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"Günther Jauch" zum Fall Edathy: Reißerisch im Titel, deutlich in der Wortwahl

Jauch und Gäste fanden deutliche Worte zum Thema Kinderpornografie und zum Fall Edathy, allerdings auch krude Thesen. Einigkeit herrschte darüber, dass Gesetzeslücken geschlossen werden müssen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Stichwort Odenwaldschule. Die damals endlich aufgedeckten Missbrauchsfälle sorgten für einen kollektiven Aufschrei. Es gab einen runden Tisch, ein Maßnahmenkatalog wurde erstellt, unter anderem mit Hilfsangeboten für die Betroffenen. "Doch es wurde herzlich wenig bis gar nichts umgesetzt", polterte TV-Autor Sebastian Bellwinkel, der selbst viel Recherchearbeit zu ähnlichen Themen betrieben hat. Und legte nach, dass das seit Jahren schon so gehen würde: "Da kommt mir die Galle hoch." Deutliche Worte. Was bekanntermaßen die Ausnahme ist in der sonntäglichen Talkrunde bei Günther Jauch. Bellwinkel jedenfalls tat dem Thema gut, das da mit dem reißerischen Titel daherkam "Lustobjekt Kind – was tun gegen das böse Geschäft mit nackten Jungen und Mädchen?" Aufgehängt an der Affäre Edathy, denn die hat es gebraucht, leider, um den nächsten kollektiven Aufschrei über Kindesmissbrauch auszulösen. Dass nach der Skandalisierungswelle nicht erneut alle von der Politik daher gesagten Vorhaben im Sande versickern, dafür machte sich Bellwinkel im Laufe der Debatte stark. Und lenkte in einer Vehemenz wie sonst kein anderer den notwendigen Blick auf die Opfer, die bei einem Thema wie "Kinderpornografie" eigentlich ganz selbstverständlich im Fokus stehen sollten.

Gewiss, auch Familienministerin Manuela Schwesig betonte immer wieder, auf dem Rücken von Kindern dürften derlei Geschäfte auf keinen Fall gemacht werden: "Der Rechtsstaat muss sie schützen." Es müsse dringend, und darin große Zustimmung in der Runde, nachgebessert werden. Allein: Man hat das aus einem Politikermunde so oft schon gehört, dass das Misstrauen gegenüber derlei Versprechen größer ist als der Glaube daran. Bellwinkel nahm denn sofort die Rolle des Zweiflers ein. Schwesig gab zurück: "Ich kann die Kritik verstehen und finde sie richtig. Es wurde bisher zu wenig umgesetzt." Doch wolle sie sich zusammen mit dem neuen Bundesgesundheitsminister dafür stark machen, dass endlich auch Taten folgen. "Ich hoffe, das hat irgendjemand mitgeschrieben und wir können das in zwei Jahren überprüfen", so Bellwinkel nicht ohne bissige Ironie.

Unnötiger Voyeurismus

Raffiniert dann sein späterer Schachzug. Der Journalist meinte, da die SPD den Slogan "Das Wir entscheidet" vor sich hertrage, wäre es doch eine Möglichkeit gewesen, Herrn Edathy nicht alleine zu lassen, sondern ihm vielmehr anzubieten, ihm zu helfen: "Das wäre die B-Variante gewesen." Auf eine solche Argumentation schien Schwesig, die sich sonst nicht aus der Ruhe bringen ließ, nicht vorbereitet. Verteidigte sie doch eben noch entschlossen den SPD-Beschluss, die Parteimitgliedsrechte von Edathy ruhen zu lassen. Dessen Verhalten passe nun mal nicht zu der SPD und ihren Werten: "Neben der strafrechtlichen Relevanz, gibt es die moralische Relevanz." Seltsam nur, auch das wurde angesprochen, dass die Moral erst dann ins Spiel kam, als die Vorwürfe gegen Edathy an die Öffentlichkeit drangen. Wieso erst dann, beantwortete Schwesig mit Drumherumgerede. Etwa damit, dass Sigmar Gabriel die Ermittlungen nicht habe gefährden wollen.

Auf die verpixelten Bilder mit unbekleideten Kindern, die zwischendurch gezeigt wurden, hätte man gerne verzichtet. Dass sich die Redaktion das nicht verkneifen konnte, bedauerlich genug. "Unnötig und empörend! Wozu dieser Voyeurismus?", hieß es denn auch im Online-Forum zur Sendung. Seinen sonderbarsten Moment hatte die Talkrunde, als der Sexualpsychologe Christoph J. Ahlers meinte, es sei "Teil des Schicksals", auf was ein Mensch sexuell reagiere. Klang so, als könnte man auch Tarotkarten dazu befragen. Inwiefern etwa Prägungen aus der Kindheit dafür verantwortlich sind, dass jemand einen Hang zur Pädophilie entwickelt oder was die Neurologie dazu sagt, blieb gänzlich ausgeklammert. Wenn also das Schicksal der Weisheit letzter Schluss ist, was soll dann noch kommen?

Es kam aber doch und ganz erwartet ein In-die-Bresche-Springen für die pädophil Veranlagten. Man solle die 400.000 Menschen in Deutschland, die davon betroffen sind, nicht automatisch als Abschaum behandeln, plädierte Rechtsanwalt Udo Vetter. Die meisten würden ihr Leben lang nicht "übergriffig", ihre Neigung bleibe im Fantasiebereich. Der Politiker aus der Piratenpartei wies außerdem darauf hin, dass man sich von dem Klischeebild verabschieden müsse. Nicht selten handle es sich bei Pädophilen um verheiratete und gut gebildete Familienväter. Auch Bellwinkel bestätigte das aus seinen Recherchen. Man müsse sich klar machen, es würden auch Väter ihre Kinder sexuell missbrauchen und dabei mitfilmen, um diese Bilder später ins Netz zu stellen. Warum es überhaupt erlaubt ist, sich Bilder von nackten Kindern zu kaufen oder auf Tauschbörsen anzubieten, konnte nicht geklärt werden. Internetplattformen, auf denen Kinderpornografie angeboten wird, würden laut Schwesig weiterhin gelöscht, aber nicht gesperrt. Beschämend genug, worauf Vetter schließlich hinwies: "Selbst in einigen Entwicklungsländern haben sie strengere Gesetze als wir hierzulande."

  • Sylvie-Sophie Schindler