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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier" Post Neujahr - 20.16 Vorsätze fürs neue Jahr


Nochmal frische Trump-Witze überlegen, weniger auf Facebook surfen und womöglich daran gewöhnen, Angela Merkel zu wählen. Neues Jahr, neue Vorsätze. So auch bei unserem Autor. Der hat gleich mehr als 20 davon.
Eine Kolumne von Micky Beisenherz

20. Sollte ich weniger Alkohol trinken in 2016? Ich mein, nicht, dass ich täglich trinken würde. Wenn ich alleine bin, trinke ich gar nicht. Ich hab die Wohnung voll mit Alkohol stehen. Bin ich allein, nehme ich die Flaschen gar nicht wahr. Ich bin Gesellschaftstrinker. Dummerweise hab ich immer so verdammt viel Gesellschaft.

Moment mal. An allen der besten Abende 2015 war Alkohol im Spiel.

Ich denke, ich sollte 2016 auch noch mit dem Rauchen anfangen.

19. Wer springt nächstes Jahr über die Klinge? Ist nach dem DFB, VW oder Xavier Naidoo noch wer über? Wer will nochmal, wer hat noch nicht. Domino-Day für Würdenträger. Wer lässt als nächster die Hosen runter, und: Wie gehe ich damit um?

Mach ich mit, oder halte ich endlich mal mein Maul.

Wär doch mal ´ne nette Abwechslung.

Ich, der Echauffeur meiner eigenen Erregungskutsche.

Weniger Hysterie. Besonnener sein. Nicht jede Information kritiklos weiter posten. Der Regler steht permanent auf zehn. Meine Wut sollte selektiver sein. Nicht jedes Thema verdient das gleiche Maß an Ingrimm.

18. Ich muss mir neue Vorbilder suchen. Gefühlt sind in diesem Jahr die letzten intellektuell-moralischen Instanzen weggestorben. Weizsäcker, Schmidt (naja), Grass (naja naja). Das war schon schlimm. Richtig bitter aber ist der Tod von Lemmy Kilmister. War ein hartes Jahr für die Alkohol- und Tabakindustrie. Mit 70. Gut, die Musik war mir egal. Aber der Typ war grandios. Eine Zitatesammlung. Eine Pointen-Flak. Der Metal-Yoda in Stretch Jeans. Und Windeln, vermutlich. "Weshalb ich Atheist bin? Eine Jungfrau wird von einem Geist geschwängert? Come on! Piss off!" Man muss den Typen einfach lieben. Und hey, er ist an Weihnachten geboren – Ostern wird er wieder da sein. R.Ö.P.

Bitter auch für Guru Josh, der am selben Tag gestorben ist. Das sind immer die doppelt armen Schweine. Bestattungs-Beifang. Die, die nahezu unerkannt mitsterben. Wie damals, als Harald Juhnke gestorben ist. Nicht ganz der spektakuläre Abgang auf der großen Bühne, sondern dement im Pflegeheim. Und gerade, als die Zeitungen schon ein letztes mal die Titelseite frei geräumt haben – stirbt der Papst.

17. Ich sollte weniger Hashtags benutzen. Das hat etwas ganz schlimm Marktschreierisches. Betteln um Aufmerksamkeit. Speziell, wenn es um Verstorbene oder Unglücke geht. Der McRIP – billig und bekömmlich für die Masse. Wie sagte es jemand unlängst so treffend: "Anfang des Jahres waren viele Charlie, dann kurzfristig waren sehr viele schwul, später waren nicht wenige tote Kinder, anschließend waren sie Franzosen und heute sind die meisten (ich auch) Lemmynge." Er hat natürlich McFly und Luke Skywalker vergessen.

16. Ich muss wirklich aufhören, das (Trauer-)Verhalten der anderen im Netz zu kritisieren.

Es ist ja auch schon alles dazu gesagt worden. Von schlaueren Leuten.

15. Die EM 2016 wird MEIN Turnier. Ich liebe Welt- und Europameisterschaften. Die festen Spielpläne verleihen meinem Leben Struktur.

14. Nochmal frische Trump-Witze überlegen, falls der toupierte Orang -Utan tatsächlich gewinnt. Yes, we comb.

So bekloppt werden die Amis ja wohl nicht sein, oder.

Andererseits – sie haben auch Kim Kardashian zu einem internationalen Superstar gemacht. Sie sind so bekloppt.

Obama. Tja, schade. War ein guter Typ. Wir Europäer würden den immer wiederwählen, finden so einen smarten Typen ja total gut. Witzig. Eloquent. Und hat auch immer so schön gesungen. Politisch war´s eher so mittel. Am Ende wird man über seine Amtszeit sagen: "Guantanamo hat er nicht geschlossen, das mit den Drohnentoten war auch nicht okay – aber bei Jimmy Kimmel auf der Couch fand ich ihn super."

