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Udo Jürgens: "Die Einschläge kommen näher!"

Udo Jürgens erzählt nicht ungern von Udo Jürgens. Von seinem neuen Buch "Der Mann mit dem Fagott" mit seiner bewegenden Familiengeschichte, von Rückenschmerzen und Todesanzeigen und vom Ende seiner One-Night-Stands.

Von Sven Michaelsen und Alfred Steffen (Fotos)

Herr Jürgens-Bockelmann, 1984 und 1994 haben Sie schon mal Ihre Erinnerungen veröffentlicht. Ist es nicht ein wenig aufdringlich, im Zehn-Jahres-Takt Memoiren auf den Markt zu bringen?

Mich schon wieder über Liebe, Sex und die Einsamkeit hinter der Bühne auszulassen hätte mich tatsächlich gelangweilt. Was ich aber schon beinahe mein ganzes Leben als Buchidee mit mir herumtrage, ist die Geschichte meiner Familie. Ich habe allerdings nicht geahnt, dass ich sechs Jahre Recherche brauchen würde, um den Bockelmanns auf die Spur zu kommen.

Mit 720 Seiten ist Ihre Familiensaga "Der Mann mit dem Fagott" so dick geworden wie die "Buddenbrooks". Ist das Hybris?

Warum sollte der ewige Pausenclown Udo Jürgens nicht mal einen großen historischen Tatsachenroman riskieren? Das Buch beginnt 1891 und spiegelt die hundert verrücktesten Jahre der Menschheitsgeschichte. Mein Großvater war Mitbesitzer der einflussreichsten Privatbank Moskaus und verwaltete das Privatvermögen des Zaren. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er als Deutscher plötzlich ein Feind in Russland und geriet in Verbannung. Nach seiner Flucht war er 1917 einer der Finanziers, die Lenins Reise in einem verplombten Zug von Zürich nach St. Petersburg organisiert haben. Mein Vater saß in Klagenfurt in Gestapohaft. Mein Onkel Werner war Oberbürgermeister von Frankfurt und Präsident des deutschen Städtetages. Mein Onkel Erwin war Europachef der BP und Präsident des Welt-Erdölkongresses. Ich finde, dieser Stoff lohnt das Wagnis.

Ihre Co-Autorin ist die 33-jährige österreichische Germanistin Michaela Moritz. Wie sind Sie auf die Dame gekommen?

Michaela fing mit elf Jahren an, mir Briefe zu schreiben - keine Schwärmereien, wie ich sie sonst so bekomme, sondern begeisterte und ungewöhnlich begabte Schilderungen der Bücher, die sie gerade las. Irgendwann habe ich sie dann getroffen, anfangs noch zusammen mit ihren Eltern. Ich lernte ein sympathisches, scheues Mädchen kennen, das wunderschöne Geschichten schrieb. Sie sagt, ich war schon so etwas wie ihr Idol, bevor sie überhaupt meine Texte verstehen konnte.

Ihre Reputation macht die Frage zur Pflicht: Hatten Sie ein Verhältnis mit ihr?

Nein. So eine Arbeit könnte man gar nicht bewältigen, wenn man eine Affäre hätte.

War es nicht Wahnwitz, für Ihr Mammutprojekt einen Grünschnabel zu engagieren?

Der Verlag dachte so und bot mir die teuersten Ghostwriter an, die die Biografien von Boris Becker bis Johannes Heesters geschrieben haben. Aber ich wollte keine Routine. Ich wollte eine literarische Form. Meine Wahl fiel dann automatisch auf Michaela, weil ihre Prosa-Erzählungen mich absolut begeistern.

Wie war es, Ihr hasardeures Liebesleben von einer Frau aufschreiben zu lassen?

Ich bin ein Männermann, eine elende Hete, wie man heute sagt. Ich habe mich durch Michaelas weibliche Sicht besser erkannt. Sie sagte mir Dinge, die ich nicht gerne hörte. Ich musste ihr ja erklären, warum meine erste Ehe scheiterte und warum ich nicht treu war. Hätte ich das Buch alleine geschrieben, hätte ich mir da nicht wehgetan. Jetzt hat es schon da und dort in der Seele gezwickt. Eine Frau fragt natürlich auch viel klüger nach. Ein Mann versteht sofort, was einen treibt, untreu zu sein. Eine Frau fragt dich dann, warum dir nie eine Beziehung wichtiger war als deine eigene Ungebundenheit. Diese sechs Jahre gemeinsame Arbeit waren die längste und steinigste Reise zu mir selbst.

Wer hofft, Ihnen in die Unterhose schauen zu können, ist nach der Lektüre enttäuscht.

Meine Affären sind für mich kein Thema mehr.

Könnten Sie annähernd rekonstruieren, mit wie vielen Frauen Sie geschlafen haben?

