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stern.de-Interview mit Samy Deluxe: "Ein Schulfach, das 'Leben' heißt"

Mit seiner Initiative "Crossover" engagiert sich Hip-Hopper Samy Deluxe an Schulen und in multikulturellen Integrationsprojekten. Zwei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden spricht er im stern.de-Interview über die Gefahr der ständigen Verfügbarkeit von Infos und seine Idee für ein neues Schulfach.

Von Ingo Scheel

Samy Deluxe, Sie verbringen im Rahmen Ihres Schulprojekts "Crossover" viel Zeit mit Schülern - wie geht es Ihnen, wenn Sie in diesen Tagen die Nachrichten sehen?
Ich bin genauso fassungslos wie alle anderen auch. Fassungslos auch darüber, wie jemand hier in Deutschland so leicht an eine Waffe rankommen kann. In Amerika ist das überhaupt nicht die Frage. Dort ist es eh klar - es gibt zu viele Waffen, in jedem Haushalt gibt es sie und jeder kann spielend leicht eine Waffe bekommen. Bei uns ist das viel schwieriger. Wie kann es also sein, dass dieser Junge sich derart bewaffnen konnte?

Sie sind regelmäßig in Klassenzimmern unterwegs – wie empfinden Sie die Atmosphäre dort unter den Jugendlichen?
Die Kids haben einen so umfassenden Zugang zu allen Dingen. Wir mussten damals noch reisen, die Jugendlichen sind im Web unterwegs und es gibt nichts, was für sie geheimnisvoll bleibt. Sie haben also alle Möglichkeiten, werden von den Medien jedoch derart in Richtungen und Raster gedrängt, ihnen wird so viel eingetrichtert, dass sie diesen Weg schwerlich verlassen. Sie haben so viel Energie und werden zugeballert mit Reizen, dass sie oftmals überhaupt nicht wissen, was sie selbst wirklich wollen. Es sind wirklich coole Kids, aber nach diesen Workshops habe ich auch oft ein bedrückendes Gefühl, wenn ich das mit meiner Kindheit vergleiche. Ich weiß, dass ich auch den Mut hatte, Sachen zu machen, die ich für mich als richtig empfand, ganz gleich, was die anderen gedacht haben. Ich weiß nicht, ob das heute noch viele von ihnen tun. Ich komme aus den Klassenzimmern heraus und denke: Hoffentlich habe ich heute etwas Gutes gemacht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Lehrkräften?


Lehrer zu sein, stelle ich mir derart schwer vor. Es gibt natürlich viele gute, engagierte unter ihnen, dennoch: Ich bin oft auch mehr als erstaunt, wie niedrig der Wissensstand in den 7. oder 8. Klassen ist, in denen Schüler Schwierigkeiten haben, die Silben eines Wortes zu zählen.

Erleben Sie auch, dass Schüler auf Konfrontationskurs gehen?
Es sind alle sehr aufgeschlossen mir gegenüber. Das Interessante an der Aktion ist, dass wir die Schularten miteinander mischen, dazu aus ganz verschiedenen Stadtteilen, und die Kids gehen dennoch zumeist offen aufeinander zu. Es gibt aber natürlich auch Reibereien. Letzte Woche kam es im Basketball-Unterricht zu einer Schlägerei. Das passiert natürlich dann und wann. Auf mich gehen die meisten positiv zu. Wenn gestänkert wird, dann von anderen Schülern, die nicht unmittelbar beteiligt sind am Projekt und vielleicht auch mal neidisch sind. Dann ruft mir jemand auf dem Flur "Ey, Bushido" hinterher. Das provoziert mich natürlich nicht. "Ist der hier irgendwo?", antworte ich darauf.

Neben der Diskussion um Ballerspiele und ihren Einfluss, geht es nach solchen Ereignissen oft auch um Musik und ihre Wirkung. Sehen Sie dort mögliche Zusammenhänge?