13. Gut wäre es, wenn ich mich deutlich weniger auf Facebook aufhielte und mich noch mehr um die analogen Bekannten kümmern würde. Andererseits: Viele meiner digitalen Kontakte sind so unfassbar unterhaltsam!

Und die, die ich getroffen habe, sind jetzt meine BFF!

Es ist also wohl doch ganz gut so, wie ich es gerade mache.

Naja, das mit dem aufs Handy starren muss aufhören. Ich krieg bald nen iPhone-Buckel.

12. Ein letztes Jahr, um die 30er zu genießen. 2017 werde ich 40. Fucking hell. Muss ich jetzt nen Motorrad-Führerschein machen? Länger schon bin ich näher an den 50 als an den 20. Vierzig. Kacke. Man, ich hab mir zu Frauen einen runter geholt, die jetzt mit Stock als Rentnerin durch Marbella humpeln! Komm, was solls. Ich sehe ohnehin seit Jahren aus wie 44. Ich altere jetzt einfach in mein Gesicht hinein.

Geht´s noch weiter bergauf mit mir, oder war´s das? Stieg Larsson ist mit 50 gestorben – in dem Bewusstsein, ein erfolgloser Schreiber zu sein. Nicht nur gemessen daran ist es schon verdammt gut gelaufen für mich.

11. Ich glaub, ich werde Veganer. Ich habe eh noch zu viel Geld über. Klar, ohne zusätzliche Pillen würde ich mit dieser Ernährung wohl schnell sterben – dafür habe ich in Gesellschaft immer sofort etwas zu erzählen.

10. Von der Kirche abmelden wäre eine gute Idee. Warum zahl ich eigentlich noch Kirchensteuer? Das ist echt ne Menge Holz. Okay, Aberglaube ist die eine Sache. Und viele, viele kirchliche Einrichtungen, die gute Dinge bewirken. Andererseits: Wer, der bei klarem Verstand ist, unterstützt jahrzehntelang einen Verein, der in den wichtigsten Punkten eine komplett andere Haltung einnimmt, als man selbst? Und damit meine ich nicht einmal die relaxte Auslegung von einvernehmlichem Geschlechtsverkehr mit Messdienern.

Franziskus? Guter Mann. Aber beim falschen Verein.

Vielleicht sollten wir das mit der Religion einfach langsam lassen. Zuviel Scheiß ist in ihrem Namen passiert. Andererseits: Nationalsozialismus oder Kapitalismus sind auch so eine Art Religion.

Absurd, dass Menschen sich über etwas umbringen, das sie glauben, nicht einmal wissen! Glaube soll eine Krücke sein – kein Schlagstock.

Wahrscheinlich ist es einfach unsere Natur, uns unter irgendeinem Vorwand gegenseitig platt zu machen.

9. Kirche, die zweite: Ich muss endlich aus Apple austreten. Dieses faschistoide System macht mich krank. iPhone! Apple Music! Die Cloud! Was zur Hölle...

iTunes vercopperfield alle meine Songs. Die Titel verschwinden und tauchen auf nach Belieben – vor meinen Augen! Das Ganze geschieht so willkürlich, als habe nicht Steve Jobs den Dienst erfunden, sondern Kim Jong Un. Jedes Systemupdate hat für mich denselben Effekt, als hätte ich Bananensaft in das MacBook gekippt. Nein, ernsthaft – ich hasse Apple. So sehr, wie Christiane F. ihren Dealer gehasst hat. Diese Schweine. Sobald ich einen Hersteller gefunden habe, der meine primitiven Bedürfnisse befriedigt, bin ich weg.

Aber vorher kaufe ich noch das neue iPad! Hey! Das Ding hat einen Stift. Einen STIFT!!!

8. Böller sind Gottes Weg, Dir zu zeigen, dass Du zuviel Geld und zuwenig Hirn hast. Also, klar, Knallen macht Spaß. Das ist schon wunderbar sinnbefreit. Aber wenn man bedenkt, dass gerade tausende Traumatisierte in dieses Land gekommen sind, muss man doch sagen: Wenn ihr das Geld schon nicht für die investieren wollt (was okay ist), dann macht ihnen das Leben mit dieser Kriegssoundsimulation doch nicht noch schwerer. Ist ja nicht so, dass es 2015 groß was zu feiern gegeben hätte.

Oder denkt einfach an den armen Trottel, der einen Kondomautomaten in die Luft sprengen wollte und sich dabei umgebracht hat – in diesem Falle haben Kondome tatsächlich mal dazu geführt, dass sich nicht jeder Idiot vermehrt.

