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Simon Kremer: Lost in Nahost: Warum ich im Iran gerne mal einen Text von Helene Fischer parat gehabt hätte

Musik verbindet! Aber welches Lied soll man anstimmen, wenn man im Ausland um eine kleine musikalische Postkarte aus der Heimat gebeten wird? stern-Stimme Simon Kremer stand vor diesem Problem im Iran, beim Frauentausch-Gucken.

In der Altstadt von Tunis spielt ein junger Mann auf der Oud - und alle steigen ein, berichtet stern-Stimme Simon Kremer

In der Altstadt von Tunis spielt ein junger Mann auf der Oud - und alle steigen ein, berichtet stern-Stimme Simon Kremer

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Es war oder es war nicht – so fangen Märchen in der Arabischen Welt an – es war oder es war also nicht einmal eine menschenleere Straße im Herzen des Iran. Die Piste verlor sich schnurgerade in beide Richtungen in der Wüste. Der Busfahrer schaute noch ein wenig fragend, öffnete dann aber die Tür und ließ uns zurück. Als sich der Bauch des Busses vor uns wegschob, blieben wir übrig – und vor uns eine Hand voll Häuser. Wir wollten ja die Wüste sehen und die Einsamkeit.

In einem der Häuser trafen wir einen alten Patriarchen: Er kauerte auf dem Boden unter einer lose an der Decke baumelnden Glühbirne. Immer wieder wies er durch das Fenster auf die rostigen Mercedes-Autowracks in seinem Garten, von denen er behauptete, dass sie noch fahren würden, aber die Zündung sei gerade … also wirklich … es tut mir leid … also gestern … Er lobte Deutschland und Mercedes. Und Ahmadinedschad, der – ganz sicher höchstpersönlich, so wie der Patriarch es erzählte – erst vor ein paar Stunden sein Haus ans Stromnetz angeschlossen hatte. Und dann kommen an diesem Tag auch noch zwei Gäste aus Deutschland!

Dann schickt er seine Frau aus der Tür. "Bring mir meinen Hafiz!" Und dann kniete er, vor sich das dicke Buch in dickes Tuch eingeschlagen, auf dem mit Teppich ausgelegten Boden und rezitierte durch die großen Zahnlücken zischelnd die Gedichte des berühmten persischen Dichters. Und seitdem frage ich mich immer wieder einmal: Wenn ein Fremder zu mir nach Hause käme, würde ich ihm Goethe-Gedichte vortragen oder "Der Mond ist aufgegangen" vorsingen?

Ein Lied aus der Heimat?

Roger Willemsen, einer der letzten wahren Weltensammler, hat das mal in einem Interview als die schönste Frage bezeichnet: Welches deutsche Volkslied singen Sie, wenn Sie im Ausland eingeladen werden und etwas aus Ihrer Heimat vortragen sollen? Und Willemsen war – vollkommen untypisch für ihn - sprachlos. Und wusste zunächst keine Antwort.

Wenn es darum geht, von der Heimat zu erzählen oder etwas "deutsches" zu teilen, dann fällt uns das schwer. Klar, viele Volkslieder sind von den Nazis vereinnahmt worden und so haftet ihnen heute noch das völkisch-bündische an. Und die Verehrung Goethes, dass man seinen West-Östlichen Divan oder Schillers Ode an die Freude in allen neun Strophen immer in der Tasche hat, geht auch nicht so weit. Aber was dann singen, wenn man darum gebeten wird?

Als wir vor kurzem zum Abendessen in der Altstadt von Tunis waren, saßen wir mit ein paar jungen Leuten zusammen. Einer hatte eine Oud dabei (Sie wissen schon, so eine bauchige Gitarre mit abgeknicktem Hals aus diesen Mittelalter-Filmen) und ein anderer fing sofort an zu singen. Es ging natürlich um die Liebe, um habibi und die schmerzvolle Trennung. Weil es eigentlich in allen arabischen Liedern – den alten Volksliedern wie den neuen Popsongs – immer um habibi, den Liebling, geht. Aber der junge Mann saß da und sang die alten Lieder von Fairuz, der Diva aus dem Libanon, und Umm Kulthum, der Diva aus Ägypten. Und die ringsum Sitzenden sangen sofort mit. Die Lieder der Beiden sind quer durch die Arabische Welt Gemeingut – trotz aller lokaler Rivalitäten. Und jetzt stellen Sie sich diese Szene mal in der Altstadt von – sagen wir – Duisburg vor, wo ein paar Jungs mit der Gitarre in der Fußgängerzone stehen und "Wenn alle Brünnlein fließen" singen. Oder, wenn sie eine deutsche Diva à la Hildegard Knef nehmen: "Für mich soll’s rote Rosen regnen".

RTL II mit illegaler Satellitenschüssel im Iran

Ich hatte deswegen mal im Freundeskreis herumgefragt, welche Lieder dort angestimmt würden, beziehungsweise auch tatsächlich schon mal im Ausland bei Fremden – oder in Deutschland mit Flüchtlingen am Esstisch - angestimmt worden sind. Zum Glück hat niemand an Helene Fischer oder das Bett im Kornfeld gedacht, stattdessen ließ die Textsicherheit meiner Freunde bei bestimmten Liedern wirklich tief blicken. "Wir lagen vor Madagaskar", "Das Stipendium versoffen", "Die Internationale", "Hejo, spann den Wagen an", "Über den Wolken". Aber auch regional sehr verankerte Lieder, wie "Viva Colonia", "Das Schwammelied" aus dem Erzgebirge oder natürlich das "Sauerlandlied" ("Wo die Misthaufen qualmen, da gibt’s keine Palmen"- lyrischer geht es doch gar nicht!).  

Und die Frage ist alles andere als banal und ich appelliere JETZT an JEDE und JEDEN, sofort mindestens zwei Lieder für solche Fälle auswendig zu lernen. Es geht ja hier schließlich um unseren guten Ruf. Ich hätte mir gewünscht, dass ich mir mal früher solche Gedanken gemacht hätte. Denn auf einer weiteren Etappe der Iran-Reise wurden wir zu einem jungen Pärchen nach Hause eingeladen. Sie sprachen kein Wort deutsch und englisch, waren aber extrem stolz, uns eine Nacht als Gäste zu haben. Sofort wurde der Fernseher angeschmissen mit der – soweit reicht es dann sprachlich noch – illegalen Satellitenschüssel. Und sofort wurde durchgezappt aufs deutsche Programm. RTL II. Frauentausch. Wenn mir doch nur ein Songtext von Helene Fischer eingefallen wäre. Glück auf!

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