HOME

"Germany's next Topmodel": Mehr Scheißegal-Haltung geht nicht

Waren das noch Zeiten, als windige Gestalten auf dem Schulhof etwas Gras oder ein paar Raubkopien vertickten. Heute fischt Heidi Klum die Kinder aus der Raucherecke weg. Und Muttern findet's gut.

Von Ingo Scheel

Heidi Klum beim öffentlichen Casting auf dem Schulhof

Heidi Klum beim öffentlichen Casting auf dem Schulhof

Die tollkühne Heidi in ihrem rollenden Bett reitet durch die Lande. Das Ziel: die Mädchen auf den Laufsteg lotsen. Wir begehen gerade mal die zweite Folge der mittlerweile zehnten Staffel von "Germany's next Backshop-Mitarbeiterin" und es bricht sich immer mehr Tristesse Bahn. Da sitzt Wolle Joop am Frühstückstisch und malt gelangweilt dickbrüstige Frauen mit fahrigem Strich aufs Butterbrotpapier. Später muss der Modepapst mühsam mit Konditorei-Erzeugnissen bei Laune gehalten werden. Wir alle wissen: Unterzuckerung ist ein kurzmütiger Gesell. Also bringt ihm doch endlich mal eine Platte Butterkuchen. Oder besser was Saftiges. "Hat mal jemand ein Stück Kuchen für mich?" zetert Joop, "aber nicht solche Trockenpocken."

Magerkost hat der Mann beim Blick auf den Catwalk genug, da muss jetzt was mit Nährwert ran. Die emsigen GNTM-Helferlein bringen Donauwelle. Eine gute Wahl. Der Blutzucker steigt, die Laune auch. Da lässt Joop, der immer ein wenig aussieht wie die junge Ruth Maria Kubitschek, die als Edvard Munchs "Der Schrei" zum Fasching geht, sich dazu hinreißen, die armen Mädchen mit Obst zu beschmeißen. Mit Äpfeln. Wer fängt, ist eine Runde weiter. Mehr Scheißegal-Haltung geht nicht. Das muss ihm erst einmal einer nachmachen. Oder besser nicht.

"Ich finde, du hast zu viel manipuliert"

Nicht minder liebevoll geht es Tamara an den Kragen. Die hat sich aus dem Fundus von Senta Berger eine Kopfbedeckung geborgt. Die richtige Entscheidung, wenn es nach Joop geht: "Gut, dass du einen Hut auf hast. Draußen regnet's. Und du musst leider gehen." Dagegen wirkt Karl Lagerfeld wie Pfleger Mischa aus der Schwarzwaldklinik.

Am schönsten aber ist Joops eingebauter Synchron-Übersetzungsmodus, der fast immer an, almost always on, ist. "Sie geht gut. She has a nice Walk." "Nicht schlecht. Not bad." Klasse, Wolfgang. Great, Wulfgäng. Das goldigste Bonmot hat er für ein armes Mädchen parat, dass nicht nur zu stark blondiert ist, sondern auch die Schminkpistole etwas zu großzügig eingestellt hat: "Ich finde, du hast zu viel manipuliert." Meine Herren. Bilden Sie einen Satz mit Glashaus und Stein. Und dabei verzieht der Mann keine Miene. Nun ja, wie auch. Bei so viel Klasse kann der Rest der Bande nur abstinken und in der Tat: Heidi Klum und dieser Hajo dürfen weiter mit dem Bumsbus durch die Nacht rollen, lassen sich auch nicht von einer Polizeikontrolle aufhalten und landen schließlich, kein Scherz, auf den Schulhöfen des Landes.

Mit dem "Supertalent" verwechselt

Da flanieren dann die vermeintlichen Schulschönheiten unter den Blicken ihrer Mitschüler und den Linsen der Smartphones von der Raucherecke bis kurz vor den Turnhallen-Eingang. Und blicken anschließend flehentlich in die Gesichter des Juroren-Duos. Währenddessen verbrüdert Thomas Hajo sich mit einem der Lümmel von der letzten Bank: "Ihr habt es echt gut. Viele hübsche Mädchen hier." Gut, dass Theo Lingen das nicht mehr erleben muss. Später wird noch ein Stop auf dem Marktplatz eingelegt, weil man irgendwie noch nicht genügend "gutes Material" zusammengekarrt hat. Die Kuh-Auktion von Backhorva ist ein Kindergeburtstag dagegen. Wer die Mädchen dahin geschickt hat? "Meine Mama hat gesagt, ich soll hier mal hingehen." Puh, beim nächsten Muttertag gibt es was Selbstgebasteltes zur Strafe.

Und die Girls beim großen Casting? Lisa hat die Eingangstüren verwechselt. Wollte wohl zum "Supertalent", tanzt aber nun hier ihren Michael-Jackson-Tanz und kann auch gleich wieder abzuckeln. Jelena legt nicht viel Wert auf das Äußere, auch nicht auf den Körper. Die Aura zählt. Damit ist sie hier auch nicht so unbedingt richtig. Dafür sieht sie ihren Rauswurf bemerkenswert pragmatisch: "Ich fixier mich jetzt weiter auf mein Studium." Richtig so, Jelena. Immer schön fixieren. Lisa hat einen coolen Pagenschnitt und zeigt zu viel Zahnfleisch, Cecilia knetet ihre Brüste zur Einstimmmung. Jüli war früher mal dick und sieht heute klasse aus. Und wenn sich zwischen Biene-Maja-Gesinge, ekligem Kaffeebecher-Abschlecken und Beinah-Stolpern auf dem Catwalk langsam der Hirnschmalz verflüssigt, dann sollte man sich an Pari halten. Die war früher ein Mann und ist heute ein Mädchen - oder war es umgekehrt? - und hat ihr eigenes Mantra: "Wenn man zu viel nachdenkt, geht man crazy. Also breathe in, breathe out."