HOME

KARRIERE: Sushi mit Seele

Vielleicht macht die Frau wirklich Musikgeschichte. Egal. Fest steht: Aaliyah verkörpert aufs Schönste Coolness und Kommerz.

Von David Pfeifer

Die Herausragende ist müde. Sie sitzt mit angezogenen Beinen auf der Couch und sagt: »Fragen Sie, ich mag das!«, und das klingt nach drei Tagen voller Interviews so überzeugend wie die Behauptung, Schuppen auf Revers seien hübsch und verregnete Sommer ein Vergnügen. Aaliyah D. Haughton - auf Suaheli bedeutet ihr Vorname tatsächlich »die Herausragende« - hat gerade ihr drittes Album veröffentlicht, ihren zweiten Hollywoodfilm abgedreht und sich auf zwei weitere vorbereitet, die sie demnächst in Australien dreht. Da darf man auch mit 22 Jahren mal ein bisschen matt sein.

Vor allem, wenn man schon seit dem neunten Lebensjahr vor Musikproduzenten auftritt und mit 15 das Plattendebüt hinter sich gebracht hat. »Seit ich lebe, singe ich«, sagt die in Brooklyn geborene und in der Automacherstadt Detroit aufgewachsene Soulsängerin, und wahrscheinlich ist die Geschwindigkeit ihrer Karriere auch nur so zu erklären.

In ihren Videos und Filmen sieht man, dass die junge Aaliyah vielleicht mal die alte Madonna ablösen könnte. Jedenfalls macht sie alles richtig: Sie hat ein Händchen für die Leute, mit denen sie arbeitet - oder, wie sie es ausdrückt: »Das Wichtigste ist, dass die Menschen in meiner Umgebung genau wissen, was ich will.«

Sie ist ein Styling-Wunder, sieht jedesmal irgendwie anders, aber immer gut aus, und sie bewegt sich gekonnt in dem klitzekleinen Deckungsbereich aus Coolness und Kommerz, in dem man von den Kritikern geliebt und vom Publikum gekauft wird. Deswegen ist man voller Erwartung, wenn man sie trifft. Hofft auf die Enthüllung von ein paar Geheimnissen, aber Aaliyah lächelt süß und distanziert und sagt Sätze wie: »Es ist mir sehr wichtig, immer einen eigenen, aber neuen Stil zu haben, und meine Fans dabei nicht zu enttäuschen.« Wie entäuschend.

Für den Stil ihrer Musik - »sie hat die Geschichte des R&B verändert«, urteilte der »New Musical Express« - war bislang vor allem der Rapper Timbaland zuständig. Er kam auf die Idee, bei ihrem Hit »Are You That Somebody« Babygeschrei unter den Refrain zu mischen, und er hat den Song »Try Again« produziert, der auf der neuen Platte »Aaliyah« der Höhepunkt ist. Wenn der normale Rhythm & Blues wie ein McDonald's-Hamburger ist, der immer gleich gut oder schlecht schmeckt, dann ist Aaliyahs Album eher wie Sushi - auch Fast Food, aber eben exotisch.

»Meine beste Platte bisher, punktum«, sagt Aaliyah, und das stimmt. Aber was soll ein Musiker auch sonst sagen?

Es gibt Fragen, die sie nicht mehr hören kann. Ob sie mit Jennifer Lopez konkurriere etwa - weil beide Musik und Filme machen; Aaliyah hat in »Queen of the Damned« einen Vampir gespielt und turnt demnächst durch die beiden »Matrix«-Fortsetzungen. »Ich nehme das als Kompliment«, sagt sie. Aber wenn man ihr versichert, dass sie die Coolere ist, ruckelt sie doch erfreut auf dem Sofa herum.

Aber die häufigste Frage ist die schlimmste - eine, die sie schon seit Jahren nicht mehr hören will: Was war mit R. Kelly? Als der Soul-Star Robert Kelly ihr erstes Album produzierte, gab es Gerüchte, die beiden hätten geheiratet. Da war Aaliyah gerade 15, er 27 Jahre alt, es wäre also nicht nur pikant, sondern illegal gewesen.

Dazu sagt sie nun aber auf gar keinen Fall irgendwas, wie überhaupt ihr Privatleben tabu ist. »Ich bin viel zu Hause in New York, leihe mir Videos, gehe mit Freunden aus, lese ab und zu ein Buch, und ganz selten gehe ich mal tanzen.« Mehr nicht. Auch nicht auf Nachfrage. Da wird sie schmallippig und zieht die Beine fester an, und aus der Herausragenden wird die Unnahbare.

Themen in diesem Artikel