Nein, keine Ahnung. Das habe ich immer für vollkommen nebensächlich gehalten. Ich kenne Männer, die sich dann immer ein Zeichen in den Kalender machen. Die sind mir ein Rätsel. Ich habe nie Statistiken geführt, noch nicht mal finanzielle.

Wir haben Frau Moritz gefragt, was ihr nach 22-jähriger Beschäftigung mit Ihnen ein Rätsel geblieben ist. Ihre Antwort lautet: "Udos intaktes Grundvertrauen in Menschen, sein fehlender Zynismus."

Ich habe viel zu lange kämpfen müssen, um zynisch zu sein. Ich habe auch festgestellt, dass Zynismus mit Dummheit zu tun hat. Vielleicht bin ich gerade noch intelligent genug, um nicht arrogant und zynisch zu sein.

Udo Jürgen Bockelmann war ein kränkliches, ängstliches, trauriges, verspottetes Kind. Gibt es einen Humus der Kläglichkeit, der allen Künstlern am Beginn ihres Lebens gemein ist?

Für Künstler sind schattenlos glückliche Jahre verlorene Jahre, weil Glück allein nicht produktiv macht. Der hühnerbrüstige, unbrauchbare Jürgilein mit den Segelohren wollte aller Welt zeigen, dass er doch zu was taugt. Deshalb fing ich mit zwölf an zu komponieren. Die Welt der Töne wurde mein Anker, und der Bühnenvorhang schien mir das Tor zu einer besseren Welt zu sein. Indem ich meine Gefühle in Töne fasste, wollte ich endlich von der Welt verstanden werden. Keiner vermag den Erfolg so zu genießen wie der, der einst ausgelacht wurde.

Selbstzweifel sind ein Merkmal geistiger Arbeit. Sind Sie heute frei davon?

Ein Mensch, der komplexfrei ist, muss größenwahnsinnig werden. Ich habe heute noch etliche Minderwertigkeitskomplexe, die mich auf den Boden runterholen und mir eine gewisse Normalität geben. In meinem Alter muss man auch dazu stehen, dass du Nächte hast, in denen beim Nicht-einschlafen-Können die grauen Vögel um deinen Kopf kreisen. Du fragst dich dann: "Wie viel Zeit bleibt dir noch?"

Sie haben zeitlebens unter Albträumen und chronischer Schlaflosigkeit gelitten.

Ich bin in meinen Träumen Tausende Male zu atonaler Musik erschossen worden und habe littfaßgroße Walzen gesehen, die sich immer schneller drehten. Als Kind hatte ich jede Nacht Schreikrämpfe. Erst seit ein paar Jahren kann ich ohne Hilfsmittel einschlafen.

Warum haben Sie sich nie einer Therapie unterzogen?

Dieses Wegradieren von seelischen Zuständen durch Psychoanalytiker halte ich für fragwürdig. Vielleicht hat es ja einen Sinn, dass ich die Dinge so verarbeite. Ich will gar nicht leidensfrei sein. Ich brauche das Pendel von Euphorie und Depression, denn Vernunft ist das Ende der Kreativität. Letztlich bin ich so, wie ich bin, das geworden, was ich bin.

In Ihrem Buch heißt es: "Diese Sehnsucht, die mich untreu sein lässt, kommt ganz eindeutig aus der gleichen Quelle wie jene treibende Kraft, die mich Musik machen lässt." Das ist für jeden Musiker ein genialer Freibrief fürs Fremdgehen.

Musiker brauchen nun mal eine gesteigerte Sinnlichkeit. Deshalb sind sie bedürftiger und leichter verführbar.

"Ich habe die gefürchtete Einsamkeit der Nächte immer wieder in flüchtigen Begegnungen erstickt", schreiben Sie. Ist Lebenseinsamkeit der tiefere Grund für Ihr sexuelles Piratentum?

Ich möchte überhaupt nicht abstreiten, dass früher Frauen für mich manchmal ein Therapeutikum waren gegen eine drohende seelische Haltlosigkeit. Auch wenn man sich dann aus den Augen verloren hat: Diese Frauen haben mir eine Nähe geschenkt, die für mich in der jeweiligen Situation von existenzieller Bedeutung war. Es klingt vielleicht schmalzig, aber dafür empfinde ich bis zum heutigen Tag große Dankbarkeit.

Anton Tschechow notierte mal: "Eine untreue Ehefrau ist ein großes, kaltes Kotelett, das man ungern anfasst, weil es schon ein anderer in der Hand gehabt hat." Wie sind Sie, wenn Sie von einer Frau betrogen werden?

Vollkommen ungerecht. Für einen selber ist der Seitensprung nach dem Duschen überstanden. Aber wenn der andere es tut, reißt es einem das Herz raus. Eifersucht verletzt uns dort, wo wir am empfindlichsten sind: beim Selbstvertrauen und in unserer Sexualität. Am schlimmsten schmerzt die bildliche Vorstellung, wie es stattgefunden hat.

