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Udo Jürgens: Ausnahmestar und Seelenerklärer

Er stand über ein halbes Jahrhundert auf der Bühne, hat mehr als 100 Millionen Platten verkauft - dabei hätte eine Ohrfeige fast seine Karriere zerstört.

Er hat Klatschtanten humorvoll in den Sahnetod geschickt und griechischen Wein zum Ohrwurm gemacht. Er hat Spießigkeit und Heuchelei in ehrenwerten Häusern entlarvt. Und immer, immer wieder hat Udo Jürgens die Sonne, die Hoffnung und die Liebe hochleben lassen. Am heutigen Sonntag ist der große Entertainer im Alter von 80 Jahre verstorben. Noch vor wenigen Wochen stand der Ausnahmemusiker auf großen Bühnen, tausende Fans jubelten ihm zu. Mit einem neuen Album und einer Tournee wollte er noch einmal durchstarten. Dazu wird es jetzt nicht mehr kommen: An Herzversagen starb Jürgens in der Schweiz

Kluge Texte zu großen Melodien - das war seit Jahrzehnten das Markenzeichen dieses Ausnahmestars der Unterhaltungskunst. Seine Karriere gleicht einer Rekordstatistik: Jürgens komponierte #link;http://www.stern.de/kultur/musik/zum-tod-von-udo-juergens-bitte-mit-sahne-2141680.html;mehr als 1000 Songs, von denen etliche zu Superhits wurden. Er spielte mehr als 50 Alben ein und verkaufte mehr als 100 Millionen Tonträger#.

Seine Live-Auftritte mit Hits wie "Es wird Nacht, Señorita", "Aber bitte mit Sahne", "Griechischer Wein" oder "Immer wieder geht die Sonne auf" sind für viele auch heute noch einfach Kult. Bei Tourneen durch fast ganz Europa erlebten ihn Millionen Menschen auf der Bühne.

"Chansonnier deutscher Sprache"

Schon als Junge spielte der 1934 in Klagenfurt geborene Sohn der großbürgerlichen deutsch-österreichischen Familie Bockelmann Mundharmonika und Akkordeon, bald auch Klavier. Doch beinahe wäre in der ungeliebten Hitlerjugend die Musikerkarriere des Udo Jürgen Bockelmann verhindert worden: Das das junge Talent bekam eine so brutale Ohrfeige, dass seine Hörfähigkeit auf einer Seite vermindert wurde.

Krieg und Nachkriegszeit seien auch für ihn bedrückende Jahre gewesen, berichtete Jürgens 2004 in seinem Bestseller "Der Mann mit dem Fagott". Damals entstand wohl schon jenes "unstillbare Harmoniebedürfnis", zu dem Jürgens sich stets bekannte.

Manch anderen in der Unterhaltungsbranche hätte so ein Grundgefühl zu watteweichem Schmusekitsch verleiten können. Jürgens hingegen bewies als "Chansonnier deutscher Sprache", dass Popmusik und geistiger Anspruch keineswegs Gegensätze sein müssen. Dafür verlieh ihm die Republik Österreich 1985 den Berufstitel "Professor" - und das, obwohl Jürgens längst in die steuerfreundliche Schweiz umgezogen war, wo der Millionär in einer Prachtvilla am Zürichsee wohnte.

Begrüßungsgeld von Jürgens persönlich

"Als Komponist und Textdichter ist es Udo Jürgens gelungen, unvergessliche Melodien mit mal heiteren, mal nachdenklichen und philosophischen Texten zu vereinen", hieß es in der Laudatio, als er 2014 in Berlin für sein Lebenswerk vom Musikrechteverwerter Gema geehrt wurde.

Zur deutschen Hauptstadt hat der Star eine besondere Beziehung. Auch als 1989 die Mauer fiel und Ostdeutsche zu Zehntausenden nach West-Berlin strömten, war Jürgens gerade in Berlin. "Wir haben mehr als nur eine Träne zerdrückt, sind uns mit wildfremden Menschen in den Armen gelegen", berichtete er einige Jahre später. "Ich habe 5000 Mark genommen und den Leuten in die Tasche gesteckt, in Hundertern, ganz heimlich."

Ein Jahr vorher schon sagte Jürgens mit dem Song "Moskau - New York" das Ende des Kalten Krieges voraus: "In Berlin wird die Mauer von beiden Seiten zerschlagen, als gemeinsame Fackel wird Freiheit ins Morgen getragen."

Internationaler Durchbruch beim Grand Prix 1966

Die Prophezeiung geriet 1988 angesichts einer Kontroverse in den Hintergrund, die "der Moralist am Klavier" ("taz") mit dem Song "Gehet hin und vermehret Euch" auf dem selben Album auslöste. Das Lied wurde als Angriff auf die Haltung des Vatikans zur Empfängnisverhütung gedeutet und bei vielen Rundfunkanstalten mit einem Sendeverbot belegt.

Den internationalen Durchbruch ersang sich der spätere "Schlager-Professor" 1966 bei seiner #link;http://www.youtube.com/watch?v=m1xYbeLpmyI;dritten Teilnahme am Eurovision Song Contest# (damals noch: Grand Prix Eurovision) mit einem Lied, das auf der Liste seiner Evergreens weit oben steht: "Merci, Chérie".

Lange danach erklärte Jürgens zur Begeisterung vieler Rentner "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran." Doch selbst mit 80 war für ihn 2014 an Ruhestand gar nicht zu denken. Kurz vor dem Geburtstag hatte er ein neues Album veröffentlicht - mit dem leicht koketten Titel "Mitten im Leben".

Der gute, alte weiße Bademantel

"Dass ich dieses Album schreiben konnte, in diesem Alter, das erfüllt mich mit einer unheimlichen Hoffnung", sagte er in einem dpa-Gespräch. Mit seiner ab Oktober gestarteten "Mitten im Leben"-Tournee wollte Jürgens genau das schaffen, was schon seit Jahrzehnten das Ziel seiner Bühnenshows ist: "Die Menschen sollen den Konzertsaal glücklich verlassen."

Mit dabei war auch wieder ein weißer Bademantel: "Das ist eine Tradition geworden, die man auch als Marotte bezeichnen könnte." Einst in Hamburg, bei seinem ersten abendfüllenden Konzert, wurde er immer wieder für Zugaben auf die Bühne gerufen. Schließlich erschien er - zum Vergnügen des Publikums - im Bademantel. "Und heute ist es so", sagte der Star noch im Herbst schmunzelnd, "dass man von meinem Bademantel mehr spricht als von mir."

Thomas Burmeister, DPA / DPA