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Punkband trifft Orchester: Tote Hosen erinnern an Horror der Nazizeit

Die Toten Hosen ganz klassisch: Die Punkrocker harmonieren mit einem Sinfonieorchester. Im Mittelpunkt des denkwürdigen Konzerts steht die Erinnerung an von Nazis verfemte Musik.

Ein klassischer Konzertsaal, ein großes Orchester und die Toten Hosen - kann so etwas zusammenpassen? Das fragten sich anfangs vermutlich viele der fast 2000 Zuschauer, die in der Düsseldorfer Tonhalle am Samstagabend das musikalische Experiment "Willkommen in Deutschland" erleben wollten. Die routinierten Punkrocker spielten zusammen mit dem Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule Musik, die von den Nationalsozialisten gebrandmarkt worden war.

Frontmann Campino hatte von Anfang an gesagt, dass "dies in keiner Weise ein Tote-Hosen-Abend" wird. Das wird es dann aber doch - zum großen Teil strömen Fans in schwarzer Kluft mit Tote-Hosen-Emblemen durch die Flure der Tonhalle, an den Theken ploppen die Verschlüsse der Bierflaschen, und die Geräuschkulisse auf den Zuschauerrängen übertönt mehrmals die hochklassigen Soli der Orchestermusiker.

Die Anspannung ist den fünf Bandmusikern anzusehen, als sie die beengte Bühne betreten. Dabei hatten sie noch vor einer Woche zum Abschluss ihrer Stadiontournee Zehntausende Fans in Stimmung gebracht. Campino setzt sich an die Seite, während das Orchester eine fast viertelstündige Ouvertüre spielt - die Filmmusik zu "Der Herr der sieben Meere" mit Errol Flynn von 1940.

Propagandaausstellung "Entartete Musik"

Das gab den Besuchern Zeit, um über den Anlass der denkwürdigen Veranstaltung nachzudenken: Nur ein paar Schritte von der Tonhalle entfernt hatten die Nationalsozialisten im Mai 1938 die Propagandaschau "Entartete Musik" eröffnet. Während die Münchner Hetzausstellung "Entartete Kunst" von 1937 heute den meisten ein Begriff sein dürfte, wissen nur wenige, dass es ein ebenso diffamierendes Pendant für verfemte Musik gab.

Filmmusik des in die USA emigrierten Erich Wolfgang Korngold, sozialkritische Lieder der geflüchteten Komponisten Kurt Weill und Hanns Eisler, Zwölftonmusik von Arnold Schönberg, Klezmer, jiddische Musik und berührende Lieder von KZ-Häftlingen - der Abend gab eine Ahnung davon, welch musikalischer Reichtum aus Deutschland vertrieben oder vernichtet worden war.

Die "Hosen" können auch leise

Scheinen Orchester und Punkrocker am Anfang noch zu fremdeln, so taut die Stimmung von Stück zu Stück auf. Die Toten Hosen beweisen schnell, dass sie auch leisere Töne "unplugged" können. Es ist erstaunlich, wie gut die Hosen und das Orchester harmonieren, wenngleich der harte Punksound durch die Streicher, Gitarren und Klavier abgefedert wird. Zu dem von Linda Hergarten anrührend gesungenen "Wiegala" spielen Kuddel von den Hosen und Mircea Gogoncea Gitarre. Das Schlaflied soll die Komponistin Ilse Weber für ihren Sohn und andere Kindern gesungen haben, als sie in die Gaskammer in Auschwitz geführt wurden.

Die Toten Hosen haben sich immer entschieden gegen Rechtsextremismus positioniert, und gerade deshalb ist das Konzert glaubwürdig. Was vielleicht weniger bekannt ist: Lieder wie das von KZ-Häftlingen 1933 verfasste "Moorsoldaten" und die Interpretation von Erich Kästners Gedicht "Stimmen aus dem Massengrab" spielt die Band schon seit längerem. Zu ihrem Repertoire gehört auch der Foxtrott "Einen großen Nazi hat sie", den der im KZ Dachau getötete Kabarettist Fritz Grünbaum verfasste.

Orchestermusik bei Stadionatmosphäre

Aufrütteln soll der Abend, aber auch unterhalten. Mit sichtbarer Freude reiht sich Campino in den Männerchor der Comedian Harmonists ein und beweist, dass er auch im Quintett den Ton trifft. Ein Höhepunkt ist Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau": Campino liest zur Musik den ergreifenden Bericht über den Aufstand im Warschauer Ghetto.

Am Ende des über dreistündigen Konzerts übernehmen die Toten Hosen die Regie, spielen - immer begleitet von Cello, klassischer Gitarre, Tuba oder Geigen - politische Songs wie "Europa", "Ballast der Republik" und "Sascha". Die jungen Orchestermusiker wippen begeistert mit. Stadionatmosphäre kommt auf, die Zuschauer stehen auf, klatschen, johlen. Campino und die Band verneigen sich höflich und verlassen mitsamt Orchester die Bühne.

Von Dorothea Hülsmeier, DPA / DPA