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The Cure in Hamburg: Schunkel-Party für Alt-Waver

Statt in eine Aura der Finsternis tauchten The Cure die Hamburger Color Line Arena in die Regenbogenfarben ihrer Lichtorgel. Mit dem Auftakt ihrer Deutschlandtour verbreitete die Kultband der 80er ein wenig Melancholie und viel Behaglichkeit für Biokäufer.

Von Claudia Pientka

Draußen auf den Hamburger Straßen verbreiten schwarz-weiße Wahlplakate mit dem Konterfei Ole von Beusts eine düstere Stimmung. Drinnen in der Color Line Arena blinkt die Lichtorgel von The Cure gleichzeitig in rot, gelb, grün und blau. Nichts zu spüren von der berühmt-berüchtigten apokalyptischen Atmosphäre, stattdessen dürfen sich die 10.000 Gäste wie im heimischen Partykeller fühlen. The Cure, die Kultband der 80er, die Meister der Melancholie, haben ihre Deutschlandtour begonnen und nehmen ihr Publikum mit auf eine dreistündige Reise in die Zeit von Margret Thatcher, Doc Martens und Schwarzkuttenträgern.

Pünktlich um 20.15 Uhr schlurft Sänger Robert Smith mit seinen Kollegen Simon Gallup (Bass), Jason Cooper (Schlagzeug) und Porl Thompson (Gitarre) auf die Bühne und legt los. Keine großartige Begrüßung, kein Geplänkel mit dem Publikum, das um die Zeit noch von allen Seiten in die Halle strömt, los geht's. Bei The Cure steht nicht die Bühne im Mittelpunkt, die Leinwand im Hintergrund ist wegen der vorgebauten Lichttechnik kaum sichtbar und die Beleuchtung in Regenbogenfarben wirkt eher verstörend als dass sie den düsteren Sound der Band untermalt. Bei The Cure geht es um die Band und ihre Musik. Genauer gesagt um Frontmann Robert Smith, der seit 32 Jahren Kopf, Herz und Körper der Combo ist und die Band zeitweise so dominierte, dass er beim Album "The Top" bis auf das Schlagzeug alle Instrumente selbst einspielte.

Kaum ein Liederwunsch bleibt unerfüllt

Auch in Hamburg ist es Smith, der im Vordergrund und Mittelpunkt steht. Er ist inzwischen 48 Jahre alt, ein paar Pfunde schwerer, doch seinem Look treu geblieben: schwarzes Hemd, weißes Make-up, kajal-umrandete Augen, blutrote Lippen, die Haare auftoupiert, als habe er in eine Steckdose gefasst. Wiedererkennung garantiert. Dafür spart Smith sich auch die Interaktion mit seinem Publikum, außer ein paar genuschelten Bemerkungen und "Thank Yous" kommt verbal nicht viel. Ist aber auch gar nicht nötig, denn die Band präsentiert in einem dreistündigen Marathon fast alle großen und kleineren Hits, die ihr Repertoire zu bieten hat. Angefangen mit "Prayers For Rain" und "Destination Street" über "Why Can't I Be You" und "A Forest" geben The Cure aber auch Kostproben aus ihrem in diesem Frühjahr erscheinenden Doppelalbum. Und sie spielen die Stücke live so wie man sie von den Alben kennt: richtig gut.

In der ersten Stunde hat man noch das Gefühl, dass die Band ihre elegische Stimmung in der Color Line Arena nicht richtig entfalten kann: zu groß die Halle, zu wenig Atmosphäre. Doch The Cure spielten sich warm und je poppiger und melodischer die Hits werden, desto heftiger schwoft das Publikum. Das besteht ohnehin aus eingefleischten Fans, die der Band vermutlich schon seit ihrer Schulzeit hörig sind. Etliche Pärchen in der Alterklasse 35+, gekleidet in schwarze Lack- oder Lederhosen, die seit Jahrzehnten nicht mehr das Tageslicht erblickt hatten, schunkeln selig zu "Boys Don't Cry", "Friday I'm In Love", "Close to Me" und "Just like Heaven" und fühlen sich vermutlich auch wie in jenem. Früher mag Robert Smith von existentieller Verzweiflung getrieben worden sein; heute ist der Bandboss mehrfacher Plattenmillionär und seine Anhänger keine suizid-gefährdeten Teenager mehr, sondern Biokäufer und Grünwähler, die an einem Abend mit ihm in jugendlicher Nostalgie schwelgen.

Nach drei Stunden und drei Zugaben sind die Ü30er dann aber auch reif fürs Bett. Erste Besucher haben bereits nach der ersten Zugabe die Halle verlassen, um vor dem Abfahrtsstau vom Gelände zu sein. Sie haben "Boy's Don't Cry" und "10.15 Saturday Night" verpasst, Cure-Klassiker, bei denen 10.000 Köpfe wie Wackeldackel im Takt wippen. Das letzte Lied des Abends ist "Killing An Arab". Schon 1979 wurde The Cure wegen des vermeintlich ausländerfeindlichen Textes angegriffen, obwohl der Songtitel eine Hommage an den Existentialisten Albert Camus und seine Roman "Der Fremde" ist. 2008 wäre wohl eine Neuveröffentlichung mit diesem Namen nicht mehr möglich, aber als Abschluss eines The-Cure-Konzerts geht das allemal. Ohnehin war der Abend eine Zeitreise in das düstere Jahrzehnt der 80er, dessen kollektive Depression die Nostalgie im Nachhinein so kunterbunt färbt wie eine Lichtorgel.

The Cure geben drei weitere Konzerte in Deutschland: am 16. Februar in Berlin, am 25. Februar in München und am 16. März in Oberhausen.