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Taylor Swift will Europa erobern: Die 64-Millionen-Dollar-Frau

Als Mädchen mit Gitarre räumte sie in Amerika ab. Jetzt macht der Country-Star Taylor Swift Pop - und will auch Europa erobern. Kann das gut gehen?

Von Jochen Siemens

Taylor Swifts neues Album "1989" ist laut den amerikanischen Billboard-Charts das bestverkaufte Album des Jahres.

Taylor Swifts neues Album "1989" ist laut den amerikanischen Billboard-Charts das bestverkaufte Album des Jahres.

Wenn man sich in der vergangenen Woche in New York einen Becher Cola light kaufte, konnte man ein Treffen mit Taylor Swift gewinnen. So jedenfalls versprach es Cola light auf Plakaten. Das war nicht wirklich sensationell, denn in den Straßen der Stadt hat man ohnehin alle paar Meter das Gefühl, Taylor Swift zu treffen. An den Kiosken ist ihr Gesicht auf mindestens drei Zeitschriftencovern gleichzeitig, und in den USA reicht allein schon ein "Taylor!", um zu wissen, wer gemeint ist. Im Süden der Stadt, im Stadtteil Tribeca, wo auch Orlando Bloom wohnt, hat "Taylor!" vor einiger Zeit für 15 Millionen Dollar eine Wohnung gekauft, und man muss das Haus nicht lange suchen, weil meist eine Gruppe von Mädchen davorsteht und ein freundlicher Polizist aufpasst, dass sie davor stehen bleiben und nicht Sturm klingeln.

#link;stern.de/kultur/musik/taylor-swifts-neues-album-1989-verkaufsrekord-in-der-ersten-woche-2148626.html;Taylor, Taylor, Taylor also#. Amerikas bestverdienender Popmusikstar des Jahres, mit mehr als 26 Millionen verkauften Alben, sieben Grammy Awards und von Forbes geschätzten 64 Millionen Dollar auf dem Konto. Obwohl, das mit dem Pop ist noch so eine Sache, denn Taylor Swift fing als Mädchen mit Gitarre an und sang Lieder zu einem Rhythmus, der an langsamen Galopp oder Trab erinnerte und in den USA als Country-Musik firmiert. Ins Europäische übersetzt: Musik ehrlicher Menschen vom Lande, von denen man denkt, sie hätten als Kinder auf Kuhhörnern gekaut. Klingt jedenfalls manchmal so.

Das mag man Taylor Swift aber nicht fragen, wenn man sie nicht in New York sondern im für sie fernen Hamburg trifft, wo sie, anders als in den USA, stundenlang durch die Stadt spazieren könnte. Es würden sie nur wenige erkennen. Obwohl, auffallen würde sie schon, weil sie ziemlich groß ist, eine deutliche, unüberhörbare Stimme hat und an diesem Tag mal wieder mit einer seltsamen 20er-Jahre-Boheme-Scheitelfrisur an ihrer Erscheinung experimentiert hat. "Mal wieder" heißt, dass Taylor Swift zwar seit ihrem ersten Album 2006 immer gleich aussah, aber seit einiger Zeit viel mit ihrer Frisur und ihrer Garderobe spielt. Wie es Mädchen machen, wenn sie flügge werden, und genau das will sie. Um auch in Europa die "Taylor!" zu werden.

Texte wie ein Tagebuch

Wenn man sich darüber mit ihr unterhält, kommt einem zunächst der Gedanke, dass sie ein verdammt angenehmer und aufgeräumter Mensch ist. Keine "Ähs" oder Floskeln wie "Sie wissen schon" in ihren Sätzen über die neue Platte, sondern Formulierungen wie "ein ganz neues Bouquet von Sounds" oder "meine Fans werden meine Texte wieder so verstehen, als seien sie ein Tagebuch", und so weiter. Als zweiter Gedanke kommt einem dann aber, dass es sehr einstudiert klingt, wie Taylor Swift über sich spricht, und auf einmal vermisst man die "Ähs" und die innige Mädchenlyrik, in der sie in ihren früheren Songs Eifersucht und Trennungsschmerz der Dating-Jahre besang und Exfreunde wunderschön bitter beleidigte, "aber nicht meine eigenen, es waren Geschichten aus meiner Umgebung".

