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Popsängerin Elif: Berührende Wahrheiten

Bei "Popstars" scheiterte sie knapp. Jetzt macht es die junge Deutsch-Türkin allein. Ihr Debütalbum "Unter Meiner Haut" überzeugt dabei nicht nur mit Stimme, sondern auch mit Tiefgang.

Von Immanuel Jork

Braucht man noch einen weiblichen Tim Bendzko, Philipp Poisel oder Johannes Oerding? Männer mit Gitarre und selbstgeschriebenen Liedern - das sollte eigentlich reichen. Eigentlich. Denn wenn man die attraktive Deutsch-Türkin Elif mit ihrem breiten Lächeln und den langen, elegant liegenden Haaren vor sich auf einer Couch sitzen sieht und sie einen anstrahlt - "Ich liebe es live zu spielen, das ist das, was ich immer wollte" -, dann kommt man ins Grübeln. Denn die aufstrebende Künstlerin nimmt den Hörer mit ihrem Debütalbum "Unter meiner Haut" auf eine Reise zu den unterschiedlichsten Facetten des Alltags und findet dabei das Große im Kleinen. Ganz ohne Paarreime und Kitsch. Im Gegensatz zu den männlichen Vergleichsobjekten.

Dabei hätte man beinahe auf diesen warmen Orchestersound verzichten müssen. 2009 wäre Elif mit Nick beinahe Siegerin der Duo-Casting-Staffel von "Popstars" geworden und hätte mit einem schnell zusammengeschusterten Album wohl nicht halb so viel erzählen können, wie sie es jetzt, vier Jahre später, tut. "Ich würde das nicht noch einmal machen", sagt sie mit überzeugtem Blick. Auch wenn sie bei der ProSieben-Castingshow gelernt hat, was sie nicht machen will.

Was die aus dem ehemaligen Ghettobezirk Berlin-Moabit stammende Singersongwriterin machen will, weiß sie nämlich jetzt umso genauer: "eine einzigartige Künstlerin sein". Und zu einem einzigartigen Künstler gehört für sie, "dass ich ehrlich aus meinem Leben erzähle. Ohne Wenn und Aber. Offen und ganz." Denn nur das mache sie authentisch, nur das mache sie glücklich, nur das ließe die Hörer ihres Debütalbums diese gnadenlose Ehrlichkeit spüren und sich selber wiederfinden in dem ein oder anderen Lied. In "Feuer" singt sie über die kompromisslose Unterstützung für einen Freund, "Danke" richtet sich an die eigene Mutter. Und falls sie bei diesem Lied jemand ausbuhen sollte, "dann hat er einfach kein Herz. Aber ich würde die Augen zusammenkneifen und weitermachen. The Show must go on."

Starker Wille und Durchhaltevermögen

Doch auf dem Weg zu dieser Show musste sie einige Male für ihre Musik kämpfen, sich behaupten. Vor ihren Eltern. Beweisen, dass sie nicht nur aus kindlicher Laune Gitarre spielen wollte. "Schließlich stand bei vier Kindern nicht unendlich viel Geld zur Verfügung". Aber Elifs starker Wille und der erste Unterricht bei einer Nachbarin überzeugten. Bis heute sieht man ihr dieses Durchhaltevermögen an, mit ihrer geraden Sitzhaltung und dem ausdrucksstarkem Gesicht, mit dem sie sich wohl auch 2009 gegen eine "Popstars"-Platte und für einen Plattenvertrag bei Universal entschieden hatte. Drei Jahre lang arbeitete sie an ihrem ersten Album. Einem Album, bei dem ihre Augen zu strahlen beginnen und sich Freude über ihren Mund zieht: "Hallo? Kneift mich jemand? Ich habe hier drei wundervolle Jahre Arbeit in meiner Hand."

Drei Jahre Arbeit, die sich gelohnt haben. Immerhin durchzieht eine unaufhaltsame Tiefgründigkeit aus Kopf und Herz das gesamte Erstwerk der schönen 20-Jährigen. Sie erzählt von Träumen, Zukunftsplänen, Versprechen, Liebe und Abschied. Vom Fallen und Steigen. Vom Siegen und Hassen. Vom Lieben und Lassen.

Drei Lieder über dieselbe Liebesgeschichte

Vom Hassen denkt die laszive Schönheit, dass auch das aus Liebe entstehe. "Man liebt immer, egal, was wir machen, geben oder bekommen. Das Gefühl bringt viel mit sich, in jede Lebenslage." Und genau darum drehen sich viele ihrer Lieder um Liebe, die für sie unendlich ist. Mit einem verschmitzten Lächeln sagt sie: "Drei Lieder gehen sogar um ein und dieselbe Liebesgeschichten. 'Nichts tut für immer weh' schrieb ich, als der Liebeskummer wegen dem Kerl noch richtig schlimm war. 'Ich bin da', als ich aus der Liebeskummerphase raus kam und die Situation realistisch betrachten konnte. Und 'Regenstadt' geht darum, dass ich das Leben wieder richtig gefühlt habe, mich wieder neu in es verlieben konnte."

Liebe ist für die 20-Jährige allgegenwärtig. In den verschiedensten Facetten. Die Liebe zu "Baba" und Mama, zu einem Unbekannten im Fahrstuhl, zu der Idee des Verliebtseins und zu einem Menschen, für den man eigentlich keine mehr empfindet. Elif hat all das erlebt und darüber ihre Songs geschrieben.

Und Elif weiß sehr wohl, dass sie und ihren akustischen Stil nicht jeder mögen wird. "Und das will ich auch gar nicht. Das fände ich eher schlimm, wenn ich jetzt alles erreichen würde. Ein gesunder Erfolg und noch viele schöne Jahre in der Branche fänd' ich besser! Ich will mich ja von Album zu Album steigern können." Wobei für Fans von besonderem Timbre bereits der Superlativ gefunden sein sollte. Denn die zart rauchige Stimme der Berliner schafft es mit enormer emotionaler Kraft "Danke" zu sagen oder "200 Tage Sommer" zu spüren. Man findet sich schneller als gewollt in Elifs Texten wieder und merkt, dass diese Lieder von der Selbstreflexion und eigenen Wahrheit einer besonderen Künstlerin stammen. Einer Künstlerin, die sucht und findet und nimmt und uns einen Einblick unter ihre Haut gibt. Und unter unsere.