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Erinnerung an den Musiker Als ich einmal neben Prince am Zeitschriftenkiosk stand


Er schrieb wie ein Berseker Song um Song, hatte aus Prinzip keine Uhr und bekriegte sich mit der Musikindustrie: Bei Prince war seine Exzentrik Teil seiner Kunst. Unser Autor traf den Musiker einmal - und erinnert sich.
Von Jochen Siemens

Ein Nachmittag in Los Angeles, Sunset Boulevard, ein Zeitschriftenkiosk gegenüber von Tower Records, dem damals gefühlt größten Plattenladen der Welt. Viele Jahre her, es fotografierte noch niemand mit Smartphones, die Prominentenhysterie war noch klein, und wenn Johnny Depp über die Straße ging, ja, dann war es eben Johnny Depp, der über die Straße ging.

Am Gehweg hält ein Auto. Ein BMW, hellblau-metallic, schwarze Scheiben. Tür geht auf, ein kleiner Mann in einem ebenso hellblau-metallicfarbenen Jackett steigt aus. Und steht neben mir. Blättert in der Zeitschrift "Interview" und sieht das Paket mit den "Details"-Heften. Der Wagen wartet mit laufendem Motor. "Können Sie das auch aufmachen?", fragt der Mann den Verkäufer. Er macht es auf, der Mann und ich nehmen uns "Details". Beide blättern, lesen, überlegen.

Na gut, einmal heftig Mut einatmen. "Ich habe Sie in Deutschland auf der Bühne gesehen, Sie waren großartig", sage ich zu ihm. Zu Prince, der einen halben Kopf kleiner neben mir blättert. Er schaut und lächelt. "Wo?" "In Hamburg." "Das war schön, gutes Publikum, die Deutschen verstehen etwas von Musik. Liegt vielleicht an Beethoven, oder?" "Könnte auch Bach gewesen sein, oder auch Kraftwerk."

"See you next time"

Und so ging die Unterhaltung weiter, nicht lange, aber es fielen Namen von Musikern und Schallplatten, die es damals neben CDs noch gab, und wir setzten uns auf einen Mauervorsprung. Seine Beine erreichten den Boden nicht, auch wenn er schwarze Stiefel mit sehr hohen Absätzen trug. Irgendwann, jemand winkte aus dem Auto, ging er. "See you next time." Prince.

Sich heute daran zu erinnern ist, wie sich an eine Schwerelosigkeit zu erinnern. Und Ungläubigkeit. Genauso wie Ende der 80er Jahre bei seinem ersten Konzert in der Hamburger Sporthalle. Prince? Hier in Hamburg? Es war die Ungläubigkeit, dass es ihn wirklich gab und dass seine Musik, die so unfassbar neue, vielschichtige Komposition aus Rhythmen und Gitarrenspiel, die nach jeder Minute noch einmal neue Volten und Überraschungen hervorholte; dass also dieses Kunstwerk überhaupt live auf einer Bühne zu spielen sei. Es war zu spielen und es war sogar noch besser und wuchtiger als auf den Platten, die man eigentlich auswendig konnte. Prince live zu erleben, war nicht, einfach einem Musiker und seiner Band zuzuschauen, wie man vielleicht den Rolling Stones zuschaute, sondern es war die Gewissheit, einem zuzusehen, der jedesmal wieder auf der Bühne etwas erschuf. Klingt heute sehr pathetisch, war aber damals so.

Gewöhnt an den üblichen Bühnen-Rock und vielleicht an David Bowie, waren Princes Aufführungen wunderbar undurchschaubar. Es war kein Ritual und kein Bauplan zu erkennen, sondern es war immer nur das große Staunen, wie jemand eine eigentlich banale Rockballade wie "Purple Rain" derart mit Gitarre und Falsett-Stimme so veredeln konnte. Oder mit "Sometimes it snows in April" einfach das wohl beste leise Lied der Funk-Geschichte liefern konnte. Und so war er auf der Bühne, klein und bunt und nicht wie die umherrennenden Rock-Jogger wie Jagger oder so. Sondern wie eine Mischung aus Impresario und Maestro, das ganze Geschehen auf sich konzentriert und dann wieder von sich auf seine Band und seine Gitarristinnen, die nur er hatte, abstrahlend.

