Patchwork-Pop Die Globalisierung tanzt


Sie mischen Punk mit Geigen, HipHop mit Klezmer, Rock mit Akkordeon: Patchwork-Pop ist der Musiktrend des Sommers. Die prominentesten Vertreter der neuen Welle: Shantel, M.I.A. und Gogol Bordello.
Von Hannes Roß

Der Ruhm kam abends, als Eugene Hutz in seiner Badewanne plantschte. Das Telefon klingelte, und eine Frauenstimme sagte: "Hier ist Madonna. Ich bin dein größter Fan." Das muss ein Witz sein, dachte der in New York lebende ukrainische Sänger Eugene Hutz. Seit 1999 arbeitet er mit seiner Gipsy-Punk-Band Gogol Bordello am großen Durchbruch, doch seine Fangemeinde blieb stets übersichtlich. 600, mal 800 Leute kamen zu den Konzerten. Nun lauschte Hutz der Ode einer Frau, die in aller Welt ganze Fußballstadien füllt. "Sie schmeichelte mir wie ein Groupie."

Was die Grande Dame des Pop zu ihrer Sache erklärt, das wird meist zum globalen Phänomen. Selbst wenn es sich um Henna-Hand-Tattoos handelt. Im Fall von Gogol Bordello liegt sie goldrichtig. Die Globalisierung tanzt. In diesem Sommer sind es Bands wie Gogol Bordello, der Musiker Stefan Hantel, Künstlername "Shantel", oder die Sängerin M. I. A., die auf Konzerten und in Clubs von Oslo über Berlin bis Tokio für Begeisterung sorgen.

Was sie verbindet, ist ihr Migrationshintergrund: Hutz stammt aus der Ukraine, die Großeltern des Frankfurters Stefan Hantel kommen aus der Bukowina, der südwestlichen Ukraine, und die Sängerin M. I. A. wurde in London geboren, wuchs aber in Sri Lanka auf. "Es ist meine Doppelidentität, die meine Musik beflügelt", sagt Hutz. Dasselbe gilt für den Balkan-Pop von Stefan Hantel oder M. I. A., die Hip- Hop, Reggae und Elektro- Beats zu einer neuen Mischung Mischung verarbeitet. Die Gewinner der Globalisierung stehen fest: die Musikhörer. Eine neue Vielfalt entsteht, die sich absetzt von den formatierten Pop-Massenproduktionen. Beyoncé oder Sarah Connor? Das ist wie ein Cheeseburger von Burger King oder McDonald's. Dieselbe Soße.

Großes Bedürfnis nach authentischer und emotionaler Musik

"Es gibt ein großes Bedürfnis nach authentischer und emotionaler Musik", sagt Stefan Hantel. Vor ein paar Jahren reiste er nach Czernowitz, der Heimatstadt seiner Großeltern in der Ukraine. "Das war eine kulturelle Schatzkammer. Ich sammelte jede Musik, die ich kriegen konnte." Wieder zu Hause, bastelte er daraus ein neues Genre: Balkan-Pop.

Als erster Deutscher erhielt er im vergangenen Jahr den renommierten "BBC Award for World Music". Inzwischen gehören auch Regisseure wie Sacha Baron Cohen ("Borat") und Fatih Akin ("Gegen die Wand") zu seinen Anhängern - für beide komponierte er Filmmusik.

Madonna glaubt sogar, mit Eugene Hutz eine neue Karriere starten zu können. Sie arbeitet zurzeit als Regisseurin an ihrem ersten Kinofilm. Hauptrolle und Soundtrack-Komponist: ein zappeliger Hüne mit Schnauzbart. Eugene Hutz.

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