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TV-Kritik

"Naked Attraction": "Die Vagina muss passen"

RTL II startet eine neue Staffel der Dating-Show "Naked Attraction". Hier ist erstaunlich viel Platz für Wertschätzung und Menschen, die nicht ganz so perfekt selbstoptimiert sind.

Von Jan Zier

"Naked Attraction": Bei dieser Dating-Show geht es erstmal nur ums Äußere

Diese Show hat ja mal etwas wirklich Befreiendes. Nein, nicht wegen der ständigen Nacktheit, die ist schließlich schon lange in die Dating-Shows eingezogen. Sondern weil hier endlich mal nicht nur die perfekt selbst optimierten, durchgestylten Modeltypen mit Fitnesstudio-Dauerkarte ins Fernsehen eingeladen werden. Die Austauschbaren, die man in Agenturen buchen kann, für seine Werbekampagnen. Klar, die gibt es hier auch, aber etwas Hüftspeck ist hier doch überall erlaubt, und sie müssen auch keine Zwanzig mehr sein. Wie wohltuend. Und auch die anfängliche Empörungswelle gegen derlei "würdelose“ "Fleischbeschau" hat sich erfreulicherweise wieder gelegt.

Trotzdem oder gerade deswegen ist "Naked Attraction" natürlich ein Spiegel der gesellschaftlichen Schönheitsideale: Keine Frau, die hier in der ersten Folge der neuen Staffel auftritt, kommt deshalb ohne Intimrasur aus, und Kandidatin Nadja natürlich auch nicht. Die 29-jährige, eine gelernte Fleischereifachverkäuferin, die mittlerweile als Tänzerin arbeitet, stand selbst schon mal nackig in einer der bunten Boxen, die ein bisschen aussehen wie diese Dinger, die sie in den Science Fiction-Filmen immer für Teleportationen nutzen. Damals schaffte sie es nicht bis zum Date, also will sie nun selbst aussuchen, nicht mehr nur ausgesucht werden. Seit sieben Jahren ist sie Single. Ihr Traummann ist unsportlich und hat einen Bauch.

Weniger Pornodarsteller als in vorheriger Staffel

Erstmal gibt es nur die Unterkörper zu sehen, alles bis zum Penis. Der Mann in der lila Box fällt als "zu athletisch" auf, während der Kollege nebenan, orange angestrahlt, untenrum so viele Haare hat, "das man Rastazöpfe draus flechten könnte". Das spricht eher gegen ihn, denn Nadja will lieber keine Haare in der Nase haben, wenn sie ihm einen bläst. Dabei ist er doch beschnitten! Und der Sex mit Beschnittenen ist intensiver, sagt sie. Das hört man ja öfters. Immerhin hat RTL II diesmal wohl nicht so viele Pornodarsteller eingeladen, denn dafür haben sie sich ja 2017 etwas Kritik anhören müssen. Klar, die ziehen sich halt gerne aus! Andererseits haben die sicherlich erst recht Probleme bei der Partnersuche, so lange körperliche Treue allenthalben immer noch so hoch im Kurs steht.

In der nächsten Runde – einer ist nun schon raus – sieht man nun den ganzen Mann, halsabwärts. Der Herr in blau fällt durch sein Nippelpiercing auf, rot, weil er "einen goldigen Bauch" hat, wie Nadja sagt, und orange, weil er "sehr dünn" ist. Schließlich wird auch das Gesicht enthüllt: Der Mann in rot hat einen "Kuschelblick", der Mann in grün aber einen kleinen Mund, und er lächelt auch nicht. Als die letzten drei Herren dann sagen müssen, was sie an sich besonders attraktiv finden, bleiben schließlich der Typ aus der blauen Box übrig und jener aus der roten, bei dem Nadja "irgendwas ausländisches" ausgemacht hat: Ein Bauzeichner, der letztlich doch durch sein Gesicht überzeugte, und ein Ingenieur mit brasilianischen Wurzeln. Der hat zwar mehr Bauch. Gewinnt das Date aber trotzdem nicht. Schließlich treffen wir die beiden beim Date in der Kneipe, und danach: Sie haben Nummern ausgetauscht, immerhin.

Natürlich funktioniert das Ganze auch umgekehrt. Uwe ist 42, hat ein Intim-Piercing und entspannt sich beim Gärtnern und Angeln. Er sucht eine Frau, die glatt rasiert und gepierct ist, aber auch lange Haare hat. "Die Vagina muss passen", sagt er, aber etwas durchgeknallt und verrückt soll sie auch sein. Die Frau aus der roten Box wird für ihre kleine Vagina gelobt, jene aus der blauen für ihre eher sportliche. Ein Tattoo hat sie auch, aber eher sowas mit "Blätterchen und Federchen". Frauen halt! Soll ja keiner sagen, dass hier nicht auch die Klischees durchschlagen.

"Naked Attraction" funktioniert ohne Lästern

Und Mariella, 27, wird zwar als Erste aussortiert, weil sie nicht in sein Beuteschema passt. "Aber ich gehe mit einem starken Selbstbewusstsein", sagt sie. "Man muss sich nicht für seine Figur schämen." Recht hat sie: Hier wird jede, jeder wertgeschätzt, der es ins Fernsehen geschafft hat. Es wird nicht gelästert, und es gibt auch keine fiesen Kommentare. Auch das kann RTL II sein, das böse Unterschichten-Fernsehen.

Auch für jede der Brüste ist Uwe voll des Lobes, aber die Frau in blau besticht vor allem durch "schöne, tiefe Augen, eine geile Nase" – und Lippen, die er gerne küssen würde. Jene in der gelben Box hat eher ein Stupsnäschen, und vielleicht sind auch ihre Haare zu kurz; sie ist "stolz" auf ihren Körper, sagt sie. Am Ende bleiben ein groß gewachsenes Model und eine tätowierte Krankenschwester, die Uwe dann am Ende aber doch nicht küssen darf. Insofern also im Grunde ein recht typisches erstes Treffen: Erstmal geht es um das Äußere, und später kommt es dann doch noch auf anderes an. Sie finden das oberflächlich? Ja, aber das sind Blind Dates doch sonst meistens auch.

Und nur für den Fall, dass wieder alle sagen: Sowas gucken sie nicht! Im Schnitt waren es immer zwischen ein und eineinhalb Millionen Menschen, und der Marktanteil bei den 14 bis 49-jährigen lag meistens über zehn Prozent.

Die ganze Folge von "Naked Attraction" können Sie hier nachsehen.

"Naked Attraction": Bei dieser Dating-Show geht es erstmal nur ums Äußere