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Taryn Simon: Chronistin des Verborgenen

Atommüll, konservierte Leichen, Vergeudung - die New Yorker Fotografin Taryn Simon beleuchtet die dunklen Seiten Amerikas. Und zeigt uns unsere Abgründe.

Von Andrea Ritter

Die Idee kam nach dem 11. September 2001. Als der Ohnmacht und dem Schock Taten folgen sollten und die amerikanische Regierung dazu aufrief, nach dem verborgenen Bösen zu suchen. Massenvernichtungswaffen im Irak. Terroristenlager in Afghanistan. "Amerika schaute ins Ausland - ich wollte mir das Verborgene innerhalb der amerikanischen Grenzen ansehen", sagt die New Yorker Fotokünstlerin Taryn Simon über ihre Arbeit. "Es ging mir dabei nicht nur um Orte, die für die Öffentlichkeit verboten sind. Sondern um Dinge, die für das Funktionieren des amerikanischen Alltags wesentlich sind, von deren Existenz man aber nichts weiß oder die man übersieht."

Eine Klinik, in der sich eine junge Frau vor der Hochzeit ihr zerrissenes Jungfernhäutchen wiederherstellen lässt. Ein Entsorgungszentrum für infektiösen medizinischen Sondermüll. Eine Freizeitanlage im Gefängnis für Todeskandidaten, die "Käfig" genannt wird. Quarantänestationen, Grenzkontrollen, Ku-Klux-Klan-Mitglieder, das CIA-Hauptquartier und das Gehäuse einer Smith & Wesson .44 Magnum - sie alle gehören zum "American Index of the Hidden and Unfamiliar", dem amerikanischen Index des Verborgenen und Fremdartigen, wie Taryn Simon ihre Arbeit nennt, die gerade im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu sehen ist.

Jung, hübsch und "eher ängstlich"

Die 32-Jährige ist keine Dokumentarfotografin. Keine Enthüllungsjournalistin, die sich mit Tricks und Schnelligkeit Zugang zu ihren Motiven verschafft. Sie ist jung, hübsch und "eher ängstlich", wie sie selbst sagt. Sie ist aber auch eine Frau mit enormer Willensstärke und Gründlichkeit. "Ich erkläre den Leuten von vornherein ganz klar, was ich vorhabe. Und ergänze meine Bilder durch Fakten. Meine Meinung über den Ku-Klux-Klan beispielsweise bringe ich weder im Bild noch im Text zum Ausdruck. Das erscheint mir am wirkungsvollsten."

Seht hin, das gibt es, scheinen ihre Bilder zu sagen, einfach so, ohne Anklage, ohne Kommentar - und genau das macht sie so bedrückend. Jede Aufnahme ist ein durchkonzipiertes Kunstwerk, aufwendig ausgeleuchtet und arrangiert. Das Unheimliche, das, was wir lieber gar nicht so genau wissen wollen, rückt auf diese Weise ins Rampenlicht. Vieles wirkt auf den ersten Blick harmlos. Das klamme Unwohlsein stellt sich erst ein, wenn wir wissen, was wir da sehen. Wenn die scharf ausgeleuchteten Details unsere Aufmerksamkeit ansaugen. Wie der weiße Tiger "Kenny" mit seinem schmerzlich debilen Blick. Er ist das missgebildete Ergebnis selektiver Inzucht, deren gelungene Produkte wir in Zaubershows bewundern. Oder die verkapselten Atommüllbehälter, deren tödliche Strahlung im Dunklen so schön blau glüht.

Das Verborgen-Befremdliche ist überall

Mehr als vier Jahre hat Taryn Simon an dem Projekt gearbeitet, das mehr als 60 Aufnahmen umfasst. Ihre Recherchen führten sie in die verschiedensten Bereiche: staatliche Sicherheit und Kontrolle, Medizin, Natur, Militär. Das Verborgen-Befremdliche ist überall. Mal erwartbar, wie der Vorführraum von Scientology. Mal gruselig, wie die verwesenden Leichen im forensischen Forschungsinstitut von Knoxville. Immer wieder hat sie um Einlass gebeten, beharrlich, oft über Monate, manchmal über Jahre. Ihr Status als Absolventin einer Elite-Universität mag ihr dabei geholfen haben, vielleicht auch die Verbindungen, die man nun mal so hat, als New Yorker Intellektuelle, deren Vater früher für das State Department arbeitete. Dennoch: Absagen gab es viele. Ihre liebste ist die von Disney Publishing: Um den "magischen Zauber" der Figuren und die "Fantasiewelt" der Besucher zu schützen, dürfe sie dort nicht hinter den Kulissen fotografieren. Für Simon eine großartige Reaktion, weil sie sich mit ihren Beobachtungen deckt. "Ich war überrascht, wie banal vermeintlich große und wichtige Orte tatsächlich aussehen. Die Architektur vieler militärischer Einrichtungen beispielsweise wirkt so merkwürdig altmodisch, als sei sie noch in der Zeit des Kalten Krieges gefangen. Der Tresorraum mit den Tonbändern zum Watergate-Prozess oder die Gelddruckerei der Finanzbehörde - da liegen 220.800.000 US-Dollar -, sie wirken so schlicht, fast schäbig. Überhaupt nicht geschützt. So verletzlich."

