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Konzertveranstalter Berthold Seliger: "Der Profitgedanke stand nie an erster Stelle"

Ende des Jahres schließt er seine Konzertagentur. Der Berliner Musikverrückte Berthold Seliger über schlecht beratene Künstler, überteuerte Eintrittskarten - und die Macht der Bands.

Herr Seliger, Sie haben 2013 Musiker wie Patti Smith und Calexico nach Deutschland geholt, ihre Konzertagentur hatte ein erfolgreiches Jahr. Warum sperren Sie den Laden zum Jahreswechsel zu?
Ich habe sogar zwei sehr gute Jahre hinter mir. Aber so wie es zurzeit läuft in der Musikindustrie, im Livegeschäft, wird es für mein Konzept der Nischenkultur immer schwieriger. Da ist dann die Frage: Wie lange willst du weiter bei etwas mitmachen, was du als falsch erkannt hast? Deshalb wird die Konzertagentur Berthold Seliger nach 25 Jahren geschlossen. Ich mache künftig als Einzelkämpfer weiter mit meinem Büro für Texte, Musik und Strategien.

Also geht es in eine noch kleinere Nische?


Ja, es wird weiter Nische sein, aber ich mache einen anderen Job. Ich will nicht mehr mit Managern zusammenarbeiten, sondern mit den Musikern direkt. In den 90ern habe ich in Texas auf dem Festival South By Southwest die Band Calexico entdeckt und zu den Musikern gesagt: Gefällt mir, was ihr da spielt, wollen wir etwas zusammen machen? Mittlerweile hat jede kleine Band, die dort an einer Straßenecke auftritt, drei Manager, meist inkompetente Leute. Wenn du mit denen redest, heißt es: Du kannst ja mal das Management in England fragen, ob du die Shows für Deutschland bekommst.

Das klingt frustriert.


Ich will mir das einfach nicht mehr antun. Da quält dich dann irgendein Engländer, du kriegst hier in Deutschland schlechte Deals, musst aber trotzdem viel Geld abliefern. Du hast es mit Mittelsmännern zu tun, aber nicht mehr mit den Musikern selbst, kannst nicht mehr mit ihnen über Strategien reden.

Strategien welcher Art?


Zum Beispiel: wie oft und wo auftreten? Wir haben ja ein föderales Land und föderale Medien wie das Radio. Um neue Musiker flächendeckend vorzustellen, müsstest du eigentlich acht, zehn Konzerte spielen. Nur so kann eine Band größer werden. Aber in England, in den USA sitzen Manager und Konzertagenten, die sagen: In Frankreich spielt unsere Band nur Paris, in England nur London und Manchester. Warum soll sie in Deutschland mehr als ein, zwei Shows spielen? Also sieh zu, was du in Hamburg und Berlin mit ihr anstellen kannst. Da bist du nur noch ein ausführendes Organ. Aber ich verstehe mich als Kulturarbeiter, ich will ein Stück Kultur an die Leute bringen.

Ist Leidenschaft Luxus in dieser Branche?


Es wird immer schwieriger. Ich als Musik-Verrückter betreibe ein kleines Unternehmen. Da sehe ich mich in der Tradition eines Fritz Rau, der ja auch aus Liebe zur Musik in den 50ern Jazzer aus den USA geholt hat, in den 60ern Blues-Musiker und die ersten englischen Rockbands. Auch Bill Graham in den USA war so ein Verrückter. Heute sind die Fans von einst Teil internationaler Großkonzerne. Einer wie Marek Lieberberg in Frankfurt gehört zu CTS Eventim, dem größten Konzertveranstalter der Welt, Bill Grahams Firma wurde aufgekauft von Live Nation. Da bist du dann Teil von Konzernen, die nur Profit machen wollen.

Aber ein bisschen Geld sollte ja schon rumkommen beim Live-Geschäft, oder?
Bei mir - und wohl auch bei anderen musikverrückten Old-Schoolern - war es so: Mit einem Drittel der Musiker habe ich verdient, bei einem Drittel lief es auf plusminusnull, und bei einem Drittel habe ich kräftig draufgezahlt. Es ist eine strategische Frage - Calexico haben die ersten Shows vor rund 100 Leuten gespielt -, und es ist auch eine inhaltliche Entscheidung, denn ich glaube ja an die Musik, die ich vertrete. Deshalb stand der Profitgedanke für mich auch nie an erster Stelle. Ich bin zufrieden, dass ich überlebt habe und dass vier Leute von der Agentur leben können.

