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Patti Smith: New Yorks wilde Punk-Ikone

Egal, ob sie eine Lesung abhält, ein Konzert gibt oder sich für ein Gespräch auf eine Bühne setzt: Veranstaltungen mit Patti Smith sind stets ausverkauft und immer unterhaltsam. Die New Yorker verehren die "Godmother of Punk" wie keine Zweite, sie erinnert an die guten, alten Zeiten, als die Stadt noch wild und schmutzig war.

Von Ulrike von Bülow, New York

Die Veranstaltung sollte vor zwanzig Minuten beendet sein, aber Patti Smith sitzt immer noch auf der Bühne und erzählt von früher. Sie spricht jetzt von Janis Joplin, "meiner Freundin Janis", wie sie sagt, die "immer so lustig war und doch so traurig - sie hätte so gern einen boyfriend gehabt, aber sie fand einfach keinen", erzählt Patti Smith, dann unterbricht sie sich: "Ich bin spät dran, nicht wahr?" Kopfschütteln im Publikum, das sagt: Mach' weiter, Patti! Sie steht auf, geht ein, zwei Schritte und steckt die linke Hand in die Hosentasche; sie trägt Jeans und ein schwarzes Jackett, darunter ein geringeltes T-Shirt, sie zuckt mit den Schultern, entschuldigend: "Ich weiß, ich rede manchmal ein bisschen viel. Aber das liegt daran, dass ich glaube, alles zu wissen." Und dann lacht Patti Smith, laut und tief, und ihr Publikum lacht mit ihr.

Fasziniertes Lauschen

Sie ist an diesem Sonntagabend bei der "New York Times" zu Gast. Im "Times Center" am Times Square in Manhattan findet auch diesmal das alljährliche "Arts & Leisure Weekend" der Zeitung statt: ein Kulturwochenende mit prominenten Gesprächsrunden. Whoopi Goldberg war schon da, Glenn Close und Salman Rushdie. Der Höhepunkt aber ist Patti Smith, Sängerin, Musikerin, Poetin. "Die einzigartige Päddie Smith!", so wird sie hier angekündigt. Und diese Päddie Smith erzählt, was sie will. Sie ist wunderbar unterhaltsam, selbstironisch auch, und die Leute hören ihr zu wie Buddhisten dem Dalai Lama: fasziniert.

So ist das immer, wenn Patti Smith in New York City auftritt. Sie ist hier zuhause, drüben in Brooklyn, und ständig irgendwo zu sehen: Egal, ob sie am Weltkindertag im Metropolitan Museum Gedichte und Märchen vorliest, am Neujahrstag im Bowery Ballroom ein Konzert gibt oder nun hier auf der Bühne Platz nimmt - Veranstaltungen mit Patti Smith sind stets ausverkauft und enden niemals mit einem enttäuschten Publikum. Die New Yorker verehren sie, vielleicht, weil Mrs. Smith eine Konstante in dieser sich dauernd wandelnden Stadt ist; ganz sicher aber, weil sie für die alten Zeiten steht, als New York City noch wild und schmutzig und die junge Patti die Königin der Punkrock-Szene war: in den 1970er Jahren. "Punk Rock'n Poetry" lautet das Thema des heutigen Abends: Es geht um Patti Smith damals und heute, um ihre New Yorker Geschichte, und das ist eine lange.

Patti Smith wurde in Chicago geboren. Sie habe das Großstadtleben immer geliebt, sagt sie, aber dann sei ihre Familie in eine Kleinstadt nach New Jersey gezogen: "Meine Mutter sagte, das ist toll, da haben wir einen Garten - aber ich wollte keinen Garten. Ich wollte eine Bibliothek und Kultur!" Kaum war sie 20, floh sie in nach New York: "Ich kam 1967 hierher und war sofort verliebt in die Stadt, in die Architektur, die Kunst. Auch, wenn es anfangs nicht leicht war: Ich hatte kaum Geld und hielt mich über Wasser, in dem ich Musikkritiken für lokale Zeitungen schrieb", erzählt Smith. "Dafür bekam ich Schallplatten umsonst, die ich dann für einen Dollar pro Stück auf dem Flohmarkt verkaufte - das lohnte sich! Damals bekam man ja noch eine Schachtel Zigaretten für 25 Cent!", sagt sie und blickt lachend ins Publikum - kann sich das heute noch jemand vorstellen?