Ihr selbst sind Sicherheit und Kontrolle sehr wichtig, sagt Taryn Simon. Glaubt man sofort, so wie sie redet. Ernst, bedächtig, vorsichtig. Typisch amerikanische "Anyways" oder "It's like" gibt es nicht. Dafür hat sie drei Lieblingswörter: "Fakten", "Kontext" und "Ambiguität" und immer, wenn sie eins von ihnen ausspricht, bewegen sich dazu ihre Hände, als wollten sie alles andere vom Tisch wischen.

Die Ambiguität der Fotografie

Von Anfang an waren Taryn Simon diese drei Dinge wichtig: die Fakten, um den Kontext einer Fotografie klarzumachen. Der Kontext, um die Ambiguität, also die Mehrdeutigkeit, die jedes Bild haben kann, zu verdeutlichen. Was passiert, wenn uns Bilder einfach nur so, ohne Zusammenhang vorgelegt werden, zeigt ihre Arbeit "The Innocents" - die Unschuldigen. Porträts von Menschen, die mittels Foto-Identifikation als Verbrecher verurteilt wurden. Zu Unrecht, wie Jahre später DNA-Beweise ergaben. "Es ist eine Studie über die Ambiguität der Fotografie. Bilder können gefährlich sein, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden."

Ein Thema, das sich auch im "American Index" wiederfindet. "Die Fotografien sind artifiziell und abstrakt. Erst der Text liefert das Gegengewicht und erklärt uns, was wir wirklich sehen. Wenn ich mich mit politischen Dingen beschäftige, ist es für mich absolut notwendig, die Mehrdeutigkeit der Fotografie zu kontrollieren. Der Zusammenhang muss immer eindeutig sein."

Politische und ästhetische Ziele

Dasselbe wünscht sie sich für den Zusammenhang, in dem ihre Bilder erscheinen. Bei der Ausstellung in Frankfurt hat sie darauf geachtet, dass die Texte zu ihren großformatigen Fotografien extra klein gedruckt sind. Zum Lesen muss man ganz nah rangehen, zum Sehen muss man sich entfernen. Und irgendwo auf dem Weg dazwischen erschließt sich der Inhalt des Bildes. "Meine Arbeit hat politische und ästhetische Ziele. Beides ist gleich wichtig, und ein Bild ist für mich nur dann gelungen, wenn beides erreicht ist. Politisch motivierte Fotografie ist normalerweise sehr roh. Ich versuche, diesen Themen einen anderen Rahmen zu geben. Das Ganze fügt sich zusammen aus der Fotografie, dem Text und dem Hin- und Hergehen dazwischen. Deshalb zeige ich meine Bilder nur in Museen. Das ist die reinste Form."

Fragt man die Kontext-Kontrolliererin Taryn Simon nach dem Zusammenhang, den sie in ihrer Arbeit sieht, fällt wieder dieses Wort: "Vulnerability", Verletzlichkeit. "Wenn du hinter den Schleier blickst, erkennst du die Risse. Überall. Die unschönen Stellen. Das Seltsame." Weil Verborgenheit Schutz bedeuten kann, gehören auch positive Bilder auf ihren Index. Schwarzbären im Winterschlaf oder eine der letzten unberührten Regenwaldflächen der USA. In Cape Canaveral, wo ihr die Nasa Zugang zu sämtlichen hoch technisierten Anlagen gewährt hatte, wählte sie als Motiv lieber ein Strandhaus. Jenes Haus, in dem amerikanische Astronauten die letzten Momente mit ihrer Familie verbringen, bevor sie ins All fliegen. Kein besonders geheimnisvoller Ort. Aber ein Ort der geheimen Gefühle, der Angst und des Zweifels.

Seht hin, auch wenn ihr es nicht wissen wollt

Der Index des Verborgenen und Fremdartigen - das ist kein nie da gewesener Sensationsbericht. Kein Repertoire hochgeheimer Gruselkabinette. Sondern ein Verzeichnis von Orten, die unser Unbehagen beherbergen. Die das Schmutzige, Kranke, Sinnlose, Gefährliche, Zerbrechliche, aber eben doch zutiefst Menschliche zeigen. Taryn Simons Bilder sind so eindringlich, weil sie nichts demaskieren. Außer unserem Bedürfnis, vor gewissen Dingen die Augen zu verschließen. Das ist das eigentlich Abgründige: Seht hin, das gibt es, sagen ihre Fotografien - auch wenn ihr es gar nicht wissen wollt.

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