"Geißeln der Talkshows": Michel Friedman Der Dreschflegel der Quasselbranche


Ich ist sein Lieblingswort, seine Rhetorik ist so spitz und flink, dass er seinem Gesprächspartner flugs die Worte im Mund umdreht. Teil sieben der stern.de-Serie widmet sich dem Dreschflegel Michel Friedman, der nicht nur Gast, sondern auch Gastgeber ist.
Von Wolfgang Röhl

Wenn Leute wie Heiner Geissler als Geißeln des Talkshowzirkus gelten, dann ist Michel Friedman die neunschwänzige Katze des Genres. Nicht bloß taucht sein von zu viel Sonnenbank gezeichnetes Gesicht regelmäßig bei Plasberg, Maischberger, Will und an vielen anderen Sendeplätzen auf (wer ihn einlädt, kann felsenfest auf ihn zählen, Friedmann würde für einen Fernsehauftritt notfalls todkrank vom Mond einfliegen). Mehr noch, er unterhält sogar eine eigene Quasselbude.

"Studio Friedman" heißt die Ryanair unter den Talkshows, die auf dem Nachrichtenkanal N24 läuft. Eine Arena für ganz Harte, die es wirklich nötig haben und für ein bisschen Publizität die Watschenmänner für Friedman machen. Etwa ein "Christian Arend, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion" oder "Thomas Oppermann, erster parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion". Die Sparringspartner werden von Friedman oft brutalstmöglich misshandelt, ihre Sätze gern schon nach drei Worten abgeschnitten, im Munde herumgedreht und höhnisch wieder ausgespuckt. Unter der Fuchtel des Anwalts, der mit seiner aufgeregten Gestik und seiner penetranten Stimme die Glotze bis zum Platzen dominiert, gerät das Studio schon mal zum Slapsticktheater. Der blitzgescheite, mundflinke Friedman haut allen reihum mit der Latte auf die Platte, bis das hoch verehrte Publikum sich vor Lachen krümmt. Das Mitleid mit den Opfern hält sich ja in Grenzen. Wer zu Friedman geht, was darf der anderes erwarten als Dresche?

Er treibt das Talkshow-Wesen auf die Spitze

Er nennt das so: "Ich polarisiere." Ich ist überhaupt sein Lieblingswort. Friedman ist die perfekte Ich-Maschine. Michel "Ich" Friedmann lebt gut gelaunt, wovon viele Kollegen nur träumen können, nämlich: Der Inhalt einer Talkshow ist völlig wurscht, die Gäste sind nichts als kostengünstige Statisten; das Einzige, was für den Moderator zählt, ist, so lange wie möglich das eigene Gesicht vor die Kamera zu halten und dabei unablässig zu labern. Mit seiner "eitlen Egomanie sprengt Friedman jede Debatte", zürnte die "FAZ" mal, zu Unrecht. Friedman macht die Talkshow kenntlich, indem er ihr unabdingbares Wesen auf die Spitze treibt. Sich aufplustern, herum dröhnen, aneinander vorbeireden, sich gegenseitig niederschreien, Argumente vorsätzlich missverstehen, all das gehört nun mal zu Plasberg & Co. Gesprächskultur? Findet im Fernsehen nach Mitternacht statt. Wenn überhaupt.

Natürlich taugt der Zwergsender N24 auf Dauer nicht für einen mit Friedmans Selbstbewusstsein. Immerhin ist er das Sendekaliber ARD gewöhnt, wo er jahrelang talken durfte ("Vorsicht! Friedman"), bis ihn 2003 ein Skandal um Koks und Prostituierte für ein Weilchen aus dem Verkehr zog. Inzwischen gilt er längst als wieder vorzeigbar. Da aber in den öffentlich-rechtlichen Anstalten derzeit keine Moderatorenposten vakant sind, besucht Friedman die dicken Talkshow-Dampfer einfach so, als Gast.

Friedman, der PR-Experte in eigener Sache

Für Einladungen sorgt er listig selber. Startet eine neue Talkshow, wünscht er via "Bild" oder "Bild am Sonntag" viel, viel Glück! "Ich wünsche Anne Will, dass sie den Trend zur Entpolitisierung mit ihrer Sendung stoppen kann. Darum erwarte ich mir, dass sie es schafft, mit einer journalistischen und hoffentlich streitbaren Sendung einen Gegenakzent zu setzen." Zum Start von "Hart aber fair" im Ersten: "Frank Plasberg ist momentan der heißeste Talk-Tipp, dem man nur Erfolg wünschen kann... Trotzdem: mehr Mut zum Talk! Mehr Mut zur direkten Konfrontation!" Kürzer gesagt: Lad! Mich! Ein! Ganz! Ganz! Oft!

Und das klappt! Er sitzt praktisch überall, um über Minarett-Verbote, Landtagswahlen, Gaza, Afghanistan oder sonst was zu monologisieren. Unvermeidlich, dass man den Multitasker irgendwann aus dieser Rolle erlösen und wieder auf einen Moderatorensessel des Gebührenfernsehens hieven wird. Wir dürfen uns schon mal auf die Sendung "Endlich! Friedmann" freuen. Und den Aus-Knopf an der Fernbedienung, den findet man gewöhnlich rechts oben.


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