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Neues Album von Bruce Springsteen: Der Boss hat einen Traum

Perfektes Timing: Wenige Tage nach der Inauguration von Barack Obama veröffentlicht einer seiner agilsten Anhänger ein neues Album. Bruce Springsteens "Working on a Dream" ist der Soundtrack zur Wiederherstellung des amerikanischen Traums.

Von Ingo Scheel

Er lächelt. Der Boss, wie Springsteen von seinen Fans respektvoll genannt wird, lächelt versonnen. Am Himmel leuchtet die schmale Sichel des Mondes, und Springsteen blickt still und zufrieden zu Boden. Er hat den Kragen hochgestellt und den schnöden T-Shirt-Look vom letzten Albumcover gegen Geschmeide und Ohrringe getauscht. Kein Zufall, dass sich Bruce Springsteen für das Cover seiner neuen Platte ein wenig festlicher als sonst angezogen hat. Nicht nur "Working on a Dream", sein 24. Album, ist ein Grund zum Feiern, sondern vor allem das erfolgreiche Ende seiner politischen Mission, die am 20. Januar mit Barack Obamas Ernennung zum US-Präsidenten ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

"Vote for Change" startet im Jahr 2004

Begonnen hatte dieser Einsatz für den politischen Wechsel in den USA bereits vor mehr als vier Jahren. Die erste Amtsperiode von George W. Bush hatte Springsteen so enerviert, dass er seine Zurückhaltung bei explizit politischen Themen aufgab und nun öffentlich Stellung bezog. "Vote for Change" lautete im Herbst 2004 das Motto der Tour: Zusammen mit US-Künstlern wie Pearl Jam, John Cougar Mellencamp und R.E.M. spielte Springsteen 34 Shows, vornehmlich in den sogenannten "Swing States", jenen US-Bundesstaaten, in denen der Ausgang der Wahl besonders knapp eingeschätzt wird. Der Wahlausgang ist Geschichte, Bush hangelte sich in eine zweite Amtszeit.

Im Kampf für "amerikanische Ideale, (…) wirtschaftliche Gerechtigkeit, Bürgerrechte, (…) und ein würdiges Leben für alle unsere Bürger" hatte somit auch Springsteen einen Kampf verloren. Passend dazu geriet sein nächstes Album zu einem stillen Monolog über die dunkle Seite seiner Heimat. Der Krieg im Irak, der Verlust menschlicher Werte, zerstörte Hoffnungen, geplatzte Träume – so der schmerzhafte Themenkanon auf "Devils & Dust" (2005).

Zwei Jahre später zeigte Springsteen dann ein ganz anderes Gesicht. Entschlossen blickt er vom Cover des Albums "Magic" (2007), und kurz bevor der US-Wahlkampf erneut Fahrt aufnimmt, scheint der Boss die Menschen auf das vorbereiten zu wollen, was kommt. "Is there anybody alive out there?" ruft er im Opener "Radio Nowhere" und das bedeutet nichts anderes als den Weckruf für die Nation. Diesmal soll die Geschichte einen anderen Gang nehmen, soll Amerika wieder den so oft proklamierten Traum träumen dürfen. Die Chance auf "Change" sollte nicht noch einmal verpasst werden.

Noch expliziter als auf Platte wurde Springsteen dann im April 2008. Auf seiner Website veröffentlichte er einen offenen Brief an seine Fans und stellte sich demonstrativ hinter Barack Obama. Er sei imstande, "den riesigen Schaden, der in den letzten acht Jahren verursacht wurde, zu beheben" und das Amerika wiederherzustellen, das Springsteen in seinen Songs so oft besungen hatte.

Springsteens Soundtrack zur Wechselkampagne

Vielleicht hat er in diesen Wochen an jenen Tag im Jahre 2001 gedacht, als ihm ein New Yorker Taxifahrer in den Wirren unmittelbar nach 9/11 einen flehentlichen Appell hinterher rief: "Boss, we need you!". Wenn schon die Politik versagte, dann musste doch zumindest Bruce Almighty am Start sein. Und er war es natürlich. Er reagierte musikalisch. Und wie. Nach nur drei Studioalben in den zehn Jahren zuvor geriet "The Rising" (2001) zum imposanten Schnellschuss. Eine Platte, die ebenso schmerzhaft wie tröstend die Gefühle, Erlebnisse und Eindrücke des 11. Septembers 2001 thematisierte.

Auch jetzt wurde Springsteen wieder gebraucht. Und auch jetzt war er zur Stelle. Regelmäßig griff er bei offiziellen Terminen von Barack Obama zur Akustikgitarre und sang seine Songs für das wechselwillige Volk. Mit Künstlern wie Billy Joel oder U2-Sänger Bono veranstaltete er Fundraiser-Partys und lieferte so nicht nur den Soundtrack zur großen Wechselkampagne, sondern brachte auch reichlich harte Devisen in Obamas Wahlkasse. Für das "Change Rocks"-Konzert in Chicago im Oktober letzten Jahres etwa, wurden Tickets für bis zu 25.000 Dollar verkauft.

Sympathie und Respekt füreinander beruhen dabei auf Gegenseitigkeit. Immer wieder verwendete Obama den Song "The Rising" als Intro, wenn er bei seinen Wahlveranstaltungen die Bühne betrat und auch sonst empfindet der US-Präsident für Springsteen echte Bewunderung. "Ich kandidiere für den Posten des US-Präsidenten, weil ich Bruce Springsteen nicht mehr werden kann", scherzt er am Rande des Chicagoer Konzerts mit seiner Frau Michelle. Anfang November in Cleveland kommt dann der Song schon nicht mehr vom Band, der alte Boss singt höchstpersönlich für den neuen Boss. Der Jubel ist riesig. Das Unternehmen "Change" hat diesmal das erwünschte Ende gefunden, zwei Tage danach wird Obama zum ersten farbigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt.

Aufbruchstimmung in Washington

Gute zwei Monate später, am 18. Januar, beginnen in Washington die Feierlichkeiten rund um die Inauguration Obamas. Und selbstverständlich ist Bruce Springsteen auch hier, beim großen "We are one"-Konzert, dabei. Singt zusammen mit einem Gospelchor - natürlich - den Song "The Rising". Jammt gemeinsam mit Folk-Legende Pete Seeger und steht anschließend Arm in Arm mit Künstlern wie Beyoncé, Sheryl Crow und Bono auf der Bühne vor dem Lincoln Memorial. Zwei Tage später, bei der Vereidigung Barack Obamas, hat Springsteen sich unter die Zuschauern vorm Capitol gemischt. Das Fernglas in der Hand, blinzelt er in die tiefstehende Wintersonne, den Kragen seiner dicken Jacke hat er, wie so oft, hochgeschlagen. Er scherzt mit Ehefrau Patty Scialfa und schaut konzentriert Richtung Bühne. Ergriffenheit liegt in seinem Blick und vor allem: Erleichterung. Diesmal hat es endlich geklappt. Change has come.