HOME

Popkomm 2006: Masse statt Klasse

Auf der Popkomm werden wieder mal Künstler- und Ausstellerrekorde gebrochen. Nachwuchsmusiker gibt es ohne Ende, aber kein internationaler Popstar lässt sich in Berlin blicken. Auch P.Diddy ist nur virtuell anwesend.

Von Kathrin Buchner

"Real Music from real artists", echte Musik von echten Künstlern - so lautet das vollmundige Motto von Warner Music, einer der größten Plattenfirmen der Welt, von denen es ja nur noch eine Handvoll gibt. Zur Erstanhörung seines neuen Albums ist HipHop-Superstar P.Diddy allerdings nur virtuell anwesend, in einem Video und auf den an die Bühnenwand gebeamten Fotos. Neun der insgesamt 18 Stücke auf "Press Play" gibt es im rotplüschigen Ambiente des Berliner Salons in der Deutschlandhalle zu hören. Nach einführenden Worten wünscht der Moderator der erlesenen Zuhörerschaft aus Musikjournalisten und Handelspartnern, sich zu "enjoyen". Schnell wird klar: P.Diddy gibt seinen Spitzenplatz in den Charts nicht auf. Mit viel Druck und Basswumms knallen einem die Tracks um die Ohren - Rap light für die Stadtradios dieser Nation. Prominente Unterstützung kommt von Christina Aguilera, Mary J.Blige und Starproduzent Pharrell.

Die echten Rockstars, die tatsächlich auf der Popkomm anwesend sind, nützen ihre Popularität als Strippenzieher im Hintergrund. Fergeal Sharkey zum Beispiel, einst Sänger der Undertones und solo mit "A good heart" in den 80er Jahren berühmt geworden, erklärt britischen Regierungsvertretern, wie man Kreativität fördert. Die sei nämlich unterschätzt, mache aber bereits ein Zwölftel der gesamten britischen Wirtschaftskraft aus, sagte er in einer Eröffnungsrede zur Messe.

Dampf im deutschen Kesselhaus

Auch in der deutschen Musik ist mittlerweile reichlich Kreativität vorhanden. Trotz bunten Lounges, Ständen mit Vorhängen aus Vinyl-Platten und ringelbunt angezogenen Promotern ist die Messe weit draußen im Westen Berlins eine eher sterile Angelegenheit, wo Geld zählt statt Groove. Wer sich wirklich für Musik interessiert, trifft sich in der Kulturbrauerei mitten im Prenzlauer Berg. Im Innenhof des roten Backsteingebäudes stehen Bierbänke und Würstchenstände, im stillgelegten Kesselhaus herrscht dieser Tage wieder ordentlich Dampf, an heimischem Gebräu herrscht kein Mangel: die Trashmonkeys mit Rock’n’Roll aus Bremen, Roman mit Art-Rock aus Köln, Pale mit Powerrock aus Hamburg und Köln.

Die Rückkehr des jungen Jaggers

Die bestbesuchte Band am Mittwochabend kommt allerdings aus Schweden. Sugarplum Fairy, die kleinen Brüder der mittlerweile ziemlich großen Mando Diao. Gerüche besagen, Frontman Victor Norén würde demnächst als Mick-Jagger-Double in der Verfilmung des wilden Lebens von Hippie-Groupie Uschi Obermaier auftreten. Gut möglich, mit seinen Rockstar-Posen - Hüftschwingen wie Elvis, ins-Mikro-beißen, Haare schütteln, Lippen verführerisch aufschürzen: Der gerade mal in die Twen-Jahre gekommene Schwede kann dem jungen Jagger längst das Wasser reichen. Zusammen mit seinem Bruder Carl, ein bisschen blonder, nicht so dicke Lippen, und den drei restlichen Bandmitgliedern erobert Victor gerade reihenweise die Herzen gitarrenbegeisterter Teeniemädchen sowie des fachkundigen Popkomm-Publikums.

Nebenan, trat schon einen Tag, bevor ihr neues Album ganz groß in der Columbiahalle offiziell präsentiert wird, Deutschlands Souldiva Nummer eins, Joy Delalane in fast kuscheliger Atmosphäre auf. Unterstützt von Ehemann Max Herre (Freundeskreis) am Keyboard, sorgte die attraktive Sängerin mit ihrer samtweichen Gospelstimme für Gänsehautstimmung und fühlte sich offensichtlich wohl in der Heimat: "Berlin, das ist meine Stadt, also singt mit" animierte sie das Publikum und schüttelte ihre krause Mähne.

Erster Popkomm-Tag: Sechs Bands an einem Tag, eine erfolgreiche Bilanz. Und: Es geht auch ohne Superstars - auch wenn ein wenig der Glamour der großen weiten Welt fehlt.