Das Böllern gesetzlich verbieten zu wollen, ist natürlich noch behämmerter, als das Böllern selbst.

7. Nicht jeder Gag ist es wert, gemacht zu werden. Wer gerne einen raus haut, sollte bedenken, was er damit auslösen kann. Handwerklich war es blitzsauber, in der letzten Kolumne zu schreiben, dass ich Geschenke einpacke wie ein "Schimpanse mit Down-Syndrom".

Das ist allerdings nur solange lustig, bis Dir einfällt, dass eine Freundin gerade ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt gebracht hat. Auch, wenn es anders gemeint war:

Der Spruch war es nicht wert. Es tut mir sehr leid. Ich bin ein Idiot.

Das mit Roberto Blanco und der Penispumpe war natürlich toll.

Was die Islamisten angeht, kann ich nur sagen:

Wir müssen umso härter dagegen anwitzeln! Fragt mich aber bitte nochmal, wenn die Einschläge näher kommen.

Das mit dem Risiko klingt nämlich auch nur solange gut, bis es wirklich schief gehen kann.

6. Ungeduld. Meine größte Schwäche. Ich muss dringend daran arbeiten.

Ist natürlich gelogen.

Jeder (Prominente) gibt an, wenn er gefragt wird, was seine größte Schwäche sei: Ungeduld. Lächerlich. Zumal die subtile Botschaft noch nicht mal Kritik an der eigenen Person ist, sondern lediglich bedeutet, dass man sich selbst für einen totalen Macher hält und die anderen das eigene Tempo nicht mitgehen können.

Deshalb sage ich: Neid. Davon kann man immer weniger haben. Auch ich.

5. Muss ich mich langsam an den Gedanken gewöhnen, Merkel zu wählen? Das schien mir vor einiger Zeit undenkbar. Klar, die CDU ist Mist und ihr Koalitionsblinddarm CSU ist die AfD in Tracht. Aber die Art, wie sie diese Flüchtlingsnummer durchzieht, nötigt mir Respekt ab. Wen soll ich denn sonst wählen? Gabriel? Den will ja nicht mal die SPD.

4. Diese Ablenkungen müssen aufhören. Prokrastination ist Volkskrankheit No.1. Alleine das Googlen von Prokrastination hat mich fünf Minuten von wichtigen Dingen abgelenkt.

Immer, wenn ich mal einen klaren Gedanken fassen will, poppt plötzlich irgendeine Nonsensmeldung auf. Wasweißich. "Gina-Lisa hat es mit einem Fußballer getrieben" (das sollte wirklich keine Meldung mehr sein), "die 20 spektakulärsten Bundesliga-Flops", "Polen-Yeti begafft Bikini-Mädchen". Was ist los mit mir, dass ich mich von sowas permanent ablenken lasse! Mein Gehirn ist ein Schwamm für garantiert gänzlich unbrauchbares Wissen. Ich kann – warum auch immer – noch fünf Darsteller aus der GZSZ-Urbesetzung nennen, aber bis heute nicht genau den Ukraine-Konflikt erklären. Hätte ich die "Sueddeutsche" nicht nur deshalb gekauft, um beim Gang ins Café die "Bild" darin zu verstecken, wäre das vielleicht anders.

Ich muss wirklich damit beginnen, Dinge zuende

3. Ich muss mehr krank sein. Ansonsten weiß ich nicht, wie ich noch diese ganzen Serien gucken soll.

2. 2016 wird eine echte Prüfung. Wir werden beweisen müssen, dass unsere Willkommenskultur nicht an dem Punkt endet, wo wir unsere alten Sachen aus dem Keller los geworden sind. Das wird alles richtig schwierig. Aber den Glauben daran, dass es sich lohnen wird, dürfen wir nicht verlieren.

Mit den Zweiflern muss man ohne Polemik diskutieren.

Ach, ja, und: Die Arschlöcher darf man auch weiterhin wie welche behandeln.

Rechts ist der, der Rechtes sagt.

Was werden die großen Unglücke sein? Auf welche Hashtags dürfen wir uns freuen? Man hat doch den Eindruck, dass das Katastrophen-Kontingent 2015 vollends aufgebraucht wurde. Ich fürchte aber, da liege ich völlig falsch.

1. Der Kopf sollte auch in Zukunft lediglich Arbeitskollege bleiben.

Für alles andere ist der Bauch zuständig.

Ich hab mich auch echt zu lange um den gekümmert, um jetzt nicht auf den zu hören.

Ach, Scheiß drauf:

Fröhlich bleiben, und durch.

0.16. Ich muss dringend damit aufhören, arglose Internetuser mit dämlichen Listen auf meine Seite zu locken.


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