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Simon Kremer - Lost in Nahost: Hitler im Friseursalon, Hitler im Supermarkt-Bücherregal

In Deutschland wird wieder viel über rechte Tendenzen gesprochen und über Antisemitismus, wenn Juden nicht mehr mit der Kippa durch Berlin gehen können. Neu ist das Phänomen nicht. Und nicht auf Deutschland beschränkt.

Ein Bücherstand in der Altstadt von Amman. In der Arabischen Welt verehren viele immer noch Adolf Hitler.

Ein Bücherstand in der Altstadt von Amman. In der Arabischen Welt verehren viele immer noch Adolf Hitler.

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Er ist wieder da. Hitler schaut mich aus dem Frisierspiegel an. Ich sitze in einem abgewetzten Lederstuhl, und Noureddine lacht mit der Lache eines 70-Jährigen, die schon über jeden Witz dieser Welt gelacht hat. Den Rasierschaum noch am Kinn und um die Koteletten, blicke ich in das Gesicht, in dem ein weißes Hitlerbärtchen über der Oberlippe prangt. Noureddine klopft mir auf die Schulter, lächelt wie ein Verschwörer und sagt nur: "Guter Mann." Er meint nicht mich. Verdammt, ich muss mir einen neuen Friseur suchen.

Irgendwann kommt in fast allen Gesprächen der Punkt, an dem die Beziehung kippt und irgendwann, wenn wir über die sonstigen Vorteile Deutschlands gesprochen haben, die Worte fallen: "Ahhhh, Hitler. Guter Mann." Etliche Taxifahrer habe ich deswegen schon verlassen, ihnen das Trinkgeld verweigert. Als letztens auch noch Mustafa, mein Bäcker von der Ecke, mir diesen Satz verschwörerisch über die Glastheke raunte, wollte ich verzweifeln. Nicht Du auch noch. Du bist so nett. Ständig reden wir über die neuesten Netflix-Serien, die ich legal, Du illegal schaust. Wir warnen uns vor Spoilern und schlechten Episoden House of Cards. Wenn ich ein Brot bei Dir kaufe, dauert es manchmal eine halbe Stunde, bis ich wieder zurückkomme. Aber kann ich mein Brot weiterhin bei jemandem kaufen, der Hitler für einen tollen Typen hält und der Meinung ist, irgendjemand solle seinen Job heute fortsetzen?

Bei vielen in der Arabischen Welt ist Hitler ein Held

Hitler ist ein Held bei vielen hier in der Arabischen Welt. Im Supermarkt die Straße runter steht offen "Mein Kampf" im Bücherständer. Viele verehren immer noch seinen starken Charakter, seine Führer-Figur. Und die Verbrechen? Das waren ja "nur“ Juden. Richtig so – sagen viele, wenn ich widerspreche.

Jetzt ist die Sache mit dem arabischen Antisemitismus natürlich eine zwiespältige. Entweder kommt der Vorwurf, man verharmlose ihn oder man dramatisiere ihn. Islamwissenschaftler Stefan Weidner hat es mal so ausgedrückt: "Wer beim Reden über den arabischen Antisemitismus die Skylla des Antisemitismusvorwurfs umschiffen will, läuft Gefahr, an der Charybdis des Vorwurfs von Islamophobie, Rassismus oder Orientalismus zu scheitern." Fröhlichen Schiffbruch also allerseits.

Dabei gilt ja hier in der Arabischen Welt das gleiche, wie auch in Deutschland: Wenn einer Unsinn redet, dann muss man ihn korrigieren. Das wird man doch noch sagen dürfen, gilt schließlich nicht nur für Populisten. Ich würde doch auch nicht sagen: Gaddafi, guter Mann. Saddam Hussein, ein lupenreiner Demokrat.

Die Probleme sind ja nur zu umschiffen, wenn sie auch bekannt und benannt werden. Ein Problem dabei: Die Erziehung. Als ich vor einiger Zeit in Syrien war, wurde gerade das Ende des Ramadans in den Ruinen von Aleppo gefeiert. Die heftigsten Kämpfe waren vorbei, nur ab und an flogen ein paar Mösergranaten in die Vororte. Auf einem Platz wurden Karussells für die Kinder aufgebaut, die jahrelang nur den Krieg kannten. Aber natürlich durfte auch eine Schießbahn für Luftgewehre nicht fehlen. Am Ende der 10 Meter langen Bahn standen zwei Soldaten aus Pappe. Der rechte hatte die amerikanische Flagge auf dem Helm, der linke die israelische.

Aber was soll man sagen, wenn Verschwörungstheorien so beliebt sind? Wenn hinter allen Fehlentwicklungen der Gesellschaft wahlweise die Amerikaner oder die Israelis stecken? Wenn dieses Stereotyp dann auch noch in tausend Fernsehserien wiederholt wird? Da fällt mir ein: Ich muss Mustafa noch vor der fünften Staffel Homeland warnen.