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Jukka Kuoppamäki: Hier Pastor, dort Schlagerstar

Eigentlich arbeitet Jukka Kuoppamäki als Priester in Dortmund. In Finnland ist er jedoch ein berühmter Schlagermusiker. Sein Sohn hat ihn für stern.de nach Finnland begleitet - zur Qualifikation für den European Song Contest.

Von Aarni Kuoppamäki

Im schmalen Durchgang hinter der Bühne legt Jukka Kuoppamäki die Handflächen aneinander. Er schließt die Augen. Rock-Akkorde schallen dumpf ins Halbdunkel der Hinterbühne. Zuschauer schreien, Flammenwerfer fauchen. Es riecht nach Rauch. Kuoppamäki-Gitarrist Mikko, jung und multipel gepierct, zupft auf seinem Instrument. Dann ist Teilnehmer Nummer vier fertig, eine hektsche Headset-Trägerin ruft Teilnehmer Nummer fünf. Unter dem Jubel der Menge tritt Jukka Kuoppamäki ins Licht und breitet die Flügel aus.

Jukka Kuoppamäki ist mein Vater. Er tauft in Dortmund Babys, segnet Ehen und trägt die Toten zu Grabe. Er trinkt Pils, schaut Borussia im Fernsehen und geht fast jeden Tag raus - neulich ist er von Nordic Walking auf Jogging umgestiegen. Vor vier Jahren waren wir gemeinsam auf einem Konzert der finnischen Opern-Metaller Nightwish. Die damals noch unbekannte Vorband hieß Lordi, heute ist sie als Eurovision-Gewinner europaweit berühmt. Mein 64-jähriger Vater tritt an, Lordis Nachfolger zu werden als finnischer Wettbewerbsbeitrag im Eurovision Song Contest.

Auf Tour mit Tokio Hotel

Ich erreiche Turku am frühen Vorabend des Wettbewerbs. Es liegt Schnee, das Taxameter springt bei sieben Euro an. "Zum Rathaus, bitte!" Die Künstler stehen in Grüppchen an der Weintheke. Männer mit langen Haaren, Ketten und Totenkopf-Tattoos, lange schlanke Frauen. Mutter stellt mir Vivian vor, Vivian Sin'amor, den Gitarristen von der Band Lovex. Er trägt glitzerndes Metall an der Kleidung, Haarlack in seinen exakt ausgerichteten schwarzen Stacheln. Lovex sei im kommen, heißt es, die Wettbüros sehen die Band auf Platz 1 in der Qualifikation. Wenn alles gut geht, gehen sie auf Tour mit Tokio Hotel.

Jukka Kuoppamäki hat eine Wettquote von 41 zu 1. Es ist sein fünfter Versuch, sich für den Grand Prix zu qualifizieren. 1971 wurde er hier zweiter, gewann aber das "Schlagerfestival der Ostseeländer" in Rostock, wie auch im Folgejahr. Er hat mehr als zwei Dutzend Alben veröffentlicht, darunter ein paar vergoldete, und einige der größten Hits der finnischen Schlagergeschichte geschrieben.

Auf dem Gipfel seines Ruhms begegnete Jukka einem Goldschmied, der sich und seinen Glauben in den Kuoppamäki-Liedern wiederfand. Der Goldschmied lud den Sänger ein in seine Kirche, zu den anthroposophischen Christen, die an Reinkarnation glauben. Dort fand der Sänger die Religion, die er so lange in spirituellen Büchern gesucht hatte. 1977 ging er nach Deutschland, um anthroposophische Theologie zu studieren. Weil Startum und Priesterschaft sich schwer vertragen, ist er geblieben. Einmal versuchte er es mit Schlager auf Deutsch, aber da beherrschte er die Sprache noch nicht richtig.

Nun steht Jukka an der Theke und gießt Wein ein. "Der Priester verteilt das Abendmahl", sagt Ilkka Vainio. Vainio ist Musikproduzent und Sohn eines berühmten finnischen Liedtexters. Ich bin der Sohn von Jukka Kuoppamäki. Das genügt. Später am Abend begegne ich Vainio ein zweites Mal. "Wie heißt du noch mal?", fragt er.

Ein gutes Omen

Die Show steigt im Caribia Hotel Turku. Das ist alles in einem: Oben Künstler-Herberge, ebenerdig Showsaal und im Keller Warteraum, neufinnisch Green Room. Ein enges, rustikales Latino-Restaurant. Auf jedem der zwölf Tische für die Qualifikanten stehen eine leere Vase und eine bunte Laterne aus Milchglas. Die Nummer 5 ist größer als alle anderen. "Ein gutes Omen", sagt Jukka. Der Produzent vom finnischen Staatsfernsehen geht von Tisch zu Tisch, lost aus, wer in der Generalprobe ins Superfinale der letzten drei kommt. Kuoppamäki-Bassist Lauri, ein 23-Jähriger mit getigertem Haarkamm, zieht ein "X" aus dem Hut. Jukka darf ein zweites Mal auftreten. Noch ein gutes Vorzeichen.

