HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Simon Kremer - Lost in Nahost: Gute Touris, schlechte Touris: Am Kebab-Spieß zeigt sich das wahre Gesicht

Einfach mal die Seele baumeln lassen im Urlaub und alle Sorgen fahren lassen. Viele Touristen lassen aber auch ihre guten Manieren zu Hause und fahren ohne sie – und treffen auf Einheimische, die ihre eigenen Interessen haben. Eine Stammestypologie.

Lost in Nahost Touristen Tunesien

Manchmal benehmen sich Touristen durchaus an den Kebabständen in Tunesien

Picture Alliance

Der Robinson Club ist eine Experimentalanordnung für Ethnologen. Wenn Touristen in den Urlaub fahren, gehen die Manieren häufig irgendwo unterwegs verloren wie ein Koffer am Flughafen Tunis-Carthage. Gerade in den großen Clubanlagen am Mittelmeer, in Ländern wie Marokko, Tunesien oder der Türkei, wo in den letzten Jahren die Touristenzahlen zwar erst einbrachen, später aber die Schnäppchenpreise über Angst und Moral der Reisenden siegten, entfaltet sich mit jedem Anreisetag eine eigene Stammeskultur in Reinform.

Djerba wird schnell zu Krasnojarsk

"Der Deutsche" oder "der Engländer", der morgens um sieben schon die Poolliegen mit dem Handtuch reserviert, ist ja inzwischen schon eher auf dem absteigenden Zweig des Neandertalers in der Entwicklung der Touristenmenschheit. An der Abbiegung zum Homo Erectus, der vor allem eher in Richtung Mallorca fliegt, hat sich an der nordafrikanischen Küste inzwischen eher der archaische Homo sapiens breitgemacht, der mit weiß-blau-rot-längsgestreifter Flagge um die Hüfte und einem Bier in der Hand das Hotel betritt und innerhalb von Minuten sein Revier an der nächsten Palme markiert. Dann wird Djerba ganz schnell zu Krasnojarsk.

Die wahre Schlechtigkeit eines Clubhotels in Agadir, Hammamet oder Marmaris bemisst sich ja nicht am lokalen Umrechnungsfaktor von Sternen oder der Fingerfertigkeit der Hausmädchen beim figürlichen Verknoten der Handtücher zu kleinen Flamingos – nein, eine wahrheitsgetreue Maßtabelle wäre die Einordnung, welche Lieder nachmittags um drei Uhr aus den Boxen am Pool dröhnen. Keine Musik ist Fünf Sterne Superior, seichte Chillout-Lounge noch im Vier Sterne Bereich und dann geht es schon rasant bergab mit Rihanna-mäßiger Tanzmusik für die Wassergymnastik über das umgedrehte rote Pferd (Mallorca-Niveau), russischen Trance Schlager (Djerba) bis hin zu Last Christmas im Hochsommer. Wham bei 32 Grad ist entweder ein Vorgriff auf den Klimawandel oder auf die Vorhölle. 

Danebenbenommen an der Muscheltheke

Am aufgestellten Kebap-Spieß oder der einmal in der Woche aufgebauten Muscheltheke zeigen sich die schlechten Manieren unserer Gesellschaft. Über den Tellerrand gucken hier nur Hähnchenschnitzel und gedämpfte Möhren. "Auf den Markt in der Stadt möchte ich ja schon noch gehen", sagt eine Mit-Fünfzigerin zu ihren drei Freundinnen. "Aber ich warte noch bis Sonntagnachmittag, dann sind die ganzen Einheimischen weg." Sie sagt wirklich: Einheimischen. Und zu Hause in Rheda-Wiedenbrück wird sie sagen, wie schön ursprünglich und einfach die Einheimischen hier noch leben. Dabei ist der Markt vor der Hoteltür nur reine Kulisse für die deutschen und russischen Touristen, die ein Selfie mit Kamel machen möchten und laut juchzen, wenn das Tier wankend einmal kurz aufsteigt und dann werden sie die Nase rümpfen ob des tierischen Geruchs.

Aber das hat ja auch "der Einheimische" verstanden, was "der Reisende" will. Kultur verkommt zur Folklore. Am Nebentisch sitzt eine über 60-Jährige mit einem jungen tunesischen Animateur. Kopf und Rücken gebeugt, das afrikanisch bunte Kostüm wirkt traurig eingeknickt wie ein Kartoffelsack, die Hand hat er wie zufällig auf den Tisch gelegt, dass die Touristin sie ergreifen muss. "Ja, ich schreibe Dir eine Einladung für Deutschland und dann kommst Du uns besuchen, das ist ja auch wirklich schlimm, was man hier mit Euch macht." Unter leichtem Schluchzen presst er die Lippen zusammen und deutet ein Danke an, dann steht er auf, schlurft noch ein paar Meter weiter um die Ecke, strafft sich und zwinkert seinem entfernt stehenden Kollegen zu.

Das "Bezness" funktioniert auch sonst gut

Das Geschäft mit den Touristen ist nicht auf den Verkauf billiger Keramikwaren und Schals beschränkt. Das "Bezness" funktioniert auch sonst gut und viele fallen auf traurige Gesichter und Anmachen am Strand genauso rein wie auf Schilder mit der Aufschrift "Festpreis".  Und dann ist eine Woche all-inkl. schon wieder rum. Und der Circle of Life beginnt von neuem. In einem sich so ständig erneuernden Biotop gibt es keine Evolution. Und Dawin ist ein Rapper, der bei Youtube über 100 Millionen Aufrufe hat.