Sie werden am 30. September siebzig, wirken aber gespenstisch jung. Wie ist es, alt zu sein, wie fühlt sich das Alter von innen an?

Îch fühle mich nicht wie jemand, der Ihnen über das Alter Auskunft geben kann. Man darf sich von der Zahl nicht lähmen lassen. Körperlich empfinde ich kaum Unterschiede. Ich habe öfter Rückenschmerzen als früher, und wenn ich heute zu viel trinke, finde ich am nächsten Tag nicht mehr statt. Aber natürlich lese ich fast wöchentlich Todesanzeigen von Leuten, die jünger sind und mir nahe standen. Patsch! Patsch! Die Einschläge kommen näher! Der Blick in den Spiegel macht dich verletzlich, genauso wie das Betrachten alter Fotos von dir. Es gibt aber nur eine einzige Möglichkeit, dem Alter zu entfliehen, und die ist, früh zu sterben.

Sie gehören zur Kernzielgruppe von Mitteln wie Viagra.

Ich brauche es nicht. Ich habe auch keine Probleme zuzugeben, wenn ich mal Schiffbruch erleide. Ich habe schon als ganz junger Mensch vor lauter Angst Aussetzer gehabt. Da ging das Leben auch weiter.

Ertappen Sie sich dabei, nur deshalb mit Frauen zu schlafen, weil Sie meinen, es Ihrem Image noch schuldig zu sein?

Heute würde ich mich nicht mehr auf einen One-Night-Stand mit fremden Personen einlassen. Es ist zu schwierig, dabei die Würde zu bewahren. Früher habe ich mich gefragt: "Kannst du dieser Frau das antun?" Heute denke ich: "Das kannst du dir selbst nicht antun!" Ich rate inzwischen Frauen ab, sich mit mir einzulassen und sage ihnen: "Ich stelle für dich keine Perspektive dar."

"Was sind schon alle möglichen Verwicklungen der Liebe gegen ein neues Lied?", heißt es in Ihrem Buch. Macht Ihre Unfähigkeit zu lieben Sie stark oder schwach?

Ich habe akzeptieren müssen, dass ich Musik ernster nehme als irgendetwas anderes auf dieser Welt, aber unfähig zu lieben bin ich deshalb, glaube ich, nicht. Die Liebe ist eine wunderbare Verblendung, die nachlassen kann. Ein Lied dagegen hat länger Bestand.

Sie haben mit einigen Ihrer politischen Lieder bundesrepublikanische Sozialgeschichte geschrieben. Fällt Ihnen eine Song-Idee ein, wenn Sie von Ihrer Wahlheimat Zürich aus das Schlusslicht Deutschland dieser Tage betrachten?

Ich würde zuerst eine Metapher suchen, einen Plakatbegriff, der sofort klar macht, was ich meine. Warten Sie - vielleicht könnte "Made in Germany" richtig sein. Was mich an Deutschland zurzeit zur Verzweiflung bringt, ist diese Wehleidigkeit und Selbstzerfleischung, dieser fatale Hang, in düstersten Szenarien zu schwelgen. Der Begriff "deutsche Tugenden" wird weltweit als lobendes Prädikat verstanden. Warum besinnen sich ausgerechnet die Deutschen nicht darauf? Auch euch Journalisten trifft eine Mitschuld. Statt den Leuten Mut zu machen und positives Denken zu stärken, schreibt ihr das Land runter. Die Deutschen sollten endlich mit diesem tristen Lamentieren aufhören und an ihre grandiose Aufbauleistung nach dem Krieg denken.

Leben Sie nach Art alter Menschen mehr und mehr in der Vergangenheit?

Nein. Nur wer die Gegenwart sehr bewusst lebt, wird eine Vergangenheit haben, an die es sich lohnt zurückzudenken. Man muss jeden Tag mit dem Prinzip beginnen: Lasst uns Erinnerungen schaffen!

Woran merken Sie, dass Ihre zweite Frau Corinna 26 Jahre jünger ist als Sie?

Sie animiert mich zu mehr Sport, als ich Lust habe zu machen. Und sie hört Jugendmusikkanäle, mit denen ich zum Teil Mühe habe.

Was findet Corinna an Ihnen nur schwer erträglich?

Dass ich ihr oft nicht genug zuhöre.

Wenn Sie Corinna durch ein kurzes Schnippen mit dem Finger etwas beibringen könnten, was wäre das?

Mit mir Fußball zu gucken.

Ihre bewährte Therapie für Liebeskummer?

Klavier spielen. Oder mit Freunden in der Kneipe hocken.

Was würden Sie tun, wenn Sie für einen Tag eine Frau wären?

Auf jeden Fall Acht geben, dass ich nicht einem Mann zu nahe komme.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(