Zur Pressekonferenz holt sich Jukka noch schnell einen Kaffee aus der Maske. Er stellt einen Pappbecher mit Keksen auf den Tisch. Die gesamte finnische Presse ist vor Ort, und stellt die immer gleichen Fragen: "Was ist die Botschaft von 'Levitä Siivet' (auf Deutsch: Breite die Flügel aus)?", auf die die immer gleichen Antworten folgen. "Die Botschaft ist spirituell, es geht um die Flügel der Seele."

In der Schule in Dortmund kannten auch alle meinen Vater. Er war Religionslehrer. Man wusste auch, dass er Musik macht, irgendwo in Finnland. Einmal kam das Gerücht aus, Emilia ("I'm a big big girl in a big big world") sei meine Schwester. Dabei ist sie Schwedin und dunkelhäutig. Wahrscheinlich hatte Jukka von seiner Nichte erzählt, die genauso heißt...

Jetzt ein Foto! Und noch eins. Jukka verschränkt die Arme, setzt den Hey-Baby-Blick auf. "Könnte ich noch eine CD haben", fragt der Fotograf, "ein Autogramm drauf?" Einmal den Sohn mit aufs Foto, ein kurzes Interview, bitte. Nach einer Stunde ist der Kaffee kalt. Die Kekse sind alle.

Eine positive Botschaft

Zurück aufs Zimmer. Die Zuschauer sind schon im Hotel, schreien nach meinem Vater. Schnell in den Aufzug! Ruhe. Auf dem Hotelflur beginnt Jukka, den Refrain zu singen: "Breite die Flügel aus, lerne fliegen, du kannst die ganze Welt erobern. Du vermagst an den Rand des Himmels zu fliegen, wenn dich starke Schwingen tragen." Eine positive Botschaft, das ist selten in Finnland. Im Hotelzimmer schlage ich das Abendblatt auf. Da steht, der Sohn von Jukka Kuoppamäki schreibe was für den stern. "Betest du eigentlich vor dem Auftritt?" Jukka liegt auf dem Hotelbett, bejaht mit geschlossenen Augen. "Ich bitte den um Kraft, für den ich das hier mache."

Jukka Kuoppamäki öffnet die Augen und tritt ins Licht. Er breitet die Flügel aus. Eine Million Finnen sehen den ältesten Eurovision-Qualifikanten, den das Land je hatte: Hemd und Jackett schwarz, in Jeans, mit Gitarre, vor Himmel und Wolken.

Hinter der Bühne versammelt die Headset-Trägerin Teilnehmer Nummer sechs: Jann Wilde and Rose Avenue. Bald will die Band ihr erstes Album veröffentlichen. Faust gegen Faust, man wünscht einander Glück.

Jukka fliegt. Ich drehe mich weg, habe Wasser in den Augen. Klar war ich schon auf Konzerten meines Vaters. Als ich klein war, tourten wir mit der ganzen Familie von Südfinnland bis ans Nordkap. Aber das hier ist groß, so wie die Festivalsiege in den 70ern, als ich noch nicht geboren war. Die Leute jubeln. Mein Herz schlägt mit im Takt. Papa, ich bin stolz auf dich.

Casting-"Idol" gewinnt

Im Green Room warten wir auf die Ergebnisse. "Wie weit waren die Flügel ausgebreitet", fragt der Moderator. "Zehn Meter", sagt Jukka. Bei der Generalprobe waren es fünf gewesen. Jemand legt 23 Rosen auf unseren Tisch. Zuschauer haben sie per SMS bestellt. Lovex am Nebentisch haben ihre Vase schon voll, die übrigen Rosen stecken in der Laterne. Mehr passt nicht mehr rein. Doch auch für Lovex endet die Eurovision im Superfinale. Das gewinnt Finnlands erstes Casting-"Idol" Hanna Pakkarainen mit "Leave me alone". Jukka wird zehnter. "Dann probier ich's halt noch mal", sagt er.

Mitternacht ist durch, es ist Sonntag. An der Hotelbar spielt eine Coverband. "He, das ist gut", sagt Jukka. Und ich folge meinem Vater auf die Tanzfläche. Nächsten Sonntag wird er wieder die Flügel ausbreiten. Aber dann ist er der Priester.