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Simon Kremer: Lost in Nahost: Ich trete in Tunesien dauernd in kulturelle Fettnäpfchen. In eines aber immer wieder mit Anlauf

stern-Stimme Simon Kremer hält nichts davon, seine kleine Tochter als Prinzessin zu verkleiden. Immer wieder muss er sich im Alltag deswegen erklären. Dabei begeht er jeden Morgen ein noch viel größeres Sakrileg.

Findet, Mädchen können auch blau tragen: stern-Stimme Simon Kremer mit seiner Tochter

Findet, Mädchen können auch blau tragen: stern-Stimme Simon Kremer mit seiner Tochter

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Manchmal ist es schön, Gewissheit zu haben. Da sitzt man im Wartezimmer des Kinderarztes (und mit einem paar Monate alten Baby sitzt man ja eigentlich ständig im Wartezimmer eines Kinderarztes) und will mit den anderen geplagten Eltern sein Leid teilen. Aber schon bei der Einstiegsfrage scheitert es: "Was hat …" kurze Pause, zögern, dann etwas fragend … "er" – hier bleibt der Satz hängen wie am Ende eines Fragesatzes – "denn?". "Sie hat die Nase zu", sage ich dann, nur ein kleines bisschen schuldbewusst, dass ich es meinen mitfiebernden Leidensgenossen so schwer mache.

Als Deutscher in der arabischen Welt tritt man ja eigentlich permanent in kulturelle Fettnäpfchen. In eines springe ich jedoch immer wieder mit Anlauf und Arschbombe hinein: Wenn es um die Kleidung unserer Tochter geht. Von Anfang an haben meine Frau und ich uns gegen eine "Prinzessin" entschieden, die mit rosa Spitzenkleidchen und Silberreif im Haar herumläuft. Und es wäre verdammt leicht, hier in der Nachbarschaft entsprechende Accessoires zu finden. Denn in der Babyabteilung im Supermarkt gibt es exakt zwei Gänge: Einen in hellblau und einen in rosa. Häufig krabbelt unsere Kleine deswegen in hellblauem Camouflage durch die Krippe. Weil sie auch noch vollkommen haarlos ist, kommt es deswegen gerne mal zu Irritationen.

"Sieben Monate? Und noch keine Ohrringe?"

Letztens durfte ich mir im Wartezimmer den Vortrag einer jüngeren Omi anhören, die ihren Sohn mit dem Enkelkind zum Arzt begleitete und sich um das Kind kümmerte, während der Vater Nachrichten ins Handy tippte. "Wie? Sieben Monate? Und noch keine Ohrringe?" Stolz präsentierte sie die durchlöcherten Öhrchen ihres neun Monate alten Enkelkindes.

"Sonst ist sie irgendwann sechs Jahre alt und noch gar nicht an Ohrringe gewöhnt." Sie wirkt ernsthaft schockiert. "Und dann trägt sie vielleicht sogar nur noch Jeans. Das geht doch nicht!" Eine junge Mutter springt bei: "Meine Tochter ist drei Jahre alt und hat auch keine Ohrringe!" Ein abschätzender Blick der Oma. Die junge Mutter trägt Jeans. Furchtbar. So geht es mit Jugend und der ganzen Gesellschaft also bergab.

Dabei ist Tunesien noch das Land in der Arabischen Welt mit den fortschrittlichsten Gesetzen, wenn es um Frauenrechte geht. Gerade erst hat der Präsident mehrere Gesetzesvorschläge gemacht, nach denen Gewalt gegen Frauen härter bestraft werden soll und Frauen in Zukunft genauso viel erben sollen wie ihre männlichen Geschwister. Anschließend kam es auf der Prachtstraße von Tunis – da, wo die großen Demonstrationen zum Auftakt des Arabischen Frühlings stattgefunden haben – zu Demonstrationen. Männer und Frauen protestierten gegen die Pläne. Es geht um Traditionen und das Beibehalten von Altbekanntem. Wo sich sowieso schon alles ringsum ändert.

Die Schere zwischen Männern und Frauen

Zahlreiche Untersuchungen kommen zu dem – leider Stereotypen bedienenden Schluss – dass Frauen in der Arabischen Welt mit die niedrigsten Raten haben wenn es um wirtschaftliche Beteiligung geht. Die Schere zwischen Männern und Frauen ist hier in der Region mit am höchsten, findet zum Beispiel eine Studie des Weltwirtschaftsforums. Unter den untersuchten 144 Ländern war im vergangenen Jahr kein arabisches Land unter den Top 100.

Aber ticken wir – wenn es um unsere Vorstellungen von Männern und Frauen geht – in der westlichen Welt so anders? In der vergangenen Woche gab es große Aufregung um James Bond Darsteller Daniel Craig, der sich doch tatsächlich erdreistete, sein Baby in einer Känguru-Tragetasche vor dem Bauch zu tragen. Ein etwas konservativerer Moderator sprach Daniel Craig aka James Bond daher die Männlichkeit ab. Dahinter steckt die traurige Verunsicherung: Woran soll ich denn noch glauben, wenn es jetzt schon so weit gekommen ist?

Und ein bisschen kenne ich diese Blicke. Es fing nach der Geburt unserer Tochter im Krankenhaus an, als ich die Kleine wickeln wollte und von der Schwester zur Seite geschoben wurde ("Das ist nicht ihre Aufgabe, Monsieur!") und geht jeden Morgen weiter, wenn ich die Tochter zur Kita bringe. Im Tragegurt vor dem Bauch natürlich. Auch dann gucken die jungen Männer, die in den Cafés am Straßenrand sitzen, belustigt, lachen ein wenig und manchmal gibt es einen Spruch in meine Richtung. Aber wie soll ich die Kleine denn sonst mit der Vespa in die Kita bringen? Männlicher geht es doch kaum.