Über Jahrtausende haben Menschen Haare genutzt, um Macht zu zeigen, zu demütigen, zu verführen, sich abzugrenzen oder dazuzugehören. Sie gegen den Willen des Trägers zu verändern, fühlt sich bis heute nach einer Erniedrigung an.
In der Antike schnitt man Sklaven die Haare ab als Zeichen dafür, dass sie nicht selbst über ihren Körper bestimmen durften. Im Mittelalter scherte man Geächtete und Gefangene, um sie sichtbar aus der Gemeinschaft auszustoßen. „Zöpfe ab!“, riefen die Wütenden während der Französischen Revolution, weil der verhasste Adel das Haar lang trug. Und nach dem Zweiten Weltkrieg schor man etwa in französischen Dörfern den Frauen die Haare, die eine Liebesbeziehung mit dem Feind eingegangen waren.
Eine haarige Reise durch die Menschheitsgeschichte
„Haare sind unglaublich persönlich, sie sind ein Teil unseres Körpers, an vielen verschiedenen Stellen“, sagt Juliane Au, die als Kuratorin der Kunsthalle München gerade die Ausstellung „Haar – Macht – Lust“ eröffnet hat (bis 4. Oktober 2026). Insgesamt 219 Objekte rund um das menschliche Haar hat sie zusammengetragen, unter anderem aus dem Louvre, dem Prado, dem Rijksmuseum; von der ägyptischen Sitzfigur über Jugendstil-Gemälde bis zur Fotografie einer regenbogenfarbenen Punk-Frisur.
Eine Zeitreise, die klar macht: Haare sind und waren nie einfach nur Haare, sie betreffen uns alle, bis in die Gegenwart. Denn die Evolution hat den Menschen zwar längst vom wärmenden Fell befreit, doch auch heute wachsen noch rund fünf Millionen Haare an Körpern und Köpfen. „Bei der Recherche wurde mir klar, wie stark Haare in der Menschheitsgeschichte verflochten sind mit Politik, mit Wirtschaftszyklen, mit Religion“, sagt Au. „Etwa die Allongeperücken, wie sie Louis der XIV. einst etablierte – sie wurden gepudert mit Weizen- oder Bohnenmehl. In einer Zeit, in der Brot knapp war und viele hungerten, bekam das schnell eine politische Brisanz.“
Was wir glauben, was wir idealisieren, was wir unterdrücken und wo wir dazugehören wollen – all das kann man an unseren Haaren ablesen, wenn man genau hinsieht. „Die Geschichten, die unsere Haare über die Jahrhunderte erzählen, sind so vielfältig, so überraschend, tragisch, lustig“, sagt Juliane Au. „Nach der ersten Führung sagte ein Besucher zu mir: ‚So, da haben wir jetzt einmal das ganze Menschsein abgeklappert‘ – das trifft es sehr gut.“