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Wiedervereinigt nach 35 Jahren: Ist das ein Aprilscherz? Das denkt ein Fan über die Abba-Reunion

Abba kehren zurück. Allerdings nur digital. Dennoch ist die Nachricht, dass die Band nach mehr als 30 Jahren wieder im Studio war und zwei neue Songs aufgenommen hat, eine Sensation. Abba-Fan Tobias Schmitz über alte und neue Zeiten.

Von Tobias Schmitz

Freitagnachmittag macht mein Handy plötzlich "ping". Und eine Agentur-Eilmeldung poppt auf dem Display auf: "Abba wiedervereinigt". Ich falle – kindisch, ich weiß – fast in Ohnmacht. Vor Freude. Und Schrecken.

War Abba nicht die letzte große Band mit eiserner, konsequenter Haltung gewesen? Die Gruppe, die das verrückte Angebot von angeblich einer Milliarde Dollar für ein Bühnen-Comeback zurückgewiesen hatte? Hatten Benny und Björn nicht in jedem Interview gebetsmühlenartig erklärt, ihre Musik sei die Schöpfung einer ganz bestimmten, vergangenen, unwiederholbaren Zeit gewesen? Die Fans sollten sie bitteschön so in Erinnerung behalten, wie Abba einmal waren: vital, kreativ, nah am perfekten Pop?

Abba im Jahr 2018: Senioren mit Plateau-Schuhen?

Wenig später spielt mein WhatsApp-Account verrückt. Praktisch alle meine Freunde und Bekannten schicken mir kommentarlos dieselben Worte, mit vielen, vielen Ausrufezeichen: "Abba wiedervereinigt!!!!!" Ich muss mich setzen.

Ihren letzten Song, die tragisch-schöne Elegie "The Day Before You Came", hatten Abba 1982 aufgenommen. In den letzten Monaten als Band war die Stimmung im Studio oft unter Null gewesen. Zwei kaputte ehemalige Ehepaare, dicht am Burnout, wollten endlich ein Leben ohne Abba führen. Ohne Druck, ohne Reisen, ohne Interviews, ohne einander. Dass sich die vier 1986 zu einem allerletzten gemeinsamen Lied aufraffen konnten, lag nur daran, dass es ein privater Auftritt war – für ihren ehemaligen Manager Stig Anderson. Und nun, nach so langer Pause, soll es tatsächlich ein Comeback geben?
Würden demnächst vier rüstige Senioren der Jahrgänge 1945 bis 1950 mit Sternengitarre und Plateauschuhen auf einer Bühne stehen und die hohen Töne von "Dancing Queen" nicht mehr treffen? Wäre das nicht vollkommen würdelos, peinlich, traurig? 

Ich greife zum Telefon. Kontaktiere meine gute Bekannte Regina. Sie leitet den internationalen Fanclub "Abba Intermezzo" und kann Abba-Songs an den Geräuschen erkennen, die ihr Ehemann Ralf macht, wenn er rhythmisch in Knäckebrot beißt. Das haben die beiden einmal bei "Wetten, dass...?" bewiesen.

Ich: "Abba wiedervereinigt? Was ist denn das für eine Nachricht? Später April-Scherz?" Regina: "Nein, kein Scherz. Ich bin total aufgeregt und durcheinander. Mein Telefon steht nicht mehr still. Ich muss gleich Radiointerviews zu dem Thema geben."

Die Abba-Bibel im Regal ist nicht mehr aktuell

Also schicke ich ein Mail an Carl Magnus Palm, den international führenden Abba-Experten. Ich: "Do you have any more information about the reunion?" Er: "I don’t know any more than what’s been said on the news. I have no inside info."

Carl Magnus hatte erst kürzlich über eine Crowdfunding-Aktion eine liebevoll-akribische Neuauflage seiner Abba-Bibel "The Complete Recording Sessions" finanziert. Jetzt steht das schöne Buch in meinem Regal – und ist schon wieder nicht mehr aktuell.

Kollege Alf schickt mir eine Pressemitteilung von Universal Music. Sie zitiert das, was Abba über ihren Instagram-Acount verbreiten und was Agenturen eine Eilmeldung wert ist:

"The decision to go ahead with the exciting ABBA avatar tour project had an unexpected consequence. We all four felt that, after some 35 years, it could be fun to join forces again and go into the recording studio. So we did. And it was like time had stood still and that we only had been away on a short holiday. An extremely joyful experience!

It resulted in two new songs and one of them "I Still Have Faith In You" will be performed by our digital selves in a TV special produced by NBC and the BBC aimed for broadcasting in December.

We maye have come of age, but the song is new. And it feels good."

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Den nächsten Auftritt übernehmen Hologramme

Ich atme auf. Keine wirkliche Rückkehr. Agnetha, Benny, Björn und Anni-Frid sind zwar wieder im Studio gewesen, um zwei neue Lieder einzusingen. Aber mit den neuen Songs werden die echten Abbas nicht mehr persönlich auftreten. Dafür nutzen sie ihre neu geschaffenen Alter Egos aus dem Computer:

Im Dezember soll eine TV-Sendung ausgestrahlt werden, bei der Abba-Avatare zur neuen, echten Musik die digital hergestellten Lippen bewegen. Hologrammartige Wesen mit dem Aussehen der Gruppe von 1979. Das war das Jahr, in dem das Album "Voulez-Vous" auf den Markt kam und in dem Abba auf eine anstrengende, für Agnetha geradezu traumatische Welttournee gingen.

Die echten Menschen wird also wohl niemand mehr wiedervereint an einem Ort erleben, auch wenn ich mir für dieses Ereignis mindestens den, sagen wir, kleinen Zeh abhacken lassen würde.

Benny Andersson kann immer noch Pop

Ich lese noch einmal die Pressemitteilung. Es habe sich nach mehr als 35 Jahren Pause angefühlt, als seien sie nur mal kurz in den Ferien gewesen? Das klingt nach dem Humor von Björn Ulvaeus. Aber ich kann mir die Atmosphäre im Studio gut vorstellen: Vier Menschen mit einer gemeinsamen Vergangenheit, die sie alle unermesslich reich, aber teilweise auch krank gemacht hat, kommen noch einmal im Studio zusammen, um ein wenig Spaß zu haben.

Es muss dort ungeheuer herzenswarm zugegangen sein. Herzenswarm und fröhlich. Ein zauberhafter Moment der Nostalgie. Ob auch Tränen geflossen sind? Agnetha, Benny, Björn und Anni-Frid – sie alle haben Frieden mit sich gemacht. Und mit den anderen. Keine Animositäten mehr, kein Bedauern, keine Bitterkeit. Abba brauchten ein paar Jahrzehnte Pause von all dem Wahnsinn. Und zwei neue Songs werden erklingen. Einer davon heißt "I Still Have Faith In You". Vielleicht ist das meine größte Sorge. "The Winner Takes It All", "Dancing Queen" und "The Day Before You Came" waren perfekt. Was soll da noch kommen? Thank you for more music?

Vor vier Jahren saß ich in Benny Anderssons Studio. Der Pianist war ein wunderbarer Gastgeber. Sprach über die alten Zeiten und seine Fähigkeiten als Komponist von Welthits.

Ich: "Könnten Sie heute noch einen Popsong schreiben?"

Er: "Klar! Aber ob er von Bedeutung wäre, das ist eine andere Frage."

Mehr Eindrücke des Besuchs sehen Sie im untenstehenden Video:

Exklusiv: Besuch bei Benny Andersson: Das macht der Mann von Abba heute