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Simon Kremer – Lost in Nahost : Jetzt nehmen uns die Flüchtlinge auch noch die Strände weg

Ein Flüchtlingsboot geht im Mittelmeer unter. 83 Menschen sterben. Kurz drauf werden die ersten Leichen an die Strände von Djerba gespült. Da ist der Urlaub natürlich ruiniert. Eine Polemik.

Von Simon Kremer

Strand von Djerba

Strand von Djerba: Bei Nordwestwind werden hier die Leichen angespült

Picture Alliance

Da liegt dann also eine Leiche am Strand, mitten zwischen Sandburg, Aquafit und Nachmittagscrêpes. Charlotte, eine Dame aus Belgien, findet sie. Und der Urlaub ist natürlich ruiniert. Ein belgischer Fernsehsender nimmt die Geschichte von Charlotte zum Anlass, um über ein Flüchtlingsdrama im Mittelmeer zu berichten, das sich in der letzten Woche vor Tunesien ereignet hat. Denn die Leichen werden Tage später bis auf die Ferieninsel Djerba im Süden von Tunesien gespült. Kann man natürlich machen, so eine Geschichte. Für die Ratgeberrubrik könnte man auch fragen: Sind angespülte Leichen eigentlich ein Erstattungsgrund an den Reiseveranstalter? Und zum Thema Fashion auch: "Der Robinson-Crusoe-Look: Sonnenhut aus Treibgut".

Vielleicht muss man mancher Polemik mit Polemik begegnen

Sorry, aber vielleicht muss man mancher Polemik mit Polemik begegnen. Über Flüchtlinge zum Beispiel kann man sowieso kaum noch sprechen, ohne von der einen Seite als links-grün versiffter Idiot bezeichnet zu werden, der offene Grenzen fordert, oder von Anderen zu hören, dass man ein Nazi ist, der alle Flüchtlinge in den Folterlagern Libyens vergammeln lassen will.  

Ich sitze in einem kleinen Strandcafé und gucke aufs Meer. Am Strand haben Familien ihre Sonnenschirme mit Tüchern zu kleinen Burgen ausgebaut. Im Wasser jauchzen Kinder auf grünen Plastikkrokodilen. Eine einsame Palme steht da, lang und dünn, ein Fahrrad lehnt am Stamm. So viel Idylle und Kitsch findet man sonst nur in Reiseprospekten oder den Instagram-Profilen von irgendwelchen Influencern. Die Toten kann man ja schön aus dem Ausschnitt raushalten.

Libyen, wo seit Jahren ein chaotischer Bürgerkrieg tobt, ist gerade mal 50 Kilometer entfernt. Nach Djerba, wo in den Hotels der Touristenzone schlechter russischer Techno läuft, sind es 20 Kilometer. Russendisco oder Bürgerkrieg, kaum zu entscheiden, was schlimmer ist. In den Bettenburgen sind jetzt gerade sicherlich auch ein paar Deutsche, die der Meinung sind, dass man die Flüchtlinge im Mittelmeer einfach ersaufen lassen sollte. Blöd nur, dass sie das auch tun und dass der Nordwestwind sie dann leider genau an den eigenen Traumstrand treibt. Jetzt nehmen einem die Flüchtlinge auch noch die Strände weg!

Worüber spricht man mit jemanden, der drei Tage lang im Mittelmeer treibt?

Vor ein paar Stunden gehe ich noch über einen kleinen Feldweg. Der Boden ist so hart und ausgetrocknet, dass der Sand unter den Füßen knarzt wie tiefgefrorener Schnee an einem strahlenden Wintertag. Neben mir geht ein dünner Junge. 16 Jahre ist er alt. Seine Hose hat Hochwasser wie Dresden 2002. "Worüber spricht man eigentlich, wenn man sich an einer Holzplanke festklammert und drei Tage im Mittelmeer rumtreibt?" Die Frage ist echt blöd, aber wir gehen seit Minuten schweigend nebeneinander her, weil wir nicht wissen, was wir sagen sollen. Der Junge ist einer von drei Überlebenden des Unglücks letzte Woche.

Und während wir in Europa darüber diskutieren, wer die Migranten aufnehmen soll, wird hier in Tunesien gerade darüber gestritten, wer die Leichen eigentlich begraben muss. Denn hier an der Bucht weht fast beständig ein Nordwestwind, und das heißt halt auch: viele Tote.

Dann stehen wir am Rand einer besseren Müllkippe. Plastiktüten flattern in den Sträuchern, aus dem Sand ragen ausrangierte Kühlschränke und anderer Schrott. Hier wird alles abgekippt, was keiner mehr haben will. Vor uns liegen 18 frisch ausgehobene Gräber. Keine Namen, nur Nummern. "Der Friedhof der Unbekannten", steht auf einem verrosteten Schild daneben. Und ein 16-jähriger Junge aus Mali guckt nur noch leer vor sich hin, weil er vor ein paar Tagen noch mit einigen Leuten, die hier zwei Meter tief unter der Erde liegen, damit die Hunde die Kadaver nicht ausbuddeln, zusammen auf einem kleinen Gummiboot gesessen hat, das in Richtung Europa schipperte. Weil er mal Fußballprofi werden will wie Lionel Messi, sein Idol (mein Einwand, dass Toni Kroos mal tausend mal besser ist, erntete übrigens nur ein kleines Lachen, aber das nur am Rande).

Das ist natürlich jetzt alles total polemisch. Sollte man sich aber vielleicht mal kurz vorstellen, bevor man dann gleich wieder irgendwo was von wegen "alle ersaufen lassen" kommentiert. Polemik Ende.