Das alles hörte sich an wie die Dramen, die Lena Dunham in der Serie "Girls" beschrieb - nur ohne Sex. Allein Taylor und ihre Gitarre, selbst als Europäer konnte man sich mit dieser Sorte Country anfreunden, so wie man sich vor vielen Jahren mit dem Sound einer Shania Twain hatte anfreunden können. Die "New York Times" meinte 2008 sogar, Swift habe "mehr Berührung mit ihrem inneren Leben als die meisten Erwachsenen". Und so ist es rätselhaft, was Taylor Swift auf ihrer neuen Platte macht. "Ein Pop-Album" soll es sein, sagt sie, "Musik, mit der ich zeigen will, wie ich mich weiterentwickle.“ Viel Maschinenpark ist da zu hören: Drum-Machines, Synthesizer, Hektik und Soundeffekte. Zur Single "Shake it off" legte sie ein athletisches Tanz-Video vor, und das Cover von "1989" ist im satten Retro-Design mit Polaroidfoto und Filzstift gehalten. Das alles will sagen: modern.

Mit Biederkeit zum Erfolg

Fragt man sie, ob sie ihrer früheren Beste-Freundin-Musik auf einmal misstraue, ist Taylor Swift eine Sekunde lang irritiert. "Wieso? Alle die Lieder kann ich auch mit meiner Gitarre auf der Bühne alleine singen." Und warum macht sie es nicht? "Ich bin mit dem Herzschmerz durch, ich gehe weiter", sagt sie. "Sie hat nun eine Festung um ihr Herz gebaut", schrieb neulich der "Rolling Stone". Und so ist der Erfolg der 24-Jährigen in den USA der Erfolg eines Mädchens, das sein Tagebuch vom ersten Kuss, ersten Glück und Unglück besang. Ein Mädchen, das viel kompatibler mit der Masse von Mädchenseelen war als die unzähligen Pop-Girls, die irgendwann betrunken im Auto oder halb nackt auf roten Teppichen gesehen werden. Swifts Erfolg liegt in ihrer Biederkeit begründet. Zudem kann sie wirklich musizieren, was jetzt ein wenig an Helene Fischer erinnert.

Fragt sich nur, ob das auch in Europa funktioniert. Ein ähnlicher Versuch, den Sänger Justin Bieber zu exportieren, hatte nur überschaubaren Applaus und Verkäufe gebracht.

Wo bleiben die Abgründe?

Vielleicht ist es ungerecht, in der Geschichte der Taylor Swift nach jenen Brüchen und Abgründen zu suchen, die die Kunst manch anderer erst prägend machen und so vulkanisch wirken lassen wie etwa die Musik von Amy Winehouse oder Lily Allen. Bei Swift gibt es nicht mal Dellen. Geboren in einer Stadt in Pennsylvania als Tochter eines Finanzberaters und einer damaligen Marketingmanagerin, wuchs sie mit Pony auf der Weihnachtsbaumschule auf, die ihr Vater auch noch besaß. Und klar, auf dem Land wurde Country gespielt, "mein Vater unterstützte mich sehr in meiner Musik", erzählt sie.

Mit 14 unterschrieb Taylor ihren ersten Plattenvertrag und wurde im Radio gespielt. Und so ging es weiter. Flankiert von Twitter, Facebook und Instagram, wo sie viele Fotos ihrer Katze zeigt, füttert Swift ihre Fangemeinde geschickt mit privaten Splittern ihres Lebens und gibt allen das Gefühl, deren beste Freundin zu sein. Sie ist der Prototyp einer neuen Star-Generation, bei der es nicht einzig auf die Musik ankommt, sondern auf die Illusion, eigentlich nebenan zu wohnen. "Mein Glück war, dass alles in meinem Leben das richtige Timing hatte", sagt sie. Das sei so wie mit den Weihnachtsbäumen, die sie als Kind zusammen mit ihrem Vater kontrollierte, "fünf Jahre braucht so ein Baum bis zur Weihnachtsgröße".

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