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Social-Media-Trend Hamburger Musikerin Miu: Der Rechtsstreit um die Jerusalema-Challenge hat auch eine andere Seite

Die Hamburger Musikerin Miu und die Jerusalema-Tanzchallenge
Die Hamburger Musikerin Miu und die Jerusalema-Tanzchallenge
© Elena Zaucke / Nardus Engelbrecht / Picture Alliance
Ein harmloser Spaß, der während der Corona-Krise die Laune hob – so sahen viele Menschen die Jerusalema-Tanzchallenge. Als der Konzern Warner Music darauf hinwies, dass er die Rechte an dem Song innehabe, galt er schnell als Spielverderber. Doch das stimme so nicht, sagt die Künstlerin Nina Graf alias Miu aus Hamburg.

Der Song "Jerusalema" des südafrikanischen DJs Master KG und der Sängerin Nomcebo Zikode hat in den vergangenen Monaten einen gigantischen Trend in den sozialen Netzwerken ausgelöst: Freunde, Schulklassen, Kollegen, Polizisten oder Krankenschwestern teilten Videos, wie sie dazu tanzen. Doch der Spaß fand ein Ende, als das Plattenlabel Warner Music darauf hinwies, dass es die Rechte an "Jerusalema" innehabe und für die öffentliche Nutzung Gebühren fordere.

Was viele Menschen unverhältnismäßig fanden, kürzlich auch ein stern-Autor in seinem Kommentar zu dem Thema, ist für Musiker wie die Hamburger Sängerin Nina Graf alias Miu, jedoch ein wichtiger und richtiger Schritt. "Ganz offen gestanden macht mich die Diskussion um die Jerusalema-Challenge als Künstlerin etwas sprachlos", sagt sie. Denn schon vor der Corona-Krise hätten Künstler Schwierigkeiten gehabt, ihre Arbeit zu monetarisieren. "Das hat durchaus mit der Digitalisierung zu tun, dem immer größer werdenden Loch in der Wertschöpfungskette von analog zu digital. Und einem entstandenen Selbstverständnis der Gesellschaft, dass Musik nichts kosten muss und für alle verfügbar sein muss."

Musik ist nun mal nicht umsonst

Die 32-Jährige erklärt: "Musik machen und produzieren kostet richtig Geld. Geld, das keiner bezahlen will – und zu Corona erst recht nicht." Das Geld, dass das Label fordert, gehe nämlich in der Regel nicht komplett an den Mediengiganten, der ohnehin schon reichlich davon hat. "Warner hat einen Vertrag mit dem Künstler, sonst würden sie sich nicht um die Verwertung kümmern. Deals im Synchronisationsrecht werden üblicherweise 50:50 zwischen Act und Label geteilt – hier ist nicht ein Riesenkonzern nur für sich unterwegs, das kommt dem Künstler genauso zugute."

Kaufte man früher noch Musik auf CDs, Vinyl oder Kassetten, für mindestens zehn Euro pro Album, gibt es jetzt einen gigantischen Pool an Songs für wenige Euro im Monat, oder gar gratis, bei diversen großen Streaming-Anbietern. "Wenn du die Urheberrechtsdebatte und den Streit um faire Vergütungen im Netz mitverfolgt hast, dann kennst du sicher die Schlagzeilen, wo Pharell Williams erzählt, dass er für 'Happy' nur ein paar tausend Streaming-Dollar bekommen hat, obwohl  der Song ein Welterfolg war", merkt Miu an. Musiker verdienten ihr Geld also in den vergangenen Jahren vorrangig mit Live-Auftritten.

Das Label vertritt auch die Künstler

"Nun bricht die letzte Säule im Musikgeschäft mit Corona weg", sagt die Hamburgerin. "Ich finde leider einen faden Beigeschmack, dass selbst in der Corona-Krise das Kulturhandwerk mit Füßen getreten wird und immer gern in Anspruch genommen wird, aber keiner verstehen möchte, dass Arbeit dahinter steckt, die Menschen mit Musik, Film und Buch durch den Lockdown zu bringen und das Leben zu verschönern."

Im Falle der Jerusalema-Challenge ist ein vielleicht entscheidender Punkt für die öffentliche Meinung, dass auch viele Feuerwehrleute, Krankenpfleger, Ärzte oder Polizisten mitmachten, um mit der lustigen Aktion Geld zu sammeln. "Das Problem ist: Charity ist keine Charity, wenn nicht alle mitmachen (wollen)", sagt Miu dazu. "Es zählt nicht, dass 'damit ja keiner Geld' macht. Ab dem Moment, wo eine Management-Ebene involviert ist, endet mein Verständnis als Künstlerin. Denn dann wittert jemand eine Werbemaßnahme für sich, und wenn er die machen möchte, muss er zum Teufel noch mal vorher fragen – mehr erwartet erstmal keiner. Die Rechnungen kommen zustande, weil keiner vorher gefragt hat."

Corona macht der Kulturbranche das Leben schwer genug

"Woher kommt das Verständnis, dass Musik für alle frei verfügbar sein müsse?", wundert sich die Musikerin. "Für mich hinkt das. Auch der Vergleich mit der Wohltätigkeit, wenn doch alles drumherum immer bezahlt wird." Für Musiker, Künstler und Kulturschaffende sei die Situation gerade hart genug. "Gerade in der Corona-Krise hätte ich mir mehr Unterstützung für die Kultur gewünscht", so Miu.


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