HOME

Supermodel: Das schöne Leben der Carla Bruni

Hingehauchte Eleganz und Melancholie de luxe: Auf ihrem zweiten Album vertont das frühere Supermodel Gedichte großer Literaten.

Von Tobias Schmitz

Ein Rapper hat es leicht. Für einen spannenden Song berichtet er einfach aus seinem Leben: gestern wieder ein Auto geknackt, dann in Schießerei verwickelt worden, doppelten Lungendurchschuss überlebt, verdammte Gang, verdammte Drogen, verdammter Knast. Wow, was für ein Kerl! Viel schwieriger ist es, dezent hingehauchte Texte zur Gitarre mit Leben zu füllen. Über was, bitte schön, soll also Carla Bruni schreiben?

Über die Nöte, eine große Altbauwohnung mit Garten in Paris zu finden? Über die Putzfrau, die sich den Rücken verknackst hat, weswegen Frau Bruni nun selbst zum Scheuertuch greifen muss? Über die Boulevardpresse, die dreist behauptet, sie habe sich (was nicht stimmt!) von ihrem Lebensgefährten getrennt? Carla Brunis Biografie duftet so intensiv nach sorglosem Leben, nach schönen Menschen und Laisser-faire, dass jedes selbst erdachte Wort über Abschied, Schmerz und die verlorene Liebe aufgesetzt klänge.

Auf ihrem zweiten Album "No Promises" hat Bruni gar nicht erst versucht, eigene Texte zu schreiben, sondern sich im riesigen Fundus der angloamerikanischen Literatur bedient und Gedichte von William Butler Yeats, Emily Dickinson und Dorothy Parker vertont. Deren Englisch ist natürlich bei weitem elaborierter als die normale "I Love You, You Love Me"-Poesie des gewöhnlichen Popsongs - was Bruni sehr liegt: Mit Gewöhnlichem konnte die 38-jährige Italienerin nie etwas anfangen.

Affären mit Eric Clapton, Donald Trump und Mick Jagger

Bruni stammt aus einer der reichsten italienischen Industriellenfamilien und wuchs in Frankreich auf. Der Vater komponierte, die Mutter war Pianistin. Es war so viel Geld da, dass zu Hause nie viel gesprochen wurde über Arbeit und Lohn. Carlas Schwester Valeria Bruni-Tedeschi wurde Schauspielerin und Regisseurin, ihr kürzlich verstorbener Bruder Virginio Künstler, und Carla verdiente Millionen mit Aufnahmen von ihrem Körper, Gesicht und melancholischen Blick. In den neunziger Jahren gehörte sie zum erweiterten Kreis der "Supermodels", hatte Affären mit Eric Clapton, Donald Trump und Mick Jagger und genoss das süße Leben zwischen Shootings und Partyflirts.

Dann hatte sie das Modeln satt. Sie verliebte sich in einen Philosophen, mit dessen Vater sie zuvor liiert war, bekam ein Kind und zog sich zurück. Abends dachte die schöne Frau in ihrer schönen Wohnung an ihren schönen Mann, ihren schönen Sohn und ihr schönes Leben und sang mit heiserer Stimme eigene Lieder zur Gitarre. Die wurden 2002 unter dem Titel "Quelqu'un m'a dit" veröffentlicht und ein Triumph.

"Das ist kein Gedicht, es ist ein Lied!"

Carla Bruni wurde "Künstlerin des Jahres" in Frankreich, widmete sich Aufzucht und Pflege des Sohnes und las Gedichte. "Mein Leben ist gut, weil die Dramen fehlen", sagt Carla Bruni heute. "Je älter ich werde, desto mehr merke ich: Das Leben ist gut, wenn es nicht schlecht ist."

Das ist schön gesagt, wenngleich eine Weisheit von fast dekadenter Schlichtheit. Das Schreiben der Songs sei einfach gewesen, die Auswahl der Texte und der Wechsel vom Französischen ins Englische ebenfalls: "Nicht ich habe die Gedichte gefunden, sondern sie mich. Manchmal sprangen sie mich regelrecht an. Und ich dachte: Das ist kein Gedicht, es ist ein Lied!"

Melancholie de luxe

In solchen Momenten verzog sich Bruni in ihr winziges Heimstudio und erdachte Melodien zu den Texten. Als sich nach elf neuen Songs unerwartete Probleme einstellten - "Mir fehlte etwas, das ich nicht beschreiben konnte" -, genügte ein Anruf bei einer guten Freundin: Marianne Faithfull, sehr belesen und als Musikerin nicht eben talentlos, kam auf einen Sprung vorbei, um mit ihr über Reime und gutes Timing zu diskutieren. Und siehe: Worte und Rhythmen fügten sich. Das Ergebnis ist hingehauchte Eleganz, Melancholie de luxe, hochglanzpolierte Schwermut. Großartige Melodien fehlen, aber die heiser-wollüstige Schlichtheit des Albums entfacht trotzdem einen ganz eigenen Reiz. Bruni singt vom Herbst und der Einsamkeit und der Leere. "Ich habe Angst vor dem Älterwerden und Sterben, seit ich zehn bin", sagt Bruni. Mit ihrem Seelenheil sei trotzdem alles in Ordnung: "Ich nehme die Gedichte eben als das, was sie sind: schöne Worte."

print