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Serge-Gainsbourg-Tribute: Das Genie mit der großen Nase

Für viele war er der ultimative Franzose: mit Kippen, Frauengeschichten und einer Extraportion Nonchalence. Das gestöhnte Orgasmus-Epos "Je t'aime" machte ihn weltberühmt. Jetzt erweisen diverse Indie-Größen Serge Gainsbourg ihre Reverenz.

Fünfzehn Jahre, nachdem er seine letzte Gitanes geraucht hat, wird Serge Gainsbourg wieder entdeckt. Zwar haben bereits vor einigen Jahren Madonna und der Underground-Poet John Zorn zeitgleich und nachdrücklich erklärt, wie sehr sie den Franzosen mit der großen Nase verehren. Und unzählige Künstler produzierten und produzieren Coverversionen von seinen Stücken. Doch der breiten Masse war er nur aus dem gestöhnten Duett "Je t'aime moi non plus" mit seiner damaligen Frau Jane Birkin ein Begriff. Die Single wurde in einigen Ländern auf den Index gesetzt und durfte nicht gespielt werden, der Vatikan verteufelte das Werk - und trotzdem führte es 1969 weltweit die Charts an. Und kommt seitdem auf jeder Teeniefete dieser Welt irgendwann zum Einsatz.

Mehr als ein sexbesessener Franzose

Auch sonst blieb sein Bild reichlich klischeehaft. In Frankreich galt er als Sänger, Songwriter, Schauspieler, Filmemacher, Entertainer, Hetzer und als Spieler. Im Ausland wurde er fast nur auf die Rolle des Verführers reduziert. Man wusste vielleicht noch, dass er Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, Isabelle Adjani und Vanessa Paradis - jene vier Verkörperungen des französischen Frauenideals also - zum Singen gebracht hatte. Und dass er Whitney Houston live im Fernsehen schockiert hatte (in einer britischen Show hatte er ihr den gemeinsamen Geschlechtsverkehr angetragen). So verwundert es kaum, dass man ihn schon immer als Sexbesessenen betrachtet hat.

Es war also an der Zeit, Gainsbourg wieder als Musiker und kulturelle Ikone zu rehabilitieren. Als Jean-Daniel Beauvallet, Christian Fevret und Timothée Verrecchia dann ein Cover-Album anlässlich seines fünfzehnten Todestages planten, wurde schon bald klar, dass nur ausländische Bands infrage kamen, um seinem Repertoire neues Leben einzuhauchen. Zu groß war sein Schatten im eigenen Land.

Mix aus Original- und Neu-Interpreten

Und siehe da, kaum waren die Anfragen verschickt, schon waren eine Vielzahl der prominentesten Künster des anglo-amerikanischen Sprachraums bereit, eine vertonte Verbeugung abzuliefern. Franz Ferdinand, Cat Power, Tricky oder The Rakes, von Placebo bis Michael Stipe (REM), von Portishead bis Marianne Faithfull, von Jarvis Cocker oder The Kills - alle sind auf dem gerade erschienenen Tribut-Album vertreten. Als Bindeglied zur Vergangenheit stimmten auch die bekanntesten Originalinterpreten zu, bei dem Projekt mitzumachen: Françoise Hardy, Dani und sogar die grandiose Jane Birkin!

Als letzte Hürde stand nur noch die Sprachbarriere, was im Fall von Gainsbourgs Werk eine nicht gerade kleine Hürde ist. Doch Boris Bergman und Paul Ives, zwei weltberühmte Wortjongleure machten sich daran, den Texten auch in englischer Sprache Leben einzuhauchen. Gainsbourg hätte seine Freude am Endergebnis: Er selbst sagte einmal, dass Songs eigentlich nur zweitrangige Kunst seien; sie seien nicht dazu da, um angehimmelt zu werden, sondern um konstant verwandelt zu werden.

Der Song steht im Vordergrund

Und doch treten die Interpreten oft hinter ihre Coverversionen zurück: in "L'Hôtel" ist ein großartiger Michael Stipe kaum zu erkennen. Ebenso Portishead, die mit "Requiem for Anna" ihr zehnjähriges Schweigen durchbrechen. Und auch Brian Molko hält sich in seiner Zusammenarbeit mit Francoise Hardy und Faultine angenehm zurück. Der einstige Kult-Schocker "Je t'aime" kommt durch das Damen-Duett Cat Power & Karen Elson perfekt unspektakulär rüber und ist einer der großen Höhepunkte des Albums.

Tricky bleibt Tricky, was immer er macht - hier haucht er "Au revoir Emmanuelle" neues Leben ein. Und auch bei Franz Ferdinand ("A song for Sorry Angel") ist vom ersten Akkord an klar, wer dominiert. Placebo ("The ballad of Melody Nelson") und Marianne Faithfull ("Lola R. for ever") sollten zu späterer Stunde auf jedem Sommerfest Pflicht sein und wer ein wenig frankophile Leichtigkeit verspüren will, ist mit Carla Bruni ("Those little things") und Marc Almond ("Boy toy" - was sonst?) gut bedient. The Kills ("I call it art") schließlich kommen überraschend elegant und sophisticated rüber.

Das Juwel kommt von Jarvis Cocker

Das Juwel aber präsentieren Jarvis Cocker & Kid Loco. Ihre Version von "I just came to tell you that I'm going" ist so unglaublich von Gainsbourg-esquer Nonchalence durchtränkt, als wäre der "undisziplinierter Jude aus Russland" (Faultine) im Studio mit dabei gewesen. Und wird demnächst sicher auf vielen Trennungs-CDs zu finden sein. Es ist ein Album geworden, dass zweifelsohne dem großen Künstler gefallen hätte. Und die Fotos aus dem Booklet sind die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Für das von - erraten - Jarvis Cocker würde ich sogar töten.

Karin Spitra