"Heroes" Weltretten für Anfänger


In "Heroes" entdecken stinknormale Erdenbürger, dass sie fliegen, hellsehen und zeitreisen können, um die ganz große Katastrophe zu verhindern. Das ist einerseits ein hübsch anzusehender Serienspaß - und andererseits eine Geduldsprobe für die Zuschauer.
Von Peer Schader

Ein Krankenpfleger träumt davon, fliegen zu können. Ein japanischer Büroangestellter bildet sich ein, die Zeit anzuhalten. Und ein Künstler stürzt in tiefe Depression, weil er glaubt, in seinen Bildern Unglücke zu malen, die nachher tatsächlich passieren. Alles Spinner? Nee, alles Helden - so will es jedenfalls die neue RTL-2-Serie "Heroes", die davon erzählt, wie ganz normale Menschen plötzlich übernatürliche Kräfte entwickeln.

In den USA ist das seit vergangenem Jahr ein Riesenerfolg. Warum auch nicht? Es muss ja nicht in jeder neuen Serie ein Forensiker oder ein Anwalt durchs Bild tappen. Und tatsächlich hat "Heroes" außer der ungewöhnlichen Grundidee den großen Vorteil, hochwertig produziert und glaubwürdig besetzt zu sein. Dennoch wird es die Serie im deutschen Fernsehen nicht leicht haben. Denn das Publikum tut sich schwer mit fortlaufenden Handlungen, die einen quasi dazu zwingen, keine Folge zu verpassen. Das hat Pro Sieben mit "Lost" schmerzlich erfahren müssen, das hierzulande gerade einmal so gut funktioniert, um es nicht absetzen zu müssen. Und RTL 2 hat sich kürzlich entschieden, auf die nächste Staffel "24" zu verzichten, weil die Quoten bisher trotz Kritikerlob und treuer Fans enttäuschten. Jetzt kommt also "Heroes" - und macht seinem Publikum ausgerechnet den Einstieg ganz und gar nicht einfach.

Alles riecht nach Verschwörung

Die erste Folge ist ein ständiges Zickzack zwischen den vielen Protagonisten, die urplötzlich entdecken, dass sie sonderbare Fähigkeiten haben. Fortan sind alle schwer damit beschäftigt, abwechselnd überrascht und entsetzt auszusehen sowie herauszufinden, was der ganze Zauber überhaupt soll, und wie man ihn verflixt noch mal unter Kontrolle bringt. Das dauert. Und dauert. Und wird auch noch lange über die erste Folge hinaus weiterdauern.

Aber da ist noch mehr, nämlich eine unheimliche Verschwörungsgeschichte, die die Produzenten um ihre Superhelden herum gebaut haben. Leider wirkt die so ein bisschen, als sei sie von den Autoren der "Akte X"-Fälle damals aussortiert worden, weil sie zu schwach war: Ein Professor stirbt. Sein Sohn reist ihm nach New York nach, um seine Forschung weiterzuführen, die irgendetwas mit den "Heroes" zu tun haben muss. Ein mysteriöser Mann taucht auf und verfolgt den Professorensohn. Eine Katastrophe kündigt sich an. Irgendwie sind alle miteinander verbunden. Und alles riecht nach Verschwörung. Wer soll da denn bitte schön noch den Durchblick behalten?

Gut gegen Böse, das ganze Pipapo

Die viel gelobte Serie von Produzent Tim Kring ("Crossing Jordan") hat aber noch einen zweiten Schwachpunkt: Sie ist viel zu glatt gebügelt amerikanisch, wirkt weniger vielschichtig als vielmehr unnötig verstrickt und dramatisiert in vielen Szenen so übertrieben, dass ein bisschen Humor oder Selbstironie ganz gut getan hätte. Während der Mystery-Vorgänger "Lost" seine Geschichte in einem eigenen kleinen Kosmos erzählt, dessen Regeln sich für Zuschauer und Protagonisten erst nach und nach erschließen, will "Heroes" gleich aufs große Ganze hinaus: Weltretten, Gut gegen Böse, das ganze Pipapo eben - und am besten gleichzeitig Thriller, Drama, Actionserie sowie Mystery auf einmal sein. Das ist dann doch ein bisschen viel des Guten.

Schön immerhin, dass die Serie mit der Erwartung der Zuschauer spielt, die Superhelden bisher meist als Cape-tragende Männer mit Kindheitstrauma kennen, die zwanghaft für Gerechtigkeit sorgen müssen. Die neuen Helden aber sind stinknormale Erdenbürger mit stinknormalen Durchschnittsjobs, die eigentlich ganz andere Sorgen haben als mal eben schnell den Untergang ihrer Stadt abzuwenden. Sie können halt nicht anders als urplötzlich über sich hinaus zu wachsen. Was für eine Botschaft! In jedem von uns steckt ein Tiger.

Das Besondere an "Heroes" ist freilich, dass die Serie einen trotz der vielen kleinen Macken nicht loslassen will, weil man als Zuschauer schon gerne wüsste, auf was alles hinausläuft und wozu man die vielen Ich-glaub-ich-bin-anders-Gespräche der Protagonisten mit ihren Freunden ertragen hat. Sehenswert ist "Heroes" allemal. Aber eben auch ein schönes Beispiel dafür, dass eine schöne Idee noch lange keine perfekte Serie macht, wenn man sie unnötig aufpumpt. RTL 2 zeigt "Heroes" mittwochs um 20.15 Uhr. Zum Auftakt gibt es die ersten beiden Folgen "Genesis" und "Kein Blick zurück" hintereinander.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker