HOME

Politik: Wenn das Leben kariös wird

So viele Pophelden, die jetzt sterben – aber ich habe nicht wegen Lemmy­ ­Kilmister oder ­David Bowie ­getrauert, ­sondern­ wegen Shane ­MacGowans neuer Zähne.

Illustration: Eine Frau betrachtet im Spiegel ihre Zähne

"Zähne sind ein Gradmesser, ein erstes Zeichen, wie es sich anfühlt, wenn das soziale Netz, auf das wir eigentlich noch vertrauen, immer loser gespannt wird."

Illustration: Matteo Morelli

Nein, nein, der große Shane MacGowan, Sänger der irischen Folk-Punk-Band The Pogues, lebt noch. So unwahrscheinlich das auch sein mag für jemanden, der über den Alkoholkonsum Lemmy Kilmisters und den Heroinverbrauch David Bowies nur müde lächeln kann. Aber genau da liegt das Problem: Shane MacGowan kann jetzt wieder müde lächeln. Shane MacGowan hat wieder Zähne. Gesunde, gerade Zähne. Und deswegen trauere ich.

MacGowans kaputtes Gebiss war schon immer sein Markenzeichen, seine geheime Superkraft, sein Identifikationsangebot an die Ausgestoßenen.

Schon als er in den 80er Jahren mit den Pogues berühmt wurde, war sein Mund eine Ruine, eine Ansammlung von gelben Stummeln und Lücken, zugerichtet von schlechtem Schnaps und von Kneipenschlägereien. In seinem allergrößten Song, „Fairytale of New York“, lallte er 1987 schon wie ein Großvater ohne Gebiss, er lallte zusammen mit Kirsty MacColl diese Zeilen, an denen man sich festhalten konnte, wenn es sonst nichts mehr zum Festhalten gab: „I could have been someone / Well so could any­one.“ So einen Satz konnte man doch nur mit kaputten Zähnen singen. Mit so richtig hässlich kaputten Zähnen. Die Legende kursiert, dass eine amerikanische Plattenfirma MacGowan auf einem Pogues-­Albumcover sogar ein gesundes Gebiss ins Gesicht retuschierte, weil der echte Anblick dem Käufer nicht zumutbar war.

MacGowan ist mit Zähnen nur noch halb so gut

Jetzt ist das nicht mehr nötig, im vergangenen Jahr hat Shane MacGowan sich jeden Zahn ersetzen lassen, nachdem ihm 2008 der letzte ausgefallen war. Im britischen Fernsehen war vor Kurzem sogar eine Dokumentation darüber zu sehen. „A Wreck Reborn“ hieß der Film, ein neugeborenes Wrack. Es ist natürlich gemein, MacGowan, der unter seinem Zahnproblem zuletzt wohl sehr litt, sein neues Gebiss nicht zu gönnen. Und trotzdem, für mich hat er etwas verloren, seit ich von seinen neuen Zähnen weiß. Ich kann in der Trostlosigkeit von „Fairytale of New York“ heute nicht mehr denselben Trost wie früher finden. Was wiederum mit meinen eigenen Zähnen zu tun hat.

Am meisten Angst vor dem Zahnarzt hatte ich nicht als Kind, sondern als ich Mitte zwanzig war. Ich arbeitete an der Universität und verdiente wenig. Eltern, die notfalls einspringen konnten, gab es keine. Erbschaften hatten sie mir auch nicht hinterlassen. Was ich aber hatte: Sehr, sehr schlechte Zähne. Meistens konnte ich mich in meiner prekären Lage irgendwie einrichten. Wenn meine Handynummer gesperrt wurde, weil ich die Rechnung nicht bezahlt hatte, holte ich die andere SIM-Karte aus der Schublade, die Zeitung nahm ich mir am Ende des Monats aus dem Zeitungskasten, ohne etwas einzuwerfen. Es ging eigentlich ganz gut. Aber an einem sonnigen Wochentag spürte ich auf einmal mit der Zunge ein hartes, gezacktes Ding in meinem Mund. Etwas war von einem Eckzahn abgebrochen. Ich spuckte es aus.

Unsere Zähne sind ein Gradmesser

Eigentlich hatte ich damals nur vor einer Sache Angst: Dass mir ein Zahn kaputtgehen könnte.

Ich hätte mir keinen neuen leisten können. Nicht einmal eine Krone. Ich hätte mit einer Zahnlücke herumlaufen müssen. Man hätte mir angesehen, dass ich zu wenig Geld hatte. Und ich hatte natürlich auch deswegen so viel Angst davor, weil es nur meine eigene Schuld gewesen wäre. Wäre ich einfach mal öfter zum Zahnarzt gegangen.

Als ich das Stückchen Zahn ausgespuckt hatte, war mir zum ersten Mal klar, wie es sein kann, wenn niemand für einen sorgt. Ich will mich nicht beschweren, ich war nicht obdachlos, ich hatte Geld für Bier, eine Ausbildung und eine Perspektive. Aber wie schnell das alles verfliegen kann, merkt man zuerst an den Zähnen. Plötzlich gibt es etwas, das man braucht, und man stellt fest: Wenn man nicht aufpasst und sich nicht kümmert, dann kommt auch keiner und übernimmt die Rechnung für einen. In diesen Momenten half der Gedanke an MacGowan, daran, irgendwann zahnlos durch eine schlechte Kneipe zu grölen: „I could have been some­one, well so could anyone!“

Es ist ja schon eine seltsame Sache mit den Zähnen: Dass es überhaupt einen Arzt gibt mit einer ganz eigenen Ausbildung nur für Zähne. Dass sie uns so viele Probleme machen. Dass wir sie so besonders pflegen müssen. Dass einen Menschen, solange ihn kein besonders schweres Schicksal trifft, kaum ein Schmerz so um den Verstand bringt wie der an seinen Zähnen.

Und dass die Zähne zu den wenigen Körperteilen gehören, die uns in unserem vergleichsweise immer noch komfortablen Gesundheitssystem so teuer zu stehen kommen. Die Zähne sind etwas ganz Besonderes. Sie sind ein Gradmesser, ein erstes Zeichen, wie es sich anfühlt, wenn das soziale Netz, auf das wir eigentlich noch vertrauen, immer loser gespannt wird. Man kann tausend kluge Texte über den Neoliberalismus lesen und ihn doch nicht spüren, bis einem der Zahnarzt erklärt, was es einen kosten wird, wenn er einen Zahn ersetzen muss.

Eine Graduiertenrede über Zahnpflege

2010 sprach Patti Smith bei der Abschlussfeier vor Absolventen des New Yorker Pratt Institute, einer der renommiertesten Kunsthochschulen der USA. Sie habe, begann sie ihre Rede, lange darüber nachgedacht, worüber sie gern sprechen würde. „Aber jetzt, wo ich hier stehe, ist es mein größtes Bedürfnis, über Zahnpflege zu sprechen.“ Benutzt Zahnseide, rief sie, geht zur Zahnreinigung. Denn ihr Künstler werdet nie Geld haben für Zahnersatz. „I’m telling you, these simple things – taking care of your teeth, being happy – they will be your greatest allies.“

Was Patti Smith da sagt, gilt nicht mehr nur für traurige arme Künstler und nicht nur in den USA. Es gilt auch für uns. Bei unseren Eltern, in den alten, den goldenen Zeiten, war das noch anders. Es war für alles gesorgt. Für eine kurze Zeit in den 70er Jahren zahlten Krankenkassen sogar jede Krone und jede Brücke, den vollen Preis. Dann kamen Deregulierung, Auflösung des Sozialstaats, Eigenverantwortung, Bonusheftchen. Wer regelmäßig zum Zahnarzt geht, dem wird mehr geholfen, wenn ihm mal ein Zahn fehlt.

Wir sind zwar arm, aber sexy

Dass uns diese Idee so logisch, richtig und moralisch erscheint, zeigt vielleicht, wie sehr die Ideologie der Selbstverantwortung zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Die Hamburger Band Superpunk sang einmal davon, wie ein Typ einen reichen Geschäftsmann entführt, um Geld zu erpressen. Entschuldigend erklärt der Entführer dann: „Ich bin nicht böse geboren / Ich wollt nur neue Zähne für meinen Bruder und mich.“ Vielleicht kann man diese Erklärung so gut nachvollziehen, weil sie beim Zahn ansetzt: „Man wendet sich ab von uns, was mich nicht wundert / Denn wir sehen aus wie Kranke aus dem letzten Jahrhundert.“

Wenn wir manchmal doch über prekäre Lebensbedingungen klagen, beruhigen wir uns heimlich damit, dass wir zwar arm sind, aber sexy. Unsere wirtschaftliche Lage sieht nicht aus wie in den Romanen von Charles Dickens, nicht einmal wie die echte Armut in den Vierteln am Stadtrand. Vielleicht ist dieser Trost der gefährlichste, er nimmt uns auch noch die Solidarität. Vielleicht wäre es besser, wir würden tatsächlich wieder aussehen wie Kranke aus dem letzten Jahrhundert. Wie Shane MacGowan, bevor er sich die Zähne machen ließ.


Dieser Text ist in der Ausgabe 05/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.