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Momente der TV-Geschichte "Lindenstraße" erhält Bombendrohungen - dieser Kuss ist zu viel

Lindenstraße: schwuler Kuss
In Folge 224 der "Lindenstraße" küssen sich Carsten Flöter (Georg Uecker) und Robert Engel (Martin Armknecht)
© WDR / ARD
Ein leidenschaftlicher Zungenkuss in Großaufnahme: Diese Szene in der ARD-Serie "Lindenstraße" sorgt 1990 für Bombendrohungen. Der Grund: Es sind zwei Männer, die sich küssen.

Keine zwei Sekunden dauert die Szene, doch sie sorgt für einen Sturm der Entrüstung: Am 18. März 1990, dem Tag der ersten freien Volkskammerwahlen in der noch existierenden DDR, läuft im Fernsehen die 224. Folge der ARD-Erfolgsserie "Lindenstraße". "Das Horoskop" ist der harmlose Titel der Folge. Doch sie sorgt bei konservativen Politikern, der katholischen Kirche und einigen Zuschauern für Schnappatmung. Denn gezeigt wird ein schwuler Kuss.

Die Figuren Robert Engel, gespielt von Martin Armknecht, und Carsten Flöter, dargestellt von Georg Uecker, geben sich gegen Ende der Folge einen leidenschaftlichen Zungenkuss. Bereits zuvor gibt es Kritik an der Serie, die immer wieder vermeintliche Tabus bricht. An der Darstellung eines schwulen Paares nimmt vor allem die katholische Kirche schon lange Anstoß. Doch jetzt, wo sogar geknutscht wird, ist die Empörung groß.

"Lindenstraße"-Schauspieler wird als "schwule Sau" beschimpft

"Die Leute sind auf der Straße übergriffig geworden, haben mich beschimpft: 'Du schwule Sau, ab ins KZ'", erinnert sich Schauspieler Armknecht 2019 in einem Interview mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Es gibt Bombendrohungen gegen die Produktion, Georg Uecker wird auf der Straße als "Schwuchtel" beschimpft und erhält sogar Morddrohungen - alles wegen eines Kusses. Er habe sich erst gar keine Gedanken über die Szene gemacht, erinnert sich Armknecht. "Ich fand das eher läppisch, es war ja ohnehin so eine androgyne Zeit damals." Doch einige sehen das ganz anders.

Dabei ist es nicht mal - wie fälschlicherweise oft behauptet wird - der erste schwule Kuss in einer deutschen Fernsehserie. 1985 gibt es in der sechsteiligen WDR-Reihe "Kein schöner Land" eine Kussszene von zwei Männern, zwei Jahre später einen flüchtigen Männerkuss in der "Lindenstraße". Und selbst in der US-Serie "Denver-Clan" gibt es mit Steven einen schwulen Charakter. Doch jetzt erreichen Zuschriften besorgter Eltern den WDR: "Wie erkläre ich das meinen Kindern?"

Serie bereitet Weg zu mehr Aufklärung

Georg Uecker stellt sich der Kritik. "Ein Kind wundert sich nicht, wenn sich zwei Männer küssen, solange die Eltern kein Drama draus machen", sagt er 1990 und setzt auf Aufklärung. Er outet sich im gleichen Jahr in einem Interview selbst als homosexuell. Ein damals mutiger Schritt. Schwule Role-Models gibt es zu dieser Zeit in der Öffentlichkeit kaum.

Der Männerkuss in der "Lindenstraße" ist ein Stück Fernsehgeschichte – und Wegbereiter für einen gelasseneren Umgang mit Homosexualität. Doch vorerst scheint Produzent Geißendörfer die eigene Courage zu verlassen. Er schickt Carsten Flöter in der Serie ins Ausland. Erst Jahre später darf der Schwule zurückkommen. In Folge 608 kommt es dann erneut zum Kuss von zwei Männern – dieses Mal bei einer schwulen Hochzeit.

mai

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