Unter Künstlern

Patti Smith hing bald mit Künstlern herum: Mit Robert Mapplethorpe, mit den Leuten aus Andy Warhols Factory, mit Sam Shepard. Und dann begegnete ihr in einem Plattenladen auf der Bleeker Street ein junger Mann namens Lenny Kaye, "ein begnadeter Gitarrist", mit dem sie Lesungen veranstaltete und ihre erste Band gründete. Lenny steht bis heute neben ihr auf der Bühne. Gemeinsam entdeckten die beiden damals "CBGB", einen runtergerockten Musikclub auf der Lower East Side, dem sie neues Leben einhauchten: "Da passten 300 Leute rein, aber der Laden hatte kaum Gäste. Also sagten wir: Ihr habt den Raum, wir haben die Band - lasst uns etwas zusammen machen. Und dann", erzählt Patti Smith nicht ohne Stolz, "waren wir die ersten, die "CBGB" jemals gefüllt haben!"

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte: "CBGB" war bald der Treffpunkt für New Yorker Punkbands und eine Talentschmiede - die Ramones, Blondie oder die Talking Heads, alle hatten sie dort ihre ersten Auftritte. Patti Smith wurde schnell zur "Godmother of Punk" erklärt. 1975 erschien "Horses", ihr erstes Album, und spätestens mit dem Song "Because The Night" wurde sie weltberühmt. In den 1980er Jahren setzte sie sich eine Weile zur Ruhe. Patti Smith heiratete Fred "Sonic" Smith, den Gitarristen der früheren Rockband "MC5", zog zu ihm nach Detroit und gründete mit ihm eine Familie: Das Paar bekam einen Sohn und eine Tochter. Als ihr Mann 1994 mit nur 45 Jahren überraschend an einem Herzinfarkt starb, ging Patti Smith mit ihren Kindern zurück nach New York City. Hier wurde sie von ihrer alten Band aufgefangen. Seither ist sie wieder musikalisch unterwegs.

Ein letzter Auftritt im "CBGB"

Vor gut zwei Jahren trat sie noch einmal im "CBGB" auf. Das war der letzte Abend, bevor der Laden wegen einer gewaltigen Mieterhöhung seine Türen schließen musste. Mit ihm verschwand der letzte Club, der hier noch als "Kult" bezeichnet wurde. "Wir wollten an dem Abend unser bestes Konzert geben", erzählt Patti Smith, "aber nichts passte: Der Sound war schlecht, die Leute waren komisch drauf, und es stank irgendwie. Aber ich stand dort mit meiner Band, und das war für mich das Wichtigste. Wir halten zusammen, in guten wie in schlechten Zeiten, wie Ehepartner." Erkennt sie die Stadt noch wieder, ihr New York, in das sie sich vor über 40 Jahren verliebt hat? "Ach, das kann man doch nicht vergleichen: Wir leben heute in einer völlig anderen Zeit. Wir haben uns damals miteinander unterhalten, Auge in Auge. Heute reden die Leute über das Internet miteinander. Das ist ja auch nicht schlimm, so lange man nicht vergisst, wer der Mensch ist, mit dem man spricht. Früher habe ich in einem Appartement gewohnt, das 65 Dollar im Monat kostete. Heute sind die Mieten in Manhattan völlig absurd. Ich weiß nicht, was hier das Beste ist - vielleicht sollten wir alle nach New Jersey ziehen?", sagt Patti Smith. Und lacht, laut und tief.