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TV-Kritik

"Naked Attraction": Nackt und ehrlich: RTL2 startet eine Genital-Dating-Show

RTL2 hat jetzt eine Genital-Dating-Show: "Naked Attraction". Sie ist so erotisch wie ein Sauna-Besuch und verfolgt einen aufklärerischen Anspruch.

Von Jan Zier

"Naked Attraction": Bei dieser Dating-Show geht es erstmal nur ums Äußere

Natürlich ist es verwerflich und sexistisch. Der Untergang des Abendlandes und seiner Fernsehkultur. Mindestens aber der letzte Beweis dafür, also: wenn es überhaupt noch eines bedurft hätte! Folglich wurde dieser "würdelose TV-Tiefpunkt" schon vorab angemessen beschimpft, weil "an Dekadenz kaum zu überbieten". Eine "pure Fleischbeschau"! "Irre"!

Und so weiter. Nacktheit kann halt doch immer noch eine Provokation sein, hierzulande. Erstaunlich.

Dabei ist das neue, aus England importierte Format "Naked Attraction" total gleichberechtigt und quotiert. Es ist "die ehrlichste Datingshows der Welt", sagt die Moderatorin Milka Loff Fernandes, die einzige, die sich hier nicht nackig machen muss. Denn alle müssen sich hier erst einmal ausziehen! Ehe dann irgendwann doch noch die üblichen Fragen kommen - welche Musik man hört, ob man Kinder will oder Tiere liebt, was man eben so fragt bei Blind Dates, mit den üblichen, irgendwie taktierenden Antworten.

Beine, Geschlechtsteile, Hintern

Okay, zuallererst sieht man eben vor allem die Beine, seinen Schwanz oder eben ihre Möse (allesamt mehr oder weniger rasiert, natürlich!); danach den Hintern. Dann unterhält man sich, über Apfel- und Birnen-Pos natürlich, über beschnittenes versus unbeschnittenes Gemächt und Intim-Piercings. Und darüber, dass die Frau in der roten Box "nicht zu zart gebaut" sei im Genitalbereich, wie Rob sagt, während bei dem Herrn da drüben, da zittert der Hoden etwas – ob der aufgeregt ist, ein "Sensibelchen" gar? Und der Mann in der gelben Box, puh, also, der hat ja einen wirklich dicken Penis, aber Jenny findet eher seine Hände gut, sagt sie. Und sie will Männer auch gar nicht so gerne nach ihren Schwänzen aussuchen, zumal sie ja gar nicht recht weiß, wie groß der noch wird. RTL2 hat deshalb ein Aufklärungsfilmen produziert, dass den Unterschied zwischen einem Blutpenis (das sind die, die wir aus den Pornos kennen) und einem Fleischpenis erklärt (den haben laut RTL II nämlich 79 Prozent aller Männer). Soll ja keiner sagen, das Unterschichten-Fernsehen mit seinen Sozial-Pornos täte nichts für die Bildung der Menschen da draußen.


Jenny, 24, die Erzieherin werden und eine Großfamilie gründen will, ist HipHop-Tänzerin, deswegen scheidet, ganz wie im sonstigen Leben auch, der Herr aus, der eher etwas stabiler gebaut ist. Sein Gesicht sieht sie erst hinterher und seine Stimme hört sie auch erst, als es zu spät ist.

Drei der Männer dürfen auch etwas sagen

Vier Männern darf sie schließlich auch ins Gesicht sehen, einer könnte gut zu knutschen sein, der vollen Lippen wegen, ein anderer hat perfekt gegelte Haare. "Es ist ja immer schöner, wenn man das Gesicht sieht", sagt Jenny. Wie das eben so ist. Am Ende blieben drei, die was sagen dürfen, damit man auch mal ihre Stimme hört - und für die letzten beiden, einen KFZ-Mechaniker und einen Krankenpfleger, da muss sich dann auch Jenny ausziehen. Michael ist es dann geworden, nicht Thomas, der sportlichere mit dem Six-Pack. Wegen der Augen, sagt Jenny, und weil er irgendwie "sympathisch" rüber kam. "Aber da waren doch auch welche mit Muskeln", fragt er hinterher beim Date in der Kneipe. Es geht halt auch beim Nackt-Dating nicht nur darum, wer das gesellschaftliche Schönheitsideal am besten erfüllt. Und natürlich suchen alle den Partner fürs Leben und nicht nur eine Affäre oder einen One-Night-Stand. Alles ganz konservativ hier.

"Naked Attraction": Bei dieser Dating-Show geht es erstmal nur ums Äußere


Und wertschätzend! Rob etwa, der 26-jährige Gitarrenlehrer, der in einer Metallica-Tribute-Band spielt und Nackt-Katzen hat, ist voller Komplimente über die sechs Damen, die sich unbekannterweise für ihn ausgezogen haben. Und weil er halt ein Mann ist, sagt er, dass er sich hinterher besser auf das Gespräch konzentrieren kann, wenn er schon weiß, wie sie nackt aussieht. Die Frau mit der "saugeilen Kurzhaarfrisur" hat er leider aussortiert, eh er eben jene sah, aber sie steht eh eher auf Männer mit kurzen Haaren, und Rob hat lange. Und die Blondine mit den Wimpernextensions und den vergrößerten Brüsten, auf die sie sehr stolz ist - schafft es immerhin in die Runde der letzten Drei, ehe sein "Inneres Ich" sie nach Hause schickt, weil es mehr auf "natürliche" Frauen steht. Die Suche nach dem rechten Partner ist eben immer ein Wettbewerb, nur dass es hier etwas deutlich ist als sonst. Da aber die Frau seiner Wahl aus Österreich kommt, er aber Berliner ist, wird das wohl nix mit den Zweien, auch wenn er "ein irrsinnig freundlicher Typ" ist, wie sie sagt.

"Naked Attraction" ändert wenig an der Partnerwahl

Bleibt also erstens die Erkenntnis, dass die Partnerwahl keine wesentlich andere ist, nur weil man den anderen eben erstmal nackt sieht. Und zweitens die neuerliche Einsicht, dass nackte Menschen alleine nicht erotisch sind. Drittens ist RTL II bei "Naked Attraction" erfreulich facettenreich, was die Wahl der Kandidatinnen und Kandidaten angeht, was man etwa von "Germany's Next Topmodel" oder dem "Bachelor" nicht behaupten kann. Für die zweite Folge haben sie sogar Trans-Menschen und Pansexuelle eingeladen. Ins ach so verschmähte Unterschichten-Fernsehen!

Wow.

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