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Simon Kremer – Lost in Nahost: Wenn nichts mehr geht, tritt folgende Regel in Kraft: "Wir brauchen Regeln"

Ein typisches Thema, wenn in Deutschland lebende Ausländer nach ihren Erfahrungen gefragt werden: "Die Deutschen lieben Regeln." Das kann böse oder nett gemeint sein. Und manchmal zeugt es von einer tiefen Sehnsucht.

Von Simon Kremer, Tunis

Lost in Nahost - Lächeln in Tunis

Regel Nummer eins: mehr Lächeln. Findet zumindest das tunesische Kulturministerium und hat vor einiger Zeit Clowns für mehr Heiterkeit auf Tunis Straßen geschickt

Picture Alliance

Damals, als ich noch jeden Morgen mit dem Schulbus über die Sauerländer Straßen zur Schule gefahren bin, mochten wir einen Busfahrer ganz besonders. Das Schild über seinem Kopf "Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen!" hatte für ihn keine Bedeutung. Er ließ uns rumlaufen, über die Sprechanlage schiefe Lieder anstimmen und hörte uns zu, wenn wir uns wieder mal über unsere Französischlehrerin Frau H. aufregten. In unseren Augen war er ein Rebell, für den Regeln nicht galten.

Lob für deutsche Verlässlichkeit und Regeln

In letzter Zeit muss ich häufiger daran denken, wenn ich hier in der arabischen Welt im Bus sitze. Wenn der Fahrer in der einen Hand die Kippe hält, in der anderen das Handy und sich parallel noch mit seinem Nachbarn unterhält. Ein Schild, dass ich nicht mit dem Fahrer sprechen darf, fehlt. Und immer, wenn ich mit einem Fahrer ins Gespräch komme und ich sage, dass ich Deutscher bin, werden die deutsche Verlässlichkeit und die Regeln gelobt. Welch Ironie. Vor einem Jahr wurde immerhin die Regel eingeführt, dass man sich – zumindest vorne – im Auto anschnallen muss.

Wenn Ausländer in Deutschland nach ihren ersten Erfahrungen gefragt werden, werden die Regeln und Verbote in Deutschland fast immer als erstes genannt. Und es stimmt ja auch, schon als Kindern werden uns Regeln beigebracht: Nach dem Eis essen im Freibad geht es eine halbe Stunde nicht ins Wasser. Und auch Wasser trinken darf man nicht nach dem Eis essen. Vielleicht war das aber auch nur im Sauerland so. Wobei schon Goethe sagte: "Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben."

Die Ignoranz der Menschen

Wobei das auch bei den meisten Expats eines der ersten Themen ist, über die man sich im Ausland unterhält. Die Ignoranz der Menschen gegenüber roten Ampeln. Die Ignoranz der Fußgänger gegenüber Autos allgemein. Und umgekehrt genauso. Vor einiger Zeit haben sie über die – offiziell sechs, inoffiziell zwölfspurige - Schnellstraße Richtung meines Büros eine Fußgängerbrücke gebaut, weil es da immer wieder zu schweren Unfällen und Toten kam. Benutzt wird sie kaum. Die Menschen laufen weiter über die Straße.

Jetzt ist es natürlich als Ausländer leicht, sich zu beschweren. Zumal man selbst vieles vielleicht auch einfach nicht versteht. Woher soll ich zum Beispiel wissen, dass ich mit kurzer Hose und Hemd keine Behörde betreten darf? Und es ist auch kein spezifisches Problem einzelner Länder. In einem längeren Blogeintrag hatte sich damit auch vor einigen Wochen die auf den Philippinen lebende Autorin Nicole Villaluz auseinandergesetzt und über "ihre" Leute geschrieben: "Warum können Filipinos die einfachsten Regeln nicht einhalten?". Ihr Fazit gilt weltweit: Es fängt mit kleinen Ausnahmen an, mit Unachtsamkeiten – und schließlich wird es zur Gewohnheit. Jeden Morgen rege ich mich auf dem Weg zur Arbeit über die Autofahrer auf, die mir in der Einbahnstraße entgegenkommen, weil sie 30 Meter sparen wollen. Als guter Paragraphen-Roller-Reiter hupe ich dann immer brav und weise auf das Straßenschild hin. Vor einigen Tagen lag das Schild auf der Straße: Abgesägt und umgeknickt. Mit kleinen Unachtsamkeiten fängt es an…

Kehrwoche für ein Wochenende

Als hier in Tunesien letzten Monat ein absoluter Außenseiter und Politikneuling zum Präsidenten gewählt wurde, da versprach die Jugend: Wir räumen unser Land auf. Und zumindest an einem Wochenende gingen junge Menschen mit Plastiktüte und Besen durch die Straße und sammelten den Müll auf. Kehrwoche in Kairouan sozusagen. Nur zwei Tage später sieht es wieder aus wie vorher. Ich beschwere mich bei einem ägyptischen Freund darüber. "Entspann dich mal", sagt er mir. "Und lächle mal." "Ich bin Deutscher", antworte ich, "ich lächle nie." Und wir lachen beide.