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Konzertsaison 2006: Reibach der Bühnen-Reifen

Das Volk der CD-Brenner erhebt sich und pilgert ins Fußballstadion: Diese Konzert-Saison wird alle Rekorde brechen. Das gilt auch für die Ticket-Preise altbekannter Superstars.

Von Tobias Schmitz

Sie werden kommen. Sie werden in Massen herfallen über unschuldig grüne Wiesen, die sie binnen Stunden in Wüsten oder Moraste verwandeln. Sie werden in Fußballstadien strömen, hektoliterweise sauteures Bier aus Plastikbechern trinken und dicht gedrängt stehen, hocken, sitzen. Sie werden schwitzend auf riesige Monitore glotzen oder durch Ferngläser Richtung Bühne starren. Nach ein paar Stunden werden sie mit Pfeifton im Ohr nach Hause fahren, ein glückliches Grinsen im Gesicht, und sagen: "Ich habe die Stones gesehen."

Dass zigtausend Menschen bis zu 207 Euro pro Karte bezahlen, um der im Prinzip immer gleichen Nummern-Revue ein paar alter Männer beizuwohnen, ist erstaunlich - das zahlungskräftige deutsche Publikum erfreut Jahr für Jahr die Popindustrie. Und die Namen der großen Acts, die in diesem Sommer in Deutschland gastieren, lesen sich wie ein Streifzug durch die Hall of Fame des Rock'n'Roll:

Die Rolling Stones kommen,

dazu Santana, The Who, Madonna, Robbie Williams, Eric Clapton, die Eagles, Depeche Mode und viele, viele andere. Selbst George Michael gibt sich im Herbst erstmals seit 15 Jahren wieder die Ehre. Im Jahr des Fußballs schickt sich das Land an, Weltmeister im Zuhören zu werden: Nie war die Nachfrage nach Konzerttickets so groß. Schon im vergangenen Jahr gaben die Deutschen nach Schätzung des amerikanischen "Billboard"-Magazins etwa drei Milliarden Euro für Livemusik aus, obwohl die ganz großen Bands und Entertainer gar nicht unterwegs waren. In diesem Jahr dürften die Einnahmen daher weitaus höher liegen.

Was auch an den gepfefferten Ticketpreisen liegt: Noch in den 90er Jahren und damit vor der Euro-Einführung galt ein Kartenpreis von 100 Mark als magische Grenze, die nicht ungestraft überschritten werden durfte. Doch inzwischen nehmen die Stones schon für das billigste Billett 76 Euro, unter 70 Euro geht auch bei der bereits größtenteils ausverkauften Tour von Robbie Williams praktisch nichts. Madonna verlangt für ein Ticket bis zu 192 Euro. Solange die Preise gezahlt werden, scheint die Welt in Ordnung zu sein.

Blöd allerdings für Menschen,

die nicht mal eben den Gegenwert eines Kurzurlaubs für ein bisschen Rockmusik investieren können. Und blöd für den Ruf der deutschen Konzertveranstalter, die für die Gier der Großen mitverantwortlich gemacht werden, obwohl die meisten deutschen Künstler für einen Bruchteil antreten. Zum Vergleich: Für eine Konzertkarte der Erfolgskombo "Tokio Hotel" geben Teenies zwischen 20 und 33 Euro aus.

"Wir haben auf die Preispolitik der Superstars so gut wie keinen Einfluss", sagt Jens Michow, Vorsitzender des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft. "Denn Megabands wie die Stones oder U2 vermarkten ihre Tourneen längst größtenteils selbst."

Statt Land für Land Verträge mit einem Konzert-Impressario abzuschließen, treten erfolgreiche Musiker selbst als Tour-Organisatoren auf. Lokale Veranstalter sind nur noch Handlanger eines vollkommen auf Profit getrimmten Apparates und bekommen lediglich eine Art "Durchführungsgebühr" als Umsatzbeteiligung. Die Verträge, denen sich die Veranstalter in Deutschland zu unterwerfen haben, sind dick wie Telefonbücher. Der Großteil des Geldes, das nicht für Logistik, Stadionmiete, Technik, Steuern und weitere Kosten draufgeht, bleibt bei den Musikern.

Mit diesem System schafften es Weltenretter Bono und U2 im vorigen Jahr mit riesigem Abstand an die Spitze der Liste der bestverdienenden Popstars: Nach Recherchen des amerikanischen Fachblattes "Rolling Stone" sackten U2 im Jahr 2005 umgerechnet etwa 122 Millionen Euro ein - 110 Millionen, also mehr als 90 Prozent davon, erwirtschafteten die Iren durch Livekonzerte. Pro Konzert soll die Band allein 120 000 Euro mit dem Verkauf von Fan-Artikeln - vom T-Shirt bis zum Schlüsselanhänger - verdient haben.

Früher kassierten die Stars riesige Vorauszahlungen ihrer Plattenfirmen für jedes neue Album und partizipierten satt an millionenfachen Tonträger-Verkäufen. Tourneen dienten ausschließlich der Platten- und CD-Promotion, ihre Einnahmen waren eher nebensächlich. Das hat sich - im Zeitalter des CD-Brenners und dramatisch sinkender Absatzzahlen - grundlegend geändert.

Mariah Carey, die 2005

mit "The Emancipation Of Mimi" das erfolgreichste Album in den USA verkaufte, aber nicht tourte, taucht in der "Rolling Stone"-Liste der 30 Superverdiener gar nicht erst auf. Neil Diamond, der von seiner Platte "12 Songs" nicht mal 500 000 Stück in Amerika absetzte, verdiente rund 35 Millionen Euro und kam damit auf Platz sechs der Liste - dank einer ausgedehnten Welt-Tournee.

Ob bei Schmusesänger Neil Diamond oder bei Alt- und Lautrockern wie The Who: Konzertbesucher suchen nicht ausschließlich Musik, sie suchen vor allem ein "Event", ein gänsehauterzeugendes Gemeinschaftsereignis, das sich nicht beliebig am Computer oder Fernseher reproduzieren lässt. Ein Erlebnis, das sie dermaßen aus den Socken haut, dass Ehestress, Probleme am Arbeitsplatz oder andere Sorgen für zwei Stunden verschwinden. Eigentlich ist es so nur folgerichtig, dass der Preis für das Ticket zur Reise in die andere Welt vor allem eins ist: astronomisch.

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