Sie haben auch ein Buch geschrieben: "Das Geschäft mit der Musik". Da zeigen Sie vieles auf, was falsch läuft. Was kann man dagegen tun?


Die Bands könnten die Situation verändern, ohne die würde doch nichts laufen. Niemand will Konzertveranstalter auf der Bühne sehen. Die Musiker müssten fordern: entweder zu meinen Bedingungen oder gar nicht. In den USA hat zum Beispiel Kid Rock bei der Tour im Sommer gesagt: 20 Dollar für das Ticket, keine Extragebühren. Und es hat funktioniert. Er hatte viel mehr Publikum als bei der Tour zuvor, vor allem aber hat er das Kostbarste gewonnen: die Zuneigung seiner Fans.

Gibt es so etwas wie das politisch korrekte Ticket?


Die Verbraucher müssen wachsam sein, oft können sie die Tickets billiger über die Website eines Veranstalters kaufen. Man muss versuchen, wenigstens mit kleinen Schritten gegenzusteuern. Bei einem Deal mit Ticketmaster, dem weltgrößten Tickethändler, habe ich herausgehandelt, dass die Leute keine Gebühren zahlen müssen, wenn sie die Eintrittskarten auf meiner Homepage kaufen. Wäre ja auch irre: 2,50 Euro dafür, dass sie die zuhause auf ihrem eigenen Drucker ausdrucken.

Trotzdem werden Konzerten immer teurer.


Man muss sich des Skandals bewusst werden. Ich zeige ja in meinem Buch, dass ein 28-Euro-Ticket letztlich 34 bis 40 Euro kostet - bis zu mehr als 40 Prozent gehen weder an Musiker noch an Konzertveranstalter, sondern an den Tickethändler. Klaus-Peter Schulenberg, der Chef von Eventim, hat das Unternehmen 1996 von Marek Lieberberg gekauft und tauchte in diesem Juni, 17 Jahre später, erstmals in der Liste der Dollar-Milliardäre auf - davon gibt es 1426 auf der ganzen Welt. Und das als Zwischenhändler: ein reines Provisionsgeschäft ohne jedes Risiko. Wenn das Konzert nicht gut läuft, verkauft er zwar weniger Tickets, aber er zahlt ja nicht das Defizit. Das macht der Veranstalter oder der Musiker.

In Ihrem Buch beklagen Sie, dass sich heute auf viele Tourneen Getränkehersteller und Telekommunikationsunternehmen als Sponsoren drauf setzen, so dass man denkt, das Konzert sei eine Werbeveranstaltung.


Es gibt schon Tourveranstalter, die nur drauf gucken, welche Band sie mit welcher Firma zusammenstecken. Einfach trostlos. Da gibt es Musiker, die haben ihren ersten Sponsoring-Vertrag unterschrieben, bevor ein Album erschienen ist. Wie ich in meinem Buch schreibe: Man bucht dann Brands und nicht Bands. Ich empfehle das schöne Wort von Patti Smith: Keep your name clean. Kümmere dich um gute Kunst, verkauf dich nicht an Konzerne.

Werden die Fans die massive Werbung irgendwann mal satt haben?


Wenn ich das wüsste! Zum einen bin ich pessimistisch oder vielmehr realistisch: Die Konzerne haben ein massives Interesse, sich weit nach vorn zu spielen; und junge Bands werden weiter drauf reinfallen, weil sie das Geld sehen und oft Manager haben, die sie schlecht beraten. Andererseits gibt es ja zu jeder Bewegung eine Gegenbewegung. Möglicherweise sagen irgendwann immer mehr Musiker: Da hab ich keinen Bock drauf. Zurzeit sind das eher ältere, Patti Smith eben oder Tom Waits. Oder Adam Yauch von den Beastie Boys, der vor seinem Tod verfügt hat, das nichts, was er je künstlerisch hergestellt hat, im Zusammenhang mit einer Marke auftauchen darf. Aber man darf ja nicht vergessen: Junge Leute sind heute mit 25 Jahren Neoliberalismus aufgewachsen. Wenn ich bei meinen Mitarbeiter über all die Werbebanner rund um die Bühne klage, sagen die: Wieso, ist schön bunt. Und nehmen wir mal die jungen Schauspieler, Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen usw., die jetzt für McDonald's werben: Das hätte sich vor zehn Jahren doch niemand getraut.

Berthold Seliger: "Das Geschäft mit der Musik", Edition Tiamat, 352 Seiten, 18 Euro

Interview: Alf Burchardt