Als Künstler wünscht man sich schon die Freiheit, alles machen zu können und darauf zu vertrauen, dass die Leute schlau genug sind, um zu checken, was Humor ist und was wirklich ernst gemeint ist. Nach fast 15 Jahren stelle ich jedoch fest, wie sehr man die Leute beeinflusst durch bestimmte Dinge, die man tut. Heute noch kommen Fans auf mich zu, die sagen, sie hätten damals zu Zeiten von "Grüne Brille" angefangen zu kiffen. Nur das Album gehört und Joints geraucht. Das sind natürlich nicht unbedingt Dinge, auf die ich stolz bin. Heute versuche ich das im Umkehrschluss zu nutzen und vielleicht ein paar Dinge positiv zu beeinflussen. Du hast als Künstler einfach ganz massiven Einfluss, daran gibt es nichts zu rütteln. Was mir fehlt, ist eine tatsächliche Auseinandersetzung mit Inhalten. Es wird verteufelt und angeprangert, dadurch wird es doch oftmals einfach noch reizvoller für die Kids. Natürlich soll sich Metal oder Gangsta Rap deswegen nicht ändern oder gar verschwinden, aber warum gibt es in den Jugendmedien keinen intelligenteren Ansatz bei diesen Themen. Das ist oft so unterbelichtet. Wenn ich die HipHop-Bravo durchblättere, werde ich einfach nur traurig. Da werden zu 90 Prozent Klischees verstärkt. Frauen sind nackte Chicks - und das wird dann noch als Karriere-Perspektive verkauft. Das sind Sachen, die sich ändern müssen.

Wird sich Ihre Jugendarbeit durch eine derartige Katastrophe verändern?
Hätte ich es heute morgen bereits gewusst, dann wäre das bestimmt ein Thema im Workshop gewesen. Was meine Arbeit mit den Jugendlichen betrifft, ändert sich das eh immer wieder. Es gibt derart viel Diskussionsbedarf von Migranten-Problematik bis zu Aids-Themen - es gibt da so viel zu tun. Ich selbst tickte früher noch ganz anders und hatte eine totale Anti-Haltung diesen Dingen gegenüber. Heute bin ich mit der Kultursenatorin per Du und und befasse mich ausführlich mit solchen Themen.

Die Probleme, die Sie antreffen - haben Sie das alles so erwartet oder gibt es auch Dinge, die Sie überrascht haben?


Nichts, was mich vollkommen überrascht hat. Ich war früher halt auch anfällig für solche Dinge, die einem die Medien einreden. Sachen, von denen man dann glaubt, dass man sie unbedingt haben muss. Ich bin heute froh, etwas gestartet zu haben, das ich unbedingt wollte. Egal, ob das cool war oder nicht. Heute sehe ich eine Generation, die sich überhaupt nicht mehr erlaubt zu träumen. Es ist krass zu sehen, wie Leute in den Schulklassen ausgelacht werden, wenn sie sich trauen, etwas zu sagen. Vielleicht etwas, was nicht konform geht mit der angesagten Meinung. Viele nehmen sich selbst nicht mehr ernst und die anderen noch viel weniger. Es ist traurig, das mitanzusehen. Sie können sich detailliert vorstellen, wie Sachen schiefgehen. Den Job verlieren, die Schule nicht schaffen - die negativen Träume sind sehr bildlich bei allen vorhanden, für die guten Perspektiven ist oftmals kaum noch Platz in den Köpfen. Sie bekommen vorgekaut, was sie alles brauchen, um glücklich zu sein. Aber das Geld dafür zu verdienen, wird ihnen immer schwerer gemacht.

Kann man solche Katastrophen in Zukunft verhindern?
Solche Einzelfälle werden sich nicht verhindern lassen, denke ich, so schlimm das ist. Die Probleme werden immer dann thematisiert, wenn es zu spät ist. Das sollte Anlass geben, sich mit den Problemen der Jugendlichen regelmäßig zu beschäftigen, und nicht erst dann, wenn wieder etwas derart Unfassbares passiert ist. Es sollte in den Schulen ein Fach geben, das "Leben" heißt. Was nützt mir das Wissen über die Molekularstruktur von irgendwelchen Verbindungen, wenn ich mich mit meinen Stärken und Schwächen in der Welt nicht zurecht finde.