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"Kerner"-Premiere bei Sat1: Günther Jauch? Kann ich auch!

An Günther Jauch wollte Johannes B. Kerner nicht gemessen werden. In seiner ersten Sendung auf Sat1 lieferte er aber einen derart schlechten Abklatsch von "stern TV", dass er sich dem Vergleich nun stellen muss. So war die "Kerner"-Premiere.

Von Katharina Miklis

"Ich will viel, manchmal vielleicht zu viel." Johannes B. Kerner weiß, wo seine Schwächen liegen. Das gab er unlängst in einem Interview zu. Die volle Ladung Kerners adäquater Selbsteinschätzung gab es am Montagabend nun zum ersten Mal bei Sat1 zu sehen. Da war vielleicht viel "Wollen", aber nur wenig "Können". Die erste "Kerner"-Ausgabe überraschte mit beliebigen Themen, null Aktualität, viel zu langen Einspielern, peinlichem Service-Getue und vor allem: viel Langeweile.

Nur das viele Orange im modernen, viel zu großen neuen Studio erinnerte an Kerners ehemaligen Haussender, das ZDF. Ansonsten hatte die Premierensendung mehr von abgestandenem Blasentee als unterhaltsamem Themen-Cocktail. Kerner, der neue Ratgeber-Onkel von Sat1, war routiniert, klar. Seine eigentliche Stärke, tiefgehende Gespräche mit seinen Gästen, blieb jedoch aus. Die neue Sendung hat nichts mehr vom einstigen Talk. Es wird nicht wirklich geredet, nur ausgetauscht, aufgeklärt, ratgegeben.

Der Moderator hatte ja bereits angekündigt - angedroht muss man jetzt sagen - dass er "magaziniger" werden wolle. Wie Günther Jauchs "stern TV". Dass er damit meinte, alte Themen aufzuwärmen, weiß man jetzt nach der Premiere. Es ist ein langweiliger Abklatsch. Vehement bestand er im Vorfeld darauf, nicht mit dem "beliebtesten Deutschen" verglichen zu werden. So billig, wie er in der ersten Sendung kopiert hat, muss er sich jedoch dem Vergleich stellen.

Bei seiner ersten Sendung bei Sat1 setzte Kerner - scheinbar aus Unsicherheit oder Ideenlosigkeit - auf vermeintliche Aufreger-Themen, die mittlerweile allerdings so abgegriffen sind, dass sie nur noch zum Abschalten anregen. Als erster Gast durfte die Aldi-Kassiererin Romy Büssow von ihrem Schicksal bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber erzählen. Mobbing, Überstunden, Druck vom Chef ... Ja, das ist natürlich alles furchtbar. Aber nicht nur für die Kassiererin. Auch für den Zuschauer. Pfandbons, die Maultaschen ... Themenwechsel! Natürlich, Kerner ist ein alter TV-Profi, die Stirn kann er immer noch so schön betroffen in Falten legen. Die Fragen an die Kassiererin, die er von seinen Kärtchen abliest, sind trotzdem die gleichen, die schon im Einspielfilmchen geklärt wurden. Es ist alles gesagt.

Durchhalten wird bestraft

Wie Jauch versuchte auch Kerner, seine Zuschauer interaktiv einzubeziehen, rief sie auf, Fragen per Mail zuschicken und mit dem Kündigungsexperten zu chatten. Später sprach er von "stapelweisen Mails". Das ist schon fast unverschämt gegenüber dem Zuschauer, wenn man bedenkt, dass die Sendung gar keine Live-Sendung war.

Wer es tatsächlich geschafft hatte, dranzubleiben, und nicht zum großen Konkurrenzprogramm "Bauer sucht Frau" auf RTL umzuschalten, wurde im zweiten Beitrag dafür hart bestraft. Es ging um Staus und Baustellen auf Deutschlands Straßen. Langweiliger und einfallsloser geht es kaum. Wieder ein viel zu langer Video-Beitrag, in dem man nicht viel mehr sah, als dass auf Deutschlands Straßen nicht viel geht. Zehn Minuten lang. Stau. Pendler lösen in ihren Autos Sudoku-Rätsel - die "Kerner"-Zuschauer wahrscheinlich auch. Dann sitzt der Moderator mit einer Berufs-Pendlerin in einer "Sendung mit der Maus"-Kulisse mit blinkenden Warnschildern und Verkehrskegeln und spricht darüber, wie es denn so sei, im Stau zu stehen.

Peinlich berührend war auch der Auftritt des Comedians Mario Barth, beziehungsweise Kerners krampfhafter Versuch, ein Gespräch vorzutäuschen und über Barths müden Sprüche zu Lachen. Warum dieser überhaupt als Studiogast geladen war, blieb bis zum Schluss ungeklärt. Bei RTL schon längst verbraten, durfte er bei Sat1 die alten Gags aufwärmen. Und drei Steaks braten. Damit wollte Service-Kerner, der doch eigentlich nie wieder im Fernsehen kochen wollte, zeigen, wie viel Gewicht ein 200-Gramm-Steak beim Braten verliert. Es ging bei "Kerner" nämlich auch um kuriose Rechtsirrtümer.

Eine Farce: Erst in der letzten Woche hatte Jauch das gleiche Thema bei "stern TV". Mit dem gleichen Gast, Dr. Ralf Höcker, als Experten. Das ist ganz schön viel RTL für Sat1. Und ganz schön viel Jauch für Kerner. Natürlich war es ein kollegialer Seitenhieb von Jauch, dieses Thema spontan in die Sendung zu nehmen, wo Kerner es doch für seine Premiere geplant hatte. Kein Grund für die "Kerner"-Redaktion, dieses Thema nicht knallhart durchzuziehen und das gleiche Programm zu machen. Etwas mehr Spontaneität ist von einem solchen Sat1-Prestige-Projekt zu erwarten.

Das bittere Fazit zur Premiere: verbrauchte Themen, langweiliges Konzept, überraschend oberflächlicher Moderator. Das wird bestimmt noch besser. Aber diese Sendung hätte genauso gut vor vier Wochen laufen können. Oder in vier. Oder gar nicht.