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"Kuttners Kleinanzeigen": Die TV-Rotzgöre im Bordell

Mit ihrer vorlauten Art wurde sie berühmt. Schnodderschnauze und Ex-Viva-Moderatorin Sarah Kuttner hat jetzt eine eigene Show in der ARD. In "Kuttners Kleinanzeigen" besucht sie die Menschen hinter der Zeitungsannonce. Aber kann sie die Sendungsidee wirklich umsetzen?

Von Nana Gerritzen

Wenn man eine gute Idee hat und irgendwann merkt, dass diese gute Idee leider nicht funktioniert, sollte man sie überdenken und vielleicht verwerfen. Das hätte auch Sarah Kuttner tun sollen. Oder der Südwestrundfunk, der für die Sendung "Kuttners Kleinanzeigen", die seit gestern in der ARD ausgestrahlt wird, verantwortlich ist. "Kuttners Kleinanzeigen" sei nicht ihre Idee gewesen, betonte die 29-jährige Berlinerin kürzlich in einem Interview. Sie habe nur einen Auftrag bekommen und ihn angenommen. "Ich habe gearbeitet, ich wurde bezahlt, ich bin glücklich", sagt Kuttner dazu.

Die gute Idee des Südwestrundfunks war es, kuriose Kleinanzeigen aufzuspüren. Nach wochenlangem Wälzen von Lokalblättern wurde die Redaktion tatsächlich fündig, markierte Kleinanzeigen wie "Esel gesucht", "Bordellbusiness zu verkaufen - Mädchen inklusive", und drei Annoncen ein und desselben Urhebers: "Tausche Katzenklo gegen Kaffee", "Tausche Kinderkleidung gegen Kaffee" und "Tausche Gartentisch gegen Kaffee". Als junge, schlagfertige Moderatorin sollte Ex-MTV und Viva-Girlie Sarah Kuttner die Auftraggeber dieser Anzeigen aufspüren und dem Fernsehzuschauer präsentieren. So weit, so gut.

Eine Mischung aus "The simple Life" und "Bauer sucht Frau"

Doch nicht alles, was glänzt, ist Gold. Und nicht alles, was auf den ersten Blick ungewöhnlich und interessant erscheint, ist es dann auch. Statt die gute Idee zu begraben, entschied sich der Sender dazu, trotzdem zu produzieren. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Paris Hiltons Reality -Show "The simple Life" und "Bauer sucht Frau". Dem Zuschauer wird eine nicht sonderlich unterhaltsame und völlig unironische halbe Stunde geboten. Da hilft es auch nicht, wenn die Moderatorin am Ende der Sendung doch noch eine wirklich witzige Kleinanzeige vorträgt: "Dummer, fauler Sack sucht charmante, alltagstaugliche und intelligente Sie."

Vor knapp zwei Jahren hatte MTV die Sarah Kuttner-Show, die ursprünglich bei Viva lief, aus Kostengründen abgesetzt. Gemessen an der schwachen Einschaltquote seien die Produktionskosten zu hoch, begründete der Musiksender. US-Reality-Shows liefen einfach besser und seien zudem viel günstiger. Kuttner weigerte sich danach, andere Moderatorenjobs für MTV zu übernehmen. Stattdessen hat sie sich nach eigenen Angaben erstmal im "experimentellen Ausruhen, langen Schlafen und Quatsch-im-TV-Gucken" geübt. Seither hatte sie einige kleinere Jobs und moderierte ein halbes Jahr mit ihrem Vater Jürgen Kuttner eine Talksendung bei Radio Eins. Jetzt macht sie mit "Kuttners Kleinanzeigen" selbst Reality-TV. Nur, dass es im Öffentlich-Rechtlichen "Doku-Show" heißt.

In der ersten Folge dieser Doku-Show stolpert Sarah Kuttner ziemlich unbeholfen durch die Bundesrepublik, um langweilige und deprimierende Geschichten hinter scheinbar interessanten Kleinanzeigen aufzudecken. Die Reise bringt sie zu einer älteren Dame in Stuttgart, die ihre fingernagelkleine Bibel an den Höchstbietenden verkaufen will, weil sie keine Familie hat, denen sie dieses besondere Besitztum vererben kann. Außerdem besucht sie eine Frau mittleren Alters, die wissen will, was aus ihren verkauften Eseldamen Lola, Sina und Vera geworden ist und der beinahe die Tränen kommen, als sie sagt: "Ich will einfach wissen, dass es der Lola gut geht, dann kann ich wieder schlafen."

Sarkasmus im Bordell

Die absolute Krönung der Show ist ein Besuch in einem Saarbrücker Bordell, das laut Kleinanzeige samt der dort arbeitenden Prostituierten den Besitzer wechseln soll. "Ich kaufe doch nicht die Hure im Sack", sagt Kuttner dazu und hüpft erwartungsvoll fröhlich in das Etablissement "Patricias World". Leider stellt sich heraus, dass sich hinter der Anzeige keine lustige kleine Anekdote verbirgt. Vielmehr hat die Leiterin des Ladens einfach genug vom horizontalen Gewerbe. Sie will zurück in ihre Heimat, nach Kolumbien, dort eine andere Arbeit und einen neuen Mann finden und das alles vergessen, wie sie desillusioniert sagt. Doch das hindert Kuttner nicht daran, unbeschwert wie ein kleines Mädchen durch das Haus zu springen, die überwiegend osteuropäischen, mit String Tangas bekleideten Prostituierten vor die Kamera zu zerren und vorzuschlagen, gemeinsam eine Pyjamaparty zu feiern. "Vielleicht fange ich ja selber hier an", sagt sie. Sarkasmus im Bordell - wie passend.

Während Schnodderschnute Sarah Kuttner hinter dem Schreibtisch im heimischen MTV-Studio ihren coolen Musikergästen gegenüber immer einen frechen Spruch auf den Lippen hatte, ist sie auf ihrer Kleinanzeigen-Tour eher unbeholfen. Sie jagt Wellensittiche durch Wintergärten, freut sich, als Großstadtkind auch mal ein Pony streicheln zu dürfen und wirkt dabei nicht jugendlich und schlagfertig, sondern überfordert und kindisch. Es scheint, als wisse sie selber nicht, warum und für wen sie die Geschichten erzählt. Rotzgöre Kuttner - das war einmal.

Das richten, was Bruce Darnell nicht geschafft hat

Letztendlich kann einem Sarah Kuttner fast Leid tun. Während MTV-Kollegin Nora Tschirner inzwischen etablierte Schauspielerin ist und Viva-Freundin Charlotte Roche mit dem Popo-Roman "Feuchtgebiete" einen Bestseller gelandet hat, macht sie sich fürs Öffentlich-Rechtliche die Hände schmutzig. Sie soll richten, was Bruce Darnell, Ex-Jurymitglied aus der ProSieben-Show "Germany's next Topmodel", mit seiner Vorabend- Stylingshow nicht geschafft hat und der ARD endlich zu jüngeren Zuschauern verhelfen. Ob das klappt, ist fraglich. "Ich bin kein Quotenbringer, kein Prime-Time-Mädchen", sagt Kuttner über sich selbst. Und letztlich glaubt wohl auch die ARD nicht an ein Fräuleinwunder: "Kuttners Kleinanzeigen" hat keinen sonderlich prominenten Sendeplatz bekommen und soll erstmal nur drei Folgen laufen.

"Kuttners Kleinanzeigen" läuft ab dem 6. Juli zunächst als Dreiteiler sonntags um 23.30 Uhr in der ARD