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Interview

Schwesta Ewa: "Ich habe immer noch diesen Puffschaden"

Rapperin Schwesta Ewa wurde festgenommen, weil sie junge Frauen zur Prostitution veranlasst haben soll. Dem stern gab sie vor knapp zwei Jahren ein Interview: über Männerfantasien, ihre Erfahrungen in der Rotlichtbranche - und darüber, warum man Prostitution auf keinen Fall verbieten sollte.

Schwesta Ewa kennt sich im Rotlichtmilieu besser aus, als alle erfolgreichen deutschen Gangstarapper zusammen

Schwesta Ewa arbeitete jahrelang selbst als Prostituierte - und hat viel zu erzählen

Die Rapperin Schwesta Ewa heißt eigentlich Ewa Müller, ist ehemalige Prostituierte und hat mit ihren 32 Jahren so viel "Straße" erlebt, dass es für drei Rap-Karrieren reichen würde. Nun wurde sie festgenommen, weil sie junge Frauen zur Prostitution veranlasst haben soll. Vor zwei Jahren, kurz nach ihrem Einstieg ins Rap-Geschäft, sprach sie mit dem stern: über Männer, den Sinn von Prostitution und darüber, was der Puff mit ihr gemacht hat. Aus aktuellem Anlass das Interview noch einmal zum Nachlesen:

Seit drei Jahren arbeiten Sie nicht mehr als Prostituierte. Wie hat Sie das verändert?

Es ist noch schwer. Ich habe immer noch diesen Puffschaden.

Puffschaden?

Ich werde ständig aggressiv: Ich kann es nicht haben, wenn mir ein Mann die Tür aufhält. Da bin ich innerlich auf 180. Ich kann Männern nicht vertrauen.

Für immer?

Ich habe gedacht, das legt sich wieder, aber überhaupt nicht! Null! Für mich sind alle Männer gleich. Ist ja auch normal, nachdem man auf dem Straßenstrich gearbeitet hat und die mit ihren Kindersitzen angefahren kommen und sagen "Moment, ich muss den mal eben in den Kofferraum tun". Oder die ganzen Typen mit ihren Eheringen. Es ist leider vorbei. Sehr zum Nachteil für meine Beziehung. Ich stecke jetzt alle in eine Schublade.

Sie leben in einer Beziehung?

Ja.

Und der Mann ist anders?

Nein, sage ich ja gerade. Ich liebe ihn, aber ich vertraue ihm nicht.

In Ihrer Musik geht es um die Realität auf der Straße. Glauben Sie, das hat je einen Mann zum Nachdenken bewegt?
Einen Mann? (lautes Lachen) Ich habe auch Positives gehört, aber 80 Prozent der Männer kommen einfach nicht damit klar, dass ich so offen darüber rede. Im Deutschrap sind Frauen immer nur dumme Objekte. Ich drehe das Machtverhältnis ein bisschen um.

Wollen Sie denn verstanden werden?

Ich weiß, dass das nicht machbar ist. Auch ich lebe in einer Schublade. Diese ganze Rotlichtschiene wird immer unter den Teppich gekehrt. Da gibt es nicht so viel Verständnis. (Pause) Leider.

Glauben Sie, dass Männer Frauen so schlecht behandeln, weil sie Angst vor ihnen haben?

Weiß ich nicht. Ich verstehe Männer eh nicht. Ich habe mich manchmal eher als Psychologin denn als Prostituierte gefühlt. Die kommen zu mir, ich lege mich nackt aufs Puffbett, und die fangen an zu reden: "Meine Frau dies, meine Frau das". Als wäre ausgerechnet ich eine Eheberaterin! "Was denkst du, was ich tun soll?" Und ich denke: "Auf jeden Fall nicht zu mir kommen."

Sollte Prostitution abgeschafft werden?
Nein! Für diese Forderung habe ich keinerlei Verständnis. Zu uns sind tagtäglich so viele Freier gekommen, die wollten, dass ich ihre kleine Tochter spiele. Ich musste mir Zöpfen links und rechts machen und am besten eine Schuluniform anziehen. Mir und meinen Kolleginnen war das egal, es geht um Geld. Aber wenn ich mir vorstelle, dass es keine Puffs mehr gibt, keine Prostituierten, bei denen so ein Typ seine behinderten Fantasien ausleben kann, dann ist doch klar, was passiert: Die Vergewaltigungs- und Missbrauchsrate wird steigen.

Das heißt, Sie und Ihre Ex-Kolleginnen zahlen den Preis für eine kaputte Gesellschaft?