Sex war für Prince Musik

Selbst mit geübten Musikerohren war es nicht einfach herauszuhören, woher nun wieder der Ton oder der Soundeinfall kam. Auch deshalb, weil Prince Töne und Sounds lieferte, die man nie zuvor gehört hatte. Vielleicht kamen sie auch von seinen zweit Tauben, die Prince einmal auf einem Album als "Hintergrundgesang" nannte. Dass er, der Multitasker, während er spielte mit einem Auge einmal auf einen Fernseher am Rand der Bühne sah um einen Basketballspiel in den USA zu verfolgen, gehört dabei genauso zu den schönen Legenden, wie sein Spleen, jede Uhrzeit zu ignorieren. Er hatte keine Uhr, wusste nie wie spät es ist und sagte einmal: "Nur wer die Zeit zählt, wird alt."

Hinzu seine irgendwie abwesende Eitelkeit als großer Star. Keine großem Ansprachen, kaum Gepose, sondern sehr konzentrierte Showarbeit. Er sang zwar dauend vom Sex, hatte ihn aber auf der Bühne nur mit seiner Musik. Es gibt auf einer seiner Alben ein kurzes, verstecktes Stück, das "Orgasm" heißt und besteht nur aus einer im Orgasmus stöhnenden Frauenstimme und einem kurzen Gitarrensolo. Gerüchte erzählen bis heute, dass es die Stimme vom Kim Basinger sein soll. Sex war für Prince eben Musik.

Damals in Hamburg erzählten die Mädchen, die es nach den Konzerten zu seinen kleinen, exklusiven Mitternachtspartys geschafft hatten und die Prince manchmal selbst ausgesucht hatte, von einem halb schüchternen und halb sehr bestimmenden kleinen Mann, der mit seiner Erotik spielte, mehr aber auch nicht. Manche Mädchen blieben zwei Tage bei ihm, schweigen sich aber bis heute über die zwei Tage aus. Auch über Prince angebliche Lieblingsspeise: Spaghetti mit Orangensaft.

Der letzte Exzentriker

Das ist: exzentrisch, und mit Prince ist jetzt einer der letzen wirklichen Exzentriker der Musik gestorben. Einen Spleen oder einen leichten Knall haben viele andere in der Musikwelt auch, manche sind einfach nur schlichte Krawallos, andere haben sich im Ego verlaufen und finden den Ausgang nicht. Aber bei Prince war seine Exzentrik Teil seiner Kunst, aber auch Teil seines sehr, sehr großen musikalischen Empfindens.

Er schrieb nicht nur wie ein Berseker einen Song nach dem anderen, er pflegte, bewachte und verfolgte seine Musik auch nachdem sie sein Paisley-Park-Studio verlassen hatte. Jedes Stück, jeder Ton war ihm wichtig. Das machte ihn für die Musikindustrie unbezähmbar. Wenn ihm danach war, verschenkte er ganze Alben im Internet, dann wieder ließ er jede Raubkopie verfolgen, als wäre sie ein gefälschter Rembrandt. Er hasste Streamingdienste wie Spotify, weil sie seiner Meinung nach Musik unter Wert verramschte, dann wieder ließ eine seiner Alben als CD vor Konzerten verschenken.

Am Tag seines Todes konnte man stundenlang im Netz nach seiner Musik suchen und fand wenig. Das hört sich unberechenbar an, ist es aber nicht. Es war nur so, dass Prince selbst steuern wollte, wer wann und wie seine Musik hören könne. Einfach nur Teil einer 20-Millionen-Stücke Streaming-Ware sollte sie nicht sein. Und so gehört es zur Tragödie seines frühen Todes, dass Prince am Donnerstag im Fahrstuhl seines Paisley Park Studios in Minnesota, ziemlich weit in einem Niemandsland, gefunden wurde. Nicht in Los Angeles oder einem Hotelzimmer in New York, sondern genau an der Quelle seiner Musik. 32 Alben hat er herausgebracht und noch einmal mindestens genauso viele Songs, Stücke und Experimente sollen sich in den Studios noch stapeln. Ein Krankenhaus, in dem er behandelt wurde, hatte Prince zuvor gegen den Rat der Ärzte verlassen. Er wollte dahin, wo er sich sicher fühlte. Zu seinen Tönen.


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