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Vielseitiges Talent "Godmother of Punk" Patti Smith wird 70

Patti Smith tritt im Sommer 2015 beim Paleo Festival in Nyon in der Schweiz auf.
Patti Smiths Auftritte sind voller Energie und Authentizität. Die Aufnahme zeigt sie im Sommer 2015 in der Schweiz. 
© Martial Trezzini/DPA
Sie ist so zurückhaltend, dass sie kaum eine Dinnerparty übersteht — trotzdem zieht es Patti Smith seit Jahrzehnten auf die Bühnen dieser Welt. Dass ihr hohes Alter dabei kein Hindernis ist, zeigte die Punk-Ikone kürzlich in Stockholm.

Patti Smith zieht es immer noch auf die Bühne: Bei der diesjährigen Nobelpreisverleihung in Stockholm durfte sie zwar keinen der begehrten Preise entgegennehmen, der ganz große Auftritt gehörte ihr trotzdem. 

Ihr alter Freund Bob Dylan hatte "andere Verpflichtungen", also sang Smith an seiner Stelle seinen Klassiker "A Hard Rain’s A-Gonna Fall" - höchst nervös, aber vom Publikum wie stets mit Jubelstürmen gefeiert.

Smith scheint dieser Tage präsenter als je zuvor, dabei ist sie inzwischen Großmutter und wird heute 70 Jahre alt. "Ich habe viel Energie und arbeite gerne", sagte Smith jüngst der "New York Times". "Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und arbeite, seit ich 13 bin, Babysitting, Blaubeeren pflücken, Fabrikarbeit bis hin zur Arbeit im Buchladen." An Ruhestand denke sie nicht, sagte sie dem britischen "Guardian". "So arbeite ich einfach nicht, es ist mir unmöglich, mich runterzufahren."

Patti Smith wächst immer weiter

Smiths Weggefährten und große Lieben von einst sind tot: Der Fotokünstler Robert Mapplethorpe, an dessen Seite sie berühmt wurde und der 1989 an Aids starb, und der Musiker Fred Smith, mit dem sie in Detroit eine Familie mit zwei Kindern gründete und der 1994 mit nur 45 Jahren an Herzversagen starb.

Aber Smith arbeitete sich durch die Trauer zurück, steht wieder auf den Bühnen der Welt und hat jüngst sogar zwei gefeierte Bücher herausgebracht: "Just Kids" und "M Train". "Was mich an Patti Smith umhaut, ist, dass sie immer weiter wächst, sich verändert, immer interessanter wird und neue Fähigkeiten erlernt", sagte "New Yorker"-Chefredakteur David Remnick jüngst. Die Bücher hätten die Sicht der Welt auf Smith verändert, sagt auch Verlagsmanagerin Ira Silverberg. "Sie hat jetzt den Status einer Kultur-Ikone, wohingegen sie vorher mehr eine Art Kultfigur war."

Die erste große Liebe schläft hinter der falschen Tür

Geboren wurde Smith 1946 in Chicago und wuchs dann in New Jersey auf. Die Familie hatte nicht viel Geld, aber Smiths Eltern versorgten die Kinder trotzdem mit Zugang zu Büchern und Musik. Mit knapp über 20 wird Smith schwanger, gibt das Kind aber zur Adoption frei. Sie zieht nach New York und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis sie ihre erste große Liebe kennenlernt: Robert Mapplethorpe. Noch heute werden die Namen der beiden meist im selben Atemzug ausgesprochen.

Kennengelernt habe sie ihn per Zufall, als sie eigentlich auf der Suche nach Freunden an einer Wohnung klopfte, erinnert sich Smith. "Ich bin in einen Raum gegangen und da schlief ein Junge, auf einem kleinen Eisenbett, mit einer Masse dunkler Locken. Als ich reinkam, wachte er auf und lächelte mich an." Die beiden werden ein Paar, bis Mapplethorpe klar wird, dass er schwul ist. Unzertrennlich bleiben die beiden trotzdem.

Smith: "Die Menschen schätzen mich falsch ein"

Smith versucht mit allen Mitteln, ihre Karriere als Künstlerin voranzutreiben, schreibt täglich und gibt Lesungen. "Das ist ein Mysterium, das ich nie lösen konnte. Was zieht mich immer auf die Bühne, wo ich doch kaum eine Dinnerparty durchstehe?" Eher zufällig kommt Musik zu den Auftritten dazu, und 1975 schafft Smith mit dem Album "Horses" den Durchbruch - auch wegen des heute weltberühmten Titelfotos, das der inzwischen anerkannte Fotokünstler Mapplethorpe von ihr macht.

Ihre Auftritte sind legendär energetisch, und Smith wird bald als "Godmother of Punk" bekannt. Dabei hat sich die Rockikone, die noch ein paar weitere Alben herausbringt, selber nie als Musikerin gesehen. "Die Menschen schätzen mich falsch ein", sagt Smith. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, ein Rock'n'Roll-Star zu sein, mit Limousine und schreienden Mädels, Mädels, die meine Haare abschneiden wollen. Aber ich laufe nicht herum und sehe mich als Rock'n'Roll-Star, und sicher auch nicht als Musiker, denn ich kann gar nichts spielen, nur anfängerhaft. Ich singe, aber das macht fast jeder. Ich bin Performer und wenn ich nicht auftrete, dann bin ich Mutter, ich habe eine Katze, ich bin Einzelgänger, ich schreibe jeden Tag. Ich sehe mich als Schreiberin."

Sie sei realistisch mit sich selbst, sagt Smith. "Ich weiß, dass ich nicht singen kann wie Amy Winehouse oder Rihanna. Und ich kann mich auch nicht auf Schönheit oder anderen Dingen ausruhen, die man hat, wenn man jung ist. Aber worauf ich mich verlassen kann, ist, dass wenn ich auf die Bühne gehe, ich nur aus einem Grund da bin - um mit den Menschen eine Verbindung aufzubauen. Ich habe keine Wünsche für mich, meine Karriere ist mir egal. Ich habe schon einen Platz im Leben und einen guten Namen - es gibt nichts, was ich will, außer mit den Menschen da draußen zusammen etwas zu erleben."

sve DPA

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