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"Gottes mächtige Dienerin" in der ARD Keusches Melodrama mit Christine Neubauer


Kontrastprogramm zur Fußball-EM: Die ARD zeigt am Mittwochabend den Film "Gottes mächtige Dienerin" mit Christine Neubauer. Mit der Quoten-Queen hat bekanntlich jeder Film das Zeug zum Zuschauer-Erfolg.

40 Jahre stand eine Deutsche an der Seite jenes Mannes, der Papst wurde, als Hitler den Holocaust vorbereitete und Europa in Schutt und Asche legte. Josefine Lehnert oder Pascalina, wie sie als Ordensschwester in Altötting genannt wurde, war eine Frau aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen. 1918 wird sie 24-jährig als Lehrschwester nach München beordert, um dort für Nuntius Pacelli zu arbeiten. Jenen Kirchendiplomaten, der 1939 Papst Pius XII. wurde. Eigentlich sollte das resolute bayerische Mädchen dem feingeistigen Würdenträger nur den Haushalt machen. Aufgrund einer engen Bindung, die Pascalina und Pacelli bald zueinander aufgebaut hatten, blieb sie jedoch als Privatsekretärin und Beraterin ein halbes Leben lang an der Seite des umstrittenen Papstes.

Eine Geschichte, die gleichermaßen für Verschwörungstheoretiker wie für Freunde des volkstümlich-religiösen Erbauungsfilms geeignet scheint. Da Quoten-Queen Christine Neubauer für die Rolle gewonnen werden konnte, schlägt das Pendel jedoch eher in letztere Richtung aus. Zum ersten Mal zeigte die ARD das 180-Minuten-Drama als Zweiteiler zum Osterwochenende 2011. Mehr als fünf Millionen Zuschauer sahen zu. In der Wiederholung sendet das Erste den Film nun am Stück - für Menschen, denen das parallel stattfindende EM-Spiel Deutschland gegen Niederlande (im ZDF) von Gottes Gnaden egal ist.

Natürlich kann man viele Geschichten erzählen über Papst Pius XII. und seine in konservativen Kreisen durchaus als anrüchig empfundene Beziehung zu der deutschen Nonne Pascalina Lehnert. Da wäre dessen zögerliche Haltung in Bezug auf eine Verurteilung der Judenvernichtung durch Hitler-Deutschland, die bis heute von Historikern diskutiert wird. Dieser Aspekt stand im Mittelpunkt des englischsprachigen Zweiteilers "Pius XII.", den das Erste im letzten Herbst zeigte und der kurioserweise Christine Neubauer in der gleichen - allerdings weitaus kleineren - Rolle zeigte. Doch da wäre auch noch der Skandal, dass eine Frau im Vatikan entscheidend mitbestimmte. Eine Frau, die dem Papst so nahe war, dass ein Getuschel über eine mögliche körperliche Beziehung der beiden zu Lebzeiten nie abebbte.

Ein wenig Historisches

Mit dieser Mutmaßung, die nie bewiesen wurde, arbeitet das ARD-Drama so keusch, wie es keuscher nicht geht. Als der päpstliche Nuntius (Remo Girone) in München auf einer Treppe verharrt, sieht ihn Pascalina als Lichtgestalt. Und in jenem Gesicht, das wir von Christine Neubauer durch gefühlte hundert Melodramen in Großeinstellung auf den Fernsehschirm gemeißelt bekommen haben, spiegelt sich wieder jene erschrockene Bewunderung wider, die gleichzeitig Todesangst am Berg bedeuten könnte, Sorge um das Leben eines Kindes oder auch starke sexuelle Erregung. In diesem Film bleibt es allerdings bei der Zubereitung guter Suppen und nächtlicher Stenografie in den Privatgemächern des Papstes.

Immerhin wird auch Historisches verhandelt. Für den Münchner Hitler-Putsch vom 9. November 1923 wurden fast 350 Komparsen und sogar berittene Polizei in Originalkostümen eingesetzt. Selbst den geschichtlich verbürgten Regen, so die Drehnotizen, stellte man nach.

Später begleitet Pascalina den Nuntius auch nach Berlin, bevor es dramaturgisch effektvoll zu einer Trennung des Paares kommt. Durch sein diplomatisches Fingerspitzengefühl wird Pacelli 1930 zum Kardinalstaatssekretär ernannt und nach Rom abberufen. Doch der Vatikan ist kein Ort für Frauen - weshalb sich der Geistliche von seiner treuen Assistentin trennen muss. Doch Pascalina wäre nicht Christine Neubauer, wenn sie es nicht schaffen würde, ihrem Idol bald wieder resolut zur Seite zu stehen.

Ein wenig brav und bieder wird diese eigentlich interessante Lebensgeschichte erzählt. Eine, von der es immer wieder heißt - nicht nur vonseiten der Verschwörungstheoretiker -, dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Gemeint ist damit weniger die vermeintliche Nähe der beiden Protagonisten zueinander, als vielmehr der Einfluss, den eine einfache Frau - zudem eine Deutsche - auf die Entscheidungen des Papstes gehabt haben mag. Bei seinen Thesen stützt sich der Film vorwiegend auf eine Biografie der Historikerin Martha Schad. Sie lieferte die Buchvorlage zum Film.

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