erreichte Johnson mit seinen Texten, in denen er nicht selten seine politischen Standpunkte platzierte.

Drei Tage bevor er zum Premierminister ernannt wurde, erschien seine letzte Kolumne für das Blatt: Darin beschwor er Großbritannien, eine Aufbruchstimmung wie die USA zu Zeiten der Mondlandung an den Tag zu legen – um den Brexit über die Bühne zu bringen.

Es handelte sich also um ein Arrangement, von dem beide Seiten profitiert haben und die sich der "Telegraph" wohl auch einiges kosten ließ: 275.000 Pfund (rund 325.000 Euro) soll Johnson zuletzt für seine Dienste bekommen haben, bei zehn Stunden Arbeit im Monat.

Aber das ist alles lange her, die Umstände haben sich geändert. Seit der "Partygate"-Affäre ist sogar der "Telegraph" auf Distanz zu seinem einstigen Liebling gegangen, der sich nunmehr von seinem Amt als Premierminister zurückziehen muss. Johnsons Gehalt wird sich damit auf 84.000 Pfund (rund 99.000 Euro) halbieren, wird er künftig nur noch für seine Dienste als "Member of Parliament" bezahlt und nicht mehr für seine Tätigkeit als Regierungschef. Aus dem Dienstsitz 10 Downing Street muss der scheidende Premier auch ausziehen.

Auch vor diesem Hintergrund wird in Großbritannien fleißig spekuliert, was Johnsons nächster Job sein könnte. Und womöglich deutet sich sogar ein Comeback in den Journalismus an.

Heuert Boris Johnson bei der Daily Mail an?

Die "Daily Mail" möchte Johnson offenbar als Kolumnisten gewinnen, berichtet der "Guardian" und beruft sich dabei auf mehrere Quellen innerhalb der Zeitung. Downing Street habe einen Kommentar dazu abgelehnt, eine Anfrage beim konservativen Boulevardblatt sei unbeantwortet geblieben. Sicher ist, dass das eine Zusammenarbeit für beide Seiten von Vorteil sein könnte.  

Die "Daily Mail" würde einen namhaften Autoren mit besten Verbindungen nach Westminster und die Weltpolitik gewinnen. Und gewissermaßen einen Freund in ihren Reihen wissen: Seit Wochen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Johnson auch Paul Dacre, den ehemaligen Chefredakteur der Zeitung, für das britische Oberhaus nominieren will (mehr dazu lesen Sie hier). Die Mitglieder der Parlamentskammer erhalten Adelstitel und Privilegien, haben aber auch gewissen politischen Einfluss. 

Sehen Sie im Video: Johnson will erstmal Premier bleiben: Reporterin berichtet über Stimmung in London.

Ein sogenannter Lord, der während seiner Amtszeit (die bis ans Lebensende gilt) im Sinne von Johnson agiert, dürfte dem scheidenden Premier durchaus gefallen. Komplett abwegig ist das jedenfalls nicht: In den vergangenen Wochen hat die "Daily Mail" abermals Partei für den skandalgeplagten Premier ergriffen, ihn in der "Partygate"-Affäre verteidigt, Tory-Politiker hart angefasst, die Johnson scharf kritisierten. 

Als Johnson schließlich aus dem Amt des Parteivorsitzenden gedrängt wurde, und folglich seinen Rückzug auf Raten vom Posten des Regierungschefs verkündete, sprach die Zeitung sinngemäß vom Tag, an dem die Konservativen ihren Verstand verloren hätten. Die Schlagzeile auf der Titelseite: "Was zur Hölle haben sie getan?"

Und dann wäre da ja noch Liz Truss, Johnsons Außenministerin und Aspirantin auf seine Nachfolge. Auch sie verteidigt den Pannen-Premier bis zur Selbstaufgabe, gilt aktuellen Umfragen zufolge als klare Favoritin im Duell gegen Ex-Finanzminister Rishi Sunak – der den Abgesang auf Johnson entschieden angestimmt hat und seitdem aus dem Umfeld des Premiers mit allerhand Schmähungen überzogen wird. Nicht selten verbreitet über die "Daily Mail", die sich im "Leadership Race" klar auf die Seite von Truss geschlagen hat, verspreche sie doch etwa "frischen Wind" für den Politikbetrieb.

Johnson könnte, sollte er denn Kolumnist des Boulevardblatts werden, weiter an dieser Erzählung schreiben und mit seinen Texten, die Millionen Konservative im ganzen Land erreichen würden, wortreichen Einfluss auf die Geschicke in Westminster nehmen. Er mag dann zwar nicht mehr Premierminister sein – aber immer noch für Schlagzeilen sorgen. 


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