Ja, das stimmt.

Sie haben selbst unfassbare Gewalt erlebt. Warum sollen Sie das auf Ihre Schultern nehmen?

Ja. (zögernd) Aber man macht das dann. Ich weiß, wie viele perverse Rollenspiele deutsche Kunden wollen. Wenn man von "German" redet, dann heißt das, ob du Kaviar machst. Das ist das Ekeligste überhaupt.

Kaviar?

Stuhlgang ins Gesicht. Dafür steht Deutsch. Wenn du die Prostitution abschaffst, wo leben die ihre Fantasien dann aus? Die Abschaffung wäre Schwachsinn.

Viele Männer haben auch immer wieder einen romantischen Blick auf Prostitution. Sind sie denen auch begegnet.

Na klar. So viele haben sich in mich "verliebt". "Der Freier kommt und bringt einen Blumenstrauss, denn er denkt, diese Hure liebt ihn auch." (lacht) Ich habe da einen Track drüber gemacht. Natürlich spielt man mit Absicht mit, damit sie wiederkommen, und weil ich sie abziehen konnte. "Ich komm' hier nicht raus, erst wenn ich 20.000 Euro hätte, könnte ich mich freikaufen, und mit dir ein normales Leben starten." So hat man halt die Freier verarscht, und wirklich viele haben bezahlt.

Wie viele?
20, 30... Bei einer Ex-Kollegin von mir ruft jede Woche einer an. Es ist schon schön, wenn sowas passiert. Aber dem gegenüber steht viel Schlimmes. Ja, das war mir klar, ist Berufsrisiko. Ich habe oft Schläge kassiert von irgendeinem Psychofreier, der reinkommt mit Aktentasche und Krawatte. Und ich dachte: "Schön, mal ein gepflegter deutscher Mann." Und ich drehe mich um, und er schlägt mich komplett nieder. Und du weißt gar nicht, was los ist.

Das ist Puff-Alltag?

Alle Mädels sind schon zig Mal grundlos zusammengeschlagen worden. Da ist es egal, ob du im Laufhaus arbeitest und einen Alarmknopf hast oder ob die Hell's Angels im Büro sitzen.

Was entgegnet man Männern, die sagen "Aber es gibt Frauen, die sind total gern Prostituierte"?

Ich kenne in jeder Kategorie Mädels. Welche, die gezwungen werden, im neunten Monat schwanger am Straßenstrich zu stehen. Und ich stehe daneben mit meinem Regenschirm und kriege keinen Kunden. Aber bei denen läuft es übertrieben. Und plötzlich nach zwei, drei Tagen stehen sie wieder mit flachem Bauch da, von sechs Uhr morgens bis drei Uhr morgens. Und im Auto vom Freier betteln sie darum, mal kurz schlafen zu dürfen. Und ich kenne Mädels, die das machen, weil sie Spaß an Orgasmen haben, also ihrem Hobby nachgehen und dafür auch noch Geld kassieren.

Aber die hören doch spätestens dann auf, wenn sie verprügelt werden.

Ich kenne keine, die in die Fresse bekommen hat und dann gesagt hat, das war's. Dafür verdient man zu gut. Als ich klein war, musste ich immer Klamotten aus der Altkleidersammlung tragen, und ich habe Leute beklaut. Mit 14 habe ich geputzt, ab 16 stand ich in der Kneipe am Hafen. Da haben mir die Nutten und die Zuhälter so viel Trinkgeld gegeben, dass ich wusste: Sobald ich 18 bin, mache ich das auch. Ich wollte ganz viel Geld verdienen, damit meine Brüder nicht auch im Sperrmüll wühlen müssen. Das Geld ist alles. Ich hatte einen genauen Plan: Das sind drei-, viertausend Mark am Tag, und ich dachte "Super, nach einem Jahr höre ich auf". Aber wenn du dich an das Geld gewöhnt hast, an 20, 30 Mille im Monat, ist das schwierig.

Hatten Sie als Kind eigentlich einen Berufswunsch?

Ich wollte Ergotherapeutin werden. Kindern helfen, die zurückgeblieben sind. Mein Bruder musste da jahrelang hin, seit er klein war. Ich war sogar auf einer speziellen Schule.

Und warum holen Sie das jetzt nicht nach?

Weil es zu spät ist. Ich hab zu viel gesehen und zu viel Geld verdient. Hoffen wir mal, dass es mit der Musik klappt. (lacht)

Hier geht es zum Interview aus dem